Lond-on-line 12.2.

Aus der Londoner U-bahn steigt ein Fremder, folgt dem Strom
der Menschen zum Ausgang, Way Out, er geht durch einen langen Tunnel, den
trübes Licht erhellt, immer den schweigenden Rücken der Masse
folgend, die ebenso schweigend dahinschreitet, sich bei einer Rolltreppe
staut, die sie in die Höhe transportiert, der Fremde sieht, dass sich
die Menschen rechts auf der Rolltreppe in eine ordentliche Reihe stellen,
die rechte Hand ruht auf dem Laufband, damit links Platz bleibt zum Überholen,
also reiht auch er sich ein, legt die Hand auf das Laufband, Plakate ziehen
vorüber, ein Film, ein Computer, ein Kabarett, eine Luftfahrtgesellschaft,
die für Ferien in den USA wirbt, dann kommt er oben an, folgt wieder
den unablässig ausschreitenden Beinen durch einen weiteren Tunnel,
der sich endlos dahinzieht, gelegentlich mit leichtem Knick nach links oder
rechts seine Richtung ändert, eine Treppe führt ein paar Stufen
tiefer, dann geht es wieder hinauf, wieder eine Rolltreppe, und oben ein
Richtungspfeil Way Out, die Richtung hat der Fremde längst verloren,
doch er folgt den Menschen, die den Weg kennen, so nimmt er an, die nicht
fremd sind, sondern auf ihrem täglichen Weg an die Arbeit oder von
der Arbeit nach Hause, wobei der Fremde plötzlich merkt, dass er nicht
mehr weiss, ob es Morgen ist oder schon wieder Abend, ob die Menschen kommen
oder gehen, er weiss nur, dass sie schweigen, dass er ihnen ebenso schweigend
folgt, dass er ihnen folgt seit Stunden, seit er angekommen ist und das
war am Morgen, glaubt er, vielleicht auch am Mittag oder Nachmittag, und
vielleicht ist jetzt Abend oder schon wieder Morgen, er hat jedes Zeitgefühl
verloren und die Richtung ohnehin, manchmal glaubt er, er komme wieder an
denselben Orten vorbei, derselben Rolltreppe, denselben Plakaten, demselben
Tunnel oder jenem kleinen Kiosk oder dem Bettler, der auf Zeitungen liegt,
in eine schäbige Wolldecke gehüllt, die Angst, stets nur im Kreis
zu gehen, überfällt ihn, er versucht sich zu erinnern, ob er jemals
auf seiner Wanderung an einer Abzweigung vorbeigekommen ist, doch er erinnert
sich an nichts mehr, nicht eimal an seine Ankunft, er erinnert sich auch
nicht mehr, warum er nach London gekommen ist, wer ihn hier erwartet oder
was, ob er geschäftlich unterwegs ist oder einfach für ein paar
Tage Urlaub in diese Stadt kommen wollte, er greift in seine Tasche, da
ist noch das Billett, das er braucht, um die U-bahn zu verlassen, wenn er
zum Ausgang kommt, aber eigentlich hat der die Hoffnung, den Ausgang jemals
zu finden, schon längst aufgegeben, er spürt die Müdigkeit
einer Wanderung in den Gliedern, die schon Tage dauern muss oder schon Wochen
oder gar schon Jahre, und die vielleicht so enden wird, wie jener Bettler
geendet hat, den er auf Zeitungen liegen sah, vor unendlich langer Zeit,
der Fremde wundert sich nur, warum alle andern noch so rasch dahinschreiten
mögen, doch es sind vielleicht andere Menschen, als zuvor, er hat nur
nicht bemerkt, dass er immer wieder andern folgt, denn die Rücken sehen
alle gleich aus, grau und etwas zerschlissen die Mäntel und die Gesichter
haben alle den gleichen Ausdruck, verschlossen, stumm und stumpf und den
Blick auf den Boden gerichtet, so gehen sie an ihm vorbei, denn er kann
nicht mehr Schritt halten, er schwankt, er tastet sich der schmierigen Wand
entlang durch einen Tunnel, der kein Ende hat, der sich endlos dahinzieht
und irgendwo in unerreichbarer Ferne wieder zu einer Rolltreppe führen
wird, der Fremde bleibt stehen, lehnt mit dem Rücken an die Wand, und
während er langsam zu Boden sinkt, schreitet der Strom der Menschen
noch immer unablässig vorbei, über seine Beine hinweg und niemand
beachtet, wie er da sitzt, erschöpft und beinahe verhungert und ohne
Hoffnung, wie er ein letztes Mal den Kopf hebt, wie sein Blick auf der andern
Seite des Tunnels auf einen schmalen Durchgang fällt, über dem
im trüben Licht die Aufschrift No Exit erkennbar ist, und er meint,
bevor er zur Seite kippt, bevor sein Kopf auf den Boden schlägt, bevor
ihn die Nacht endgültig umfängt, am Ende eines Tunnels in weiter
Ferne einen Schimmer Tageslicht zu erkennen.

Die Geschichte ist uns in der U-bahn eingefallen, jetzt schreibe ich sie,
während draussen ein Sturm tobt.

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