Das menschlichste aller Bedürfnisse wird zur Pein, wenn der Fremde durch die Stadt wandert, nachdem er seinen Kaffee getrunken hat, und es ihn überfällt, denn je älter der Mann, so heisst es, desto schlimmer, er geht weiter, versucht zu vergessen, versucht zu verdrängen, versucht zu verklemmen, er geht und das Gehen macht die Sache schlimmer, es gibt Orte in dieser Stadt, welche dazu geschaffen sind, diesen Drang zu stillen, er weiss es, er kennt einige von ihnen, denn er prägt sich diese versteckten Oasen ein, die ihn von seiner Not befreien, falls er sie findet, er dachte schon daran, sie im Stadtplan zu markieren, hätte er es doch nur getan, wirft er sich vor, denn Not ist am Mann, buchstäblich, er geht schneller, noch schlimmer, er geht langsamer, noch schlimmer, er hält sich an einem Geländer fest, noch schlimmer, seine Linke sucht unbewusst die Zone des schmerzhaften Triebs, streicht über den Bauch, schreckt zurück, denn eine Frau kommt ihm entgegen in dieser sonst menschenleeren Strassenschlucht, und sie starrt so vorwurfvoll auf seine Hand, als habe er eben eine unzüchtige Handlung begangen, er dreht den Kopf rasch zur Seite, dabei hätte er sie vielleicht fragen können, doch er geht weiter, sehr schnell und nervös, Schweiss auf der Stirn, er erinnert sich, hier in der Nähe an der Themse ist so ein Ort, ziemlich düster, es gibt Signale, er blickt verzweifelt um sich, sieht nichts, ist kaum mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, den Stadtplan zu studieren beispielsweise und sich auf eine Strategie festzulegen, er versucht ruhig zu atmen und es fallen ihm plötzlich irgendwelche Dinge ein, die U-Bahn zum Piccadilly nehmen, das wäre vielleicht eine Lösung, es kommt ihm in den Sinn, wie ihn das letzte Mal der Drang überfiel, als er mit dem Velo unterwegs war und wegen der Kette, die dauernd vom Kettenrad sprang, ganz ölige Hände hatte, und wie eine Vision fast sieht er wieder jenen Obdachlosen an der Butlers Wharf, einen alten Mann, der ohne Hosen in einem Durchgang stand, zwischen dreckigen Decken und Flaschen und feuchtem Karton, angewidert schreitet er langsam weiter, und die Spannung im Unterleib lässt etwas nach, ebbt als heisse Welle durch seinen Bauch, fast bis zur Brust, die Beine kribbeln als ob sie einschlafen würden, er presst sie zusammen beim Gehen, Kopfschmerzen setzen ein, jetzt betritt er ein düsteres Café, sieht sich sofort den Blicken der Kellnerinnen ausgeliefert, sieht sich von zwei Damen angestarrt, die in dem Lokal sitzen, setzt sich, und es ist, als ob er auf einem heissen Eisklotz sässe, gedankenlos bestellt er einen Kaffee, und leise Panik ergreift ihn, denn erst wenn die Kellnerin die Tasse bringt, wird er aufstehen, vorher wäre unanständig, es würde auffallen, dann wird er die Toilette suchen, sofern es überhaupt eine gibt, und wenn es eine gibt, hängt dort vielleicht das Schild «out of order» wie auch schon in dieser Situation, das wäre dann das Ende, und während er verzweifelt auf den Kaffee wartet, der nicht kommen will, fällt ihm auch noch jener Schulsylvester ein, es war in der ersten Klasse, der Lehrer zeigte einen Film, er erinnert sich noch genau, Soldaten fuhren in weissen Anzügen Ski, schossen mit Maschinengewehren in die Berge, der Film wollte kein Ende nehmen, und er sass auf dem heissen Eisblock, spürte den Drang, er konnte ihm nichts mehr entgegensetzen, damals in der stickigen Dunkelheit des Schulzimmers, umgeben von schwitzenden Schülerinnen und Schülern, und der alte Obdachlose ohne Hosen fällt ihm wieder ein, der dastand und einfach laufen liess, der jeden Widerstand aufgegeben hatte, und das Leben, so denkt er, als der Kaffee auf dem Tisch steht, als er aufsteht, durchs Lokal geht, gefolgt von neugierigen Blicken, das Leben endet, wie es begonnen hat.