Die Zukunft ist schon da ­p; nur ungleich verteilt, in den leicht verschlissenen roten Sesseln des Royal Court Theatre sitzt sie, im halbdunkeln Muff unter verstaubten Girlanden aus vergoldetem Gips und leeren Balkonen, die Zukunft lauscht den Priestern des Internet, die auf der Bühne hinter einem schwarzen Sarkophag sitzen wie Hohepriester einer Sekte, statt den Kelchen mit Wein stehen Mineralwasserflaschen vor ihnen. Und der erste, der dann ans Mikrophon tritt, ist unverkennbar ein Freak, Sweatshirt mit Kaputze und eine Ring im Ohr, Hari Kunzru, Redaktor an «Wired», der Kultzeitschrift der Cybersurfer. Hell strahlt die Leinwand vor den düsteren Kulissen irgend eines modernen Stücks, das am Abend hier gespielt wird.
Dass auch ein Fachseminar Unterhaltungswert haben kann, beweist der Tag
mit durchaus blendenden Referaten, mit perfekter Präsentation direkt
vom Internet: Surfen, Suchen, Bilder, Musik und Video, mit humoriger und
präziser Begleitung durch Jeraint Hazan von On-line Publishing, mit
klar strukturierten Diskussionen und zum Schluss, man glaubt es kaum, auch
noch mit einer Verlosung. Schade, den ersten Preis, ein Modem, hätte
ich gerne gewonnen. Die Zeiten werden übrigens stets genau eingehalten.
Hari Kunzru schafft es, mir zu erklären, warum sich das Internet von
einer militärischen Anwendung über eine «technikgetriebene»
zu einer heute «marketinggetriebenen» Struktur gewandelt hat,
gewachsen ist sozusagen. Weil es ohne Zentrum funktioniert, denn ein Zentrum
wäre ein Ziel für feindliche Atomschläge gewesen, damals
im kalten Krieg. Das kann offenbar auch im Frieden von Nutzen sein, zu den
ersten, die das Netz in den achtziger Jahren nutzten, gehörten neben
Universitäten einige Friedensbewegungen. Das Netz ist so aufgebaut,
dass sich die Informationen selber einen Weg zum Ziel suchen, «wie
Wasser, das von einem Berg herabfliesst, selbst den Weg ins Tal findet».
Ebenso brilliant und bescheiden und ein bisschen unrasiert Bill Thompson
vom Guardian’s Media Lab, der dort die Aufgabe hat, zu erkunden, wie die
Medien in 20 Jahren beschaffen sein könnten. Er entwirft Visionen:
Das Netz wird nicht mehr sichtbar sein, es wird keine Aufmerksamkeit mehr
auf sich ziehen wie heute ­p; dafür braucht es mehr Beachtung derer,
die etwas daraus machen wollen. Für die Nutzer wird es sein wie Telefon
oder Fax. Es wird auch keine hundert kleinen Provider mehr geben, das Netz
wird in die Struktur der Kabelgesellschaften und Telekoms integriert sein
und den grossen Gesellschaften gehören, BT, AT&T, Microsoft, unsichtbar.
Das World Wide Web war ein unerwarteter Erfolg, ein Paradigmensprung, 1993
gab es 200 Seiten, heute 20 Millionen. (Ich mache jetzt gerade eine weitere.)
Was kommt darnach? Niemand weiss es. Das WWW kommt übrigens aus der
Schweiz, was erwähnt wird: «From the Cern. In which city, actually?»
Und die Visionen: Supertools, die alles können, in eine homogene Netz-
und Computerumgebung integriert. Elektronische Kommerzialisierung, virtuelles
Geld, das an keine Grenzen, an keine Währung und Nationalbank mehr
gebunden ist. Heute schon werden 350 Millonen Dollar umgesetzt, im Jahr
2000 werden es 4 Milliarden sein. Und das Netz wird behandelt werden wie
alle andern Medien, staatlich geregelt, kontrolliert und zensuriert.
Also eigentlich ist alles schon da, es gibt alles schon, nur eben für
kleine Gruppen, ungleich verteilt. In den Diskussionen stellen sich die
meisten als Marketing Managers vor, von Theatern, Galerien, Festspielen,
kulturellen Institutionen. Kulturmarketing ist angesagt, vielleicht rettet
das Netz auch noch die schönen Künste vor dem Untergang, wenn
nicht gar die Welt. Der Louvre auf dem Netz sei jedenfalls so stark gefragt,
dass man acht Computer dezentral habe aufstellen müssen um die Daten
zu liefern. «Das Netz wird überall sein und unvermeidbar und es
wird nichts spezielles mehr sein.» Die Kulturmanager interessieren
sich für die Kosten, man muss Sponsoren suchen, denn ohne Sponsoren
scheint hier nichts mehr zu gehen, weder in der Kultur noch in der Schule
noch im Sozialdienst. 3000 bis 5000 Pfund für eine Website im Jahr,
für Installation und Pflege. Mir scheint das wenig, und verglichen
mit gedruckten Werbemitteln sind das «Peanuts».
In den Pausen werde ich laufend angesprochen, nach woher und wozu gefragt,
von der Reserviertheit der Briten ist in diesem Publikum nichts zu spüren.
Vielleicht sehe ich mit meiner dunklen Brille wie ein potentieller Sponsor
aus, den man anbohren muss. Ich spreche auch mit einem Herrn, der via Internet
für die ungarische Minderheit in Rumänien arbeitet. Was mir auffällt:
Keine Hurrastimmung, keine überbordende Euphorie, sondern eine bescheidene
Nüchternheit. Zum Abschluss dann Surfen im Café Internet, einem
von fünf Lokalen in London, wovon eines ein Internet Pub, ist ja klar.
Bei der Heimkehr von der neuen Welt im West End in die alte Welt des East
End sehe ich bei der U-bahnstation eine alte Frau am Boden liegen, vollständig
verdreckt, wahrscheinlich betrunken. Alle Leute gehen vorbei. Im Royal London
Hospital gegenüber wurde am Morgen ein zehn Tage alter Säugling
in einer Tasche gefunden, an ein Gitter gehängt. Helen ist as dritte
Findelkind der letzten Tage, nach Sally, welche im Abfall lag und Timothy
auf der Toilette in Heathrow. Die Zukunft ist wirklich ungleich verteilt.