Das freundlichste Museum Londons ist wirklich freundlich, nicht bloss ein Werbespruch. Der alte Herr begrüsst mich gleich bei der Eingangstür zum Brickbau am Regent’s Canal beim Mile End Park. «Ja», sage ich, «von Thomas Barnardo habe ich schon gehört.» Es war, soviel ich mich erinnere, in der Sonntagschule, wo ich die Geschichte hörte von dem guten Menschen, der in London arme Kinder sammelte, Waisenhäuser einrichtete und Schulen. Gross hängt sein Bild an der Wand. Barnardos Sonntagschule besuchten 2460 Kinder, also ein bisschen mehr als in Gibswil, wie die in den schmalen Räumen des ehemaligen Lagerhausese am Kanal Platz fanden, ist nicht vorstellbar. «Barnardo kaufte das Edinburgh Castle, eine grosse Musikhalle in Poplar bei den Docks. Statt Gin gab es dort nun warme Milch und statt Tanz Gottesdienst.» Auch die Tagesschule, gratis für Arme, besuchten zum Schluss 1075 Kinder, erzählt der Herr, sie bekamen nebst straffem Unterricht Frühstück und Dinner. Knaben und Mädchen getrennt und die Kleinen separat, offen für alle Rassen, Chinesen, Inder, Afrikaner, Amerikaner und Kariben lebten damals schon im vollgestopften East End, in dem der Handel in den Dock boomte, aber auch die Arbeitslosigkeit.
An Gibswil erinnert mich auch das Original-Klassenzimmer im oberen Stock, die Bänke mit den Klappen, die Säulen im Raum, das Lehrerpult mit dem Tintenfass. Hier werden auf Wunsch für heutige Klassen viktorianische Lektionen erteilt, mit Schiefertafeln, zackigen Anweisungen und kostümierter Lehrerin mit Stock. «Manchmal weint ein Kind.» Aber die Nachfrage ist gross. IBM hat das freundliche Museum 1995 mit einem «Museum of the Year award» ausgezeichnet.
Kinder rennen treppauf, treppab, füllen einen Wettbewerbsbogen aus. Ein betagter Herr, vielleicht ein ehemaliger Lehrer, schreibt mit Kreide schwungvolle Buchstaben auf die Tafel, die Kinder müssen ihren Namen in der alten Schrift auf den Bogen schreiben. Überall stehen ältere Leute mit Namensschildern grüssen und beantworten noch so gerne Fragen, man spürt Herz, Liebe fürs East End. Nur die Sprache macht Mühe, hier sind nun wirklich die waschechten Cockneys versammelt, sobald man sie anspricht, beginnen sie in Erinnerungen zu schwelgen. Gelegentlich versteht man ein Wort, kann sich so ein Puzzle des Gemeinten zusammensetzen. Ein echter Cockney ist jemand, der in seiner Jugend die «Bow Bells» hören konnte, die Glocken der Kirche von St. Mary Le Bow in Cheapside.
Mr Lewis zum Beispiel nickt stolz, als ich frage, ob er ein Cockey sei. «Of course», doch dann gibt er sich als Italiener der dritten Generation zu erkennen, nein, die Sprache kann er nicht mehr. Der Grossvater ist 1925 als Schuhmacher aus Varese herübergekommen, im Krieg hat man den Familiennamen dann anglisiert, früher hiessen die Lewis‘ nämlich Lucioni. Das war wahrscheinlich nicht so gefragt, als im East End die Bomben fielen. Den Italienern wurden die Scheiben eingeschlagen. Das Gebäude der alten Schule ist eines der wenigen, das stehengeblieben ist. Die Grünfläche des anschliessenden Mile End Parks war früher ein Wohnquartier. Wahrscheinlich wussten die Deutschen, dass der Kanal für den Munitionstransport diente.
Mrs Nicolson, die mir Kaffee macht, berichtet, sie seien drei Mal ausgebombt worden, einmal sogar von einer Rakete. Sie wohnten dann in einer Schule. Eine Enkelin habe sie einmal gefragt, warum sie nicht getötet worden seien. Da habe sie gesagt: «Die hatten doch gar keinen Platz mehr im Himmel oben.» Und sie lacht. Und erzählt noch ein paar Geschichten von früher. Zweimal Geburtstag habe sie, die Eltern hätten sie nämlich nicht fristgerecht angemeldet, weil sie auf einem Schiff zur Welt kam, und dadurch einen Batzen verpasst, den es offenbar gab. Da habe man sie einfach um sechs Wochen jünger gemacht. Sie zieht ihren Geburtsschein aus der Schürzentasche und zeigt ihn uns. Jetzt ist sie allerdings ein bisschen älter, gewiss über achtzig, aber noch blond und munter.
Wir trinken Kaffee, schauen über den schmutzigen Kanal, drüben ragen die Gerüste gewaltiger Gaskessel in den Himmel, Hochhäuser aus den sechziger Jahren verdecken die Kirche, in der Mrs Nicolson getauft worden ist: «Saint Dunstan and all The Saints, die älteste Kirche des East Ends, im Jahr 900 erbaut. Alle auf hoher See geborenen gehörten zu ihrem Kirchenspiel.»
«Gefällt es ihnen hier?» fragt Mr Lewis.
«Ja», sage ich, «mir gefällt diese Gegend und ihre Geschichte.» Die beiden Alten strahlen. Das Ragged School Museum scheint ihnen ein Stück Heimat zu bedeuten, ein Stück altes East End, verschont von den Bomben, von den Baggern, von den Veränderungen der modernen Welt. Selten habe ich in London so freundliche und offene Menschen getroffen.
Oder ist es Barnardos Geist? Missionar hatte er werden wollen, der Ire aus Dublin, das Christentum nach China tragen. Hatte sich im Royal London Hospital in Whitechapel medizinisch ausgebildet und dabei die Not im East End gesehen und hatte geholfen. Bei Reichen Geld gesammelt, Heime für Waisen aufgebaut, Arbeit organisiert, sich selber überarbeitet dabei. Als er 1905 fünfzigjährig starb, hatte er 59’384 Kindern einen Heimplatz verschafft und über drei Millionen Pfund Spenden gesammelt. Als ich gehe, werfe ich auch einen Batzen in den Schlitz der Kasse bei der Tür. Der Herr, der mich empfangen hat, dankt freundlich. Die Kinder bekommen für ihre ausgefüllten Wettbewerbsbogen Ansteckknöpfe.