Lond-on-line 12.5.

Die Woche des Lächelns bricht an, da gibt es wahrlich
nichts zu lachen. Die Gesundheitsbehörden haben herausgefunden, dass
Lächeln gesund ist, also auf, gelächelt! Die Schlagzeile auf dem
Flugblatt lautet: «Ein gesunder Mund setzt ein Lächeln auf.»

Nun hat schon Heinrich Heine 1826 festgestellt, dass die Engländer,
zumindest die Londoner, mit Lächeln und Lachen sparsam umgehen. «Nur
die Menschen sind nicht so heiter wie auf diesen holländischen Gemälden,
mit den ernsthaftesten Gesichtern verkaufen sie die lustigsten Spielsachen…»
Bei diesem Zitat kommt mir gerade wieder die traurig-morbide Stimmung in
Pollocks Spielzeugmuseum in den Sinn. Die lustigen Spiele von einst bringen
die Jungen von heute halt nicht mehr zum Lachen, das schmerzt die Museumsmacher.
Oder gestern, da geriet ich zufällig in die U-bahn, als die Fans vom
Wembley Stadion vom grossen Match zwischen Liverpool und Manchester United
heimkehrten, dem FA Cupfinal. Schlapp und trist sassen die Männer und
Frauen mit den bunten Schärpen von Manchester da, so wortlos sauertöpfig,
als kämen sie von der Arbeit. Aha, dachte ich, Manchester hat verloren.
Im Wagen nebenan gröhlten Betrunkene. Doch Manchester hat den Cupfinal
gewonnen und eine Woche zuvor schon die englische Meisterschaft, Grund also
zum Feiern. Doch nein, mann und frau hockte in der U-bahn wie täglich
zur Rush hour.

Dass in der Sardinenbüchse unter Grund nicht stets eitel Freude herrscht,
ist ja wohl zu begreifen. Jeder und jede sitzt, starrt ins Buch, in die
Zeitung oder in die Luft. So wie er sein Haus mit Mauern umgibt, so umhüllt
sich der Engländer oder die Engländerin mit einer Aura der schweigenden
Ernsthaftigkeit. Sprich mich nicht an, schau mir nicht in die Augen, geh
deines Wegs, ich gehe den meinen. Das gemeinsame Erlebnis U-bahn ist kein
fröhliches, leider.

Weder im Supermarkt noch am Schalter noch im Restaurant wird dir ein Lächeln
geschenkt, und auch von der Woche des Lächelns ist keine Revolution
der Heiterkeit zu erwarten. Dabei ist der Humor der Engländer, zum
Beispiel in den Kurzgeschichten, die ich eben lese, unschlagbar. Wo wir
deutschsprachigen Schriftsteller sofort in Tief- und Trübsinn verfallen,
wenn wir zur Feder, das heisst, zum Computer greifen, da sprühen bei
den englischen Witz und Pointe. In der Öffentlichkeit lachen jedoch
höchstens die schwarzen Mädchen, sofern sie nicht in heiligem
Ernst durch grosse Brillen ihre Schulhefte studieren.

Natürlich gibt es Ausnahmen. In meinem Stammcafé habe ich eine
Lächel-Beziehung mit einem der Girls aufgebaut, die bedienen. Sie grüsst,
fragt, welchen Kuchen ich heute wünsche, strahlt mich an. Es ist herzerfrischend,
also auch gesund, laut Gesundheitsbehörde, obwohl mich die vielen Kuchen
dick machen. Letzthin habe ich vernommen, dass mein lächelndes Girl
aus Russland stammt.

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