Lond-on-line 12.3.

Hat mir etwa die Queen den Vortrag abgeschrieben, den sie gestern in der Westminster Abbey zum jährlichen «Commonwealt
Day» gehalten hat? Das heisst, halten liess, denn der Text wurde
von Häuptling Emeka Anyaoku feierlich verlesen, dem Generalsekretär
des 53 Staaten umfassenden Commonwealth, Nigeria eingeschlossen,
dessen Mitgliedschaft im Augenblick zwar suspendiert ist, weil
das dortige Regime die Menschenrechte mit Stiefeln tritt und dabei
ökonomisch kräftig unterstützt wird von der britischen Shell.
Dass die Regierung den Schriftsteller Ken Saro-Wiwa und sieben
weitere Oppositionelle vor kurzem henken liess, war nicht Thema
der Feierlichkeiten in Londons heiligster Halle, schliesslich
lauschten zweitausend Schulkinder der Botschaft Ihrer Maiestät,
Queen Elizabeth II. «Partnerschaft», war das Thema, ebenso wie
bei meinem Vortrag im Herbst in Balstahl, der etwas weniger feierlich daherkam, aber ebenfalls aus pädagogischem
Anlass.

Ich sagte: «Partner sein heisst Geben und Nehmen. Der eine hat
dies, die andere das, erst die Gemeinsamkeit macht das Ganze,
jeder ist nur Teil.»
Und die Queen liess sagen: «Eine erfolgreiche Partnerschaft hängt
von gegenseitigem Respekt und Freundschaft ab, und was zählt ist
nicht, was die Leute sind, sondern was sie zur gemeinsamen Sache
beitragen.»

Also wir sind uns glaube ich einig in der Sache, die Queen und
ich. Wahrscheinlich hat sie sich auch gesagt: Die Botschaft muss
positiv klingen, die Welt ist eh schlecht genug. Die Bürgerrechtler
in Nigeria macht kein Jammern mehr lebendig, da hätte sie schon
früher mehr Dampf aufsetzen müssen, statt kurz vor der Hinrichtung
noch mit dem Nigerianischen Commonwealth-Botschafter Tee zu trinken.

Vielleicht liegt es ganz einfach am Thema, das mir damals vorgegeben
war und gestern der Queen, oder scheints sogar von der Regierung
diktiert, sie repräsentiert ja nur. Und sie besitzt. Als eine
der reichsten Damen der Welt, hat sie sich zwar vor drei Jahren
durchgerungen, auch Steuern zu bezahlen, wie alle andern Bürger
und Bürgerinnen des Landes, also doch ein Scherflein «zur gemeinsamen
Sache beizutragen», nebst der Ankurbelung des Tourismus. Denn
ohne Queen, Wachtablösung und Buckingham-Palast würde sich doch
kaum ein Tourist nach London verirren.
Partnerschaft ist jedenfalls ein Wort, das in fast jeden Mund
passt, auch in jenen der Maiestät, es ist so unverfänglich und
blankpoliert, dass es für jeden Anlass gut ist. Nicht so politisch
vorbelastet wie etwa «Solidarität» oder «Gerechtigkeit» oder «Menschenrechte»
oder «Minimallohn». Das sind Wörter, die von unten kommen, von
Leuten, welche die dort oben eben als unsolidarisch beschimpfen,
weil sie im Reichtum prassen, während andere buchstäblich vor
ihrer Tür auf feuchtem Karton schlafen, welche also ein politisches
System als ungerecht anklagen, das soziale Not duldet und im Namen
Gottes in der Kathedrahle zelebriert. Und mit Regimes Partnerschaft
pflegt, welche die Menschenrechte verhöhnen.

Ein Weissbuch der Regierung zur europäischen Integration, von
den Briten mit Skepsis beobachtet, fordert, was wohl: «Eine Partnerschaft
von Nationen.» Was immer das eben heisst.
Auch die Partnerschaft, die ich in meinem Vortrag zu beleuchten
hatte, kam schliesslich von oben, von Pädagogen, die gerne Partner
der Jungens und Mädel und ihrer Eltern wären, aber trotzdem immer
noch Zensuren verteilen ohne sich selber zensurieren zu lassen.

Und so hat wohl das Mind-Map des königlichen Redenschreibers ähnliche
Gedanken gespuckt wie meines als Redenschreiber für die Schweizerische
Erziehungsdirektorenkonferenz.
Etwa: «Junge Leute lernen früh im Team zusammenarbeiten und Projekte
partnerschaftlich anpacken.»
Oder: «Die grosse Einzelleistung ist nicht mehr gefragt, sondern
die Arbeit im Team, in der Projektgruppe.»
Welcher Satz nun von mir stammt und welcher aus der Message von
Elizabeth II dürfen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, selber erraten.

Der Gerechtigkeit halber muss ich noch beifügen: Prinz Charles,
Erbe eines Teils des Windsor-Vermögens, aber wahrscheinlich nicht
mehr der Krone, hat einen Trust gegründet, der mit Millionenbeträgen
soziale Projekte unterstützt, auch hier im armen East End. Gerade
gestern hat er in Manchester eine Schule eröffnet. Doch der Arme
ist wieder einmal Zielscheibe deftigster Angriffe. «Er spricht
mit dem Gemüse, während er seinen Buben beibringt, wie man Tiere
tötet, zum Vergnügen», liess ein MP, ein Labour-Abgeordneter verlauten.

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