Eine Mischung von Malatesta und Computerschule, Cyberia genannt, ist das erste Internet-Café der Welt in einer Parallelstrasse zur Tottenham Court Road, der Strasse wo sich die Computershops reihen. Die Tür klemmt, jemand steht drinnen vom Bildschirm auf, löst den Riegel. Computer rundum, da sitzen junge Frauen und Männer, Farbige, ein Vater mit seiner vielleicht zehnjährigen Tochter, ein Vielbeschäftigter, der mit einer Hand tippt und mit der andern das Natel bedient und irgend etwas redet. Holzboden, Metalltischchen, in der Mitte ein Tablett mit Süssigkeiten, die noch mehr einladen als die Technik. Man holt sich einen Cappucino an der Bar, setzt sich neben eine Blonde, die Notizen in eine Agenda schreibt, und lässt die Zeit verstreichen. Der junge Mann, der Kaffee macht, wird gerufen, wenn an einer Arbeitsstation ein Problem auftaucht. Mit dem Geschirrtuch über der Schulter tippt er mit einer Hand etwas ein, es läuft wieder.
Eva Pascoe, eine Frau, hat das Cyberia vor zwei Jahren gegründet
als «künstlerisches und soziales Projekt», als «räumliche Schnittstelle
zwischen Arbeit und Heim». Sie sagt: «Cybercafés sollten von Frauen
organisiert werden. Wenn Männer das übernehmen, haben wir Technik-Clubräume
in irgendwelchen dunklen Ecken.» Das habe ich vor ein paar Wochen
in einer Kolumne geschrieben, nun sitze ich hier und finde die
Atmospäre trotzdem ein bisschen Technik-Clubhaft, ein bisschen
düster, aber nicht nur. Man kann auch T-shirts kaufen und eben
Kuchen essen, sie sind gut, der Cappucino auch. Es ist einem eigentlich
recht wohl, kein grosser Stress, keine Hektik, jeder, jede arbeitet
so vor sich hin. Eva ist wohl ein bisschen die Ikone in diesem
Laden, in einer Vitrine hat es Zeitungsartikel, mit netten Fotos
der Schönen, die auf einem Stuhl posiert. Irgendwann wird man
sie vielleicht auch live hier erleben, wer weiss.
Das Cyberia ist also eine Art Lerncafé, eine Vision, die wir an der EB Wolfbach in Zürich diskutiert haben. Damals hatte ich mir immer vorgestellt, einmal so ein Kaffee-Barmann zu sein, der mit dem Tuch über der Schulter mit einer Hand lässig den andern am Schirm hilft, die lernen, in einem, wie wir es damals nannten, «angstfreien Raum für den Umgang mit moderner Technologie». Und der dann wieder die Kaffeemaschine bedient.
Cyberia steht nun halt in London, nicht in Zürich, wo es aber
inzwischen ebensolche Initiativen gibt, leider nicht an der EB
Wolfbach, der staatlichen Schule. Der Cappucino ist leer, ein
bisschen fühle ich mich überflüssig, an ein Terminal zu sitzen
habe ich keine Lust, Internet habe ich ja zuhause. Wer alles hat,
braucht nicht sozial zu teilen, kann es aber trotzdem nett finden.
Hinaus also wieder in die Stadt, die feuchte Luft, den Verkehr.
Doch es tut gut, einen Ort zu kennen, der etwas Heimatliches ausstrahlt,
eine reale existierende Variante einer einstigen Vision, der man
halt noch immer ein bisschen nachweint.