Lond-on-line 1.3.

«English heritage» liest sich an diesem Ort wie ein Witz,
doch das «englische Erbe» ist ernst, an welches die runde blaue
Tafel an der Eisenbahnunterführung der Grove Road in Mile End erinnert.
Hier fiel am 13. Juni 1944 die erste fliegende Bombe, eine V1 also, ein
schlecht steuerbares, fast blindlings dahinknatterndes Ungetüm, von
einer abstrus konstruierten Düse getrieben, mit Sprengstoff gefüllt,
es fiel vom Himmel, als der Brennstoff ausgegangen war und knallte neben
Eisenbahn und Strasse in die Erde, Wumm! Von Opfern ist an der Gedenkstätte
keine Rede, keine Blume, kein Kranz, der Ort ist so grau und trist wie der
Krieg selber, der auch hier wieder die Arbeiter, die Armen traf, die sich
in die Röhren der U-bahn drängten, während die Adeligen auf
ihren Landschlössern in Sicherheit waren, ausser König George,
der im Buckigham Palast ausharrte. Die blaue Gedenktafel klebt unscheinbar
an der grau verkalkten Backsteinmauer der Eisenbahnbrücke, irgendwo
rinnt Wasser herab und hat dicke Tropfsteinspuren hinterlassen, jemand hat
phantasielos ein paar Schnörkel hingesprayt, im Gestrüpp liegt
Unrat.

Wenn ich an der Tafel vorbeikomme, muss ich stets an die deutschen Städte
denken, die ich nach dem Krieg gesehen habe, Köln vor allem, eine horizontale
Schutthalde, in der nur da und dort Treppen in dumpfe Kellerlöcher
hinabführten. Und ich, ein Landtrottel aus dem Zürcher Oberland,
der noch nie eine Stadt gesehen hatte, streifte durch diese Trümmerwelt
und hörte mit seltsamer Faszination die Geschichten von den Bomben
und den Toten, von Granaten und Phosphor. Die Stadt war für mich Landmenschen
stets ein Ort des Krieges.

Das war auch East London, doch Churchill hatte den Dockarbeitern und Busfahrern
wenigstens nicht das tausendjährige Paradies versprochen, sondern bloss
Mühlsal, Blut, Tränen und Schweiss. Der Feierabendverkehr zwängt
sich durch die Grove Road, Zeitungen und Plastiksäcke wehen mir entgegen,
und irgendwo liegen verloren ein paar schwarze Abfallsäcke am Strassenrand.
Selbst Margret Thatcher ist es nicht gelungen, den omnipräsenten Abfall
aus dieser Stadt zu beseitigen, die zerstampften Aludosen, die zerknitterten
Plastikecher, die leeren Chipsbeutel und Tragtaschen, die Zigarettenpackungen
und Hamburgerboxen, der Auswurf der Stadt, welcher Gebüsche, Grünflächen
und Gehsteige bedeckt wie Laub, das von den Bäumen der Wohlstandsgesellschaft
fällt. Der Thatcherismus ist gewiss die falsche Ideologie, um gegen
denn Abfall zu kämpfen, denn damit ist kein Geld zu verdienen, das
musste auch der von der eisernen Lady mit dem Problem betraute Jungindustrielle
Richard Branson lernen, er scheiterte. Eine Sackgebühr würde in
London wohl einen Volksaufstand verursachen, Aludeckelisammeln wäre
höchstens ein Thema fürs Kabarett. Die Pfadfinder, eine englische
Erfindung aus dem Burenkrieg, sammeln wenigstens Papier, der Pfadfinder
vollbringt jeden Tag eine gute Tat. Ein halbes Dutzend stürzen sich
jeweils auf das einzige Papierbündel, das am Samstag, wenn sie sammeln,
in der Smihty Street vor einer Haustür liegt – vor meiner nämlich.

Nach der Unterführung eine Tankstelle mit dem passenden Namen «Jet»,
das Mile End Hotel, die Vorhänge schief und schmutzig, die einstmals
weisse Fassade voller Risse, die Gegend sieht noch immer aus fast wie im
Krieg. Doch es soll alles besser werden. Tower Hamlets Council, die Regierung
des Stadtteils, des Boroughs, will im Mile End 24 Millionen Pfund investieren
in einen «Peoples Park for the 21st century». Cafés, Shops,
Sport, Garten, Spazierwege, eine «grüne» Fussgängerbrücke
über die Strasse und einen «magischen Berg»: Kunst, Sport
und Ökologie, eine Freude für Jung und Alt. Hoffentlich fällt,
wenn das schöne Projekt im kommenden Jahrhundert realisiert sein wird,
nicht wieder eine fliegende Bombe.

Oder doch? In einem Buch lese ich: «Es war paradox, aber Hitlers Luftwaffe
hat schliesslich in Londons Armenviertel aufgeräumt. Seine Bomber erreichten
in ein paar Nächten, was ein Jahrhundert sozialer Reformen nicht schaffte.
Viele der Slums sind verschwunden.»

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