Lond-on-line 11.6.

Lieber Paul, Du hast es geschafft, die Nachricht von Deinem Tod hat mich übers Internet erreicht, sowas hätten wir uns damals nicht vorstellen können. Professor Paul Sattler ist gestorben. Du warst mein Klassenlehrer am Technikum Winterthur.

Eigentlich haben wir und ja die Zukunft überhaupt anders vorgestellt, als wir am Zeichenbrett standen und Hochspannungstransformatoren konstruierten, mit Tuschfeder und Reissschiene. Elektrische Anlagen, kein Traumfach. Viel Stoff, viel Papier, habe ich in Erinnerung, blau umgedruckt von der Schnapsmatritze. Gebraucht habe ich niemals nichts.

Ich meine, im fachlichen Sinne gebraucht, oder wie wir sagen, «in der Praxis angewendet». Was ist schon die Praxis? Jedenfalls kann ich an keiner Hochspannungsleitung vorbeigehen, ohne an Dich zu denken, stell Dir vor, ich lüge nicht! Immer ein Blick nach oben: Einfachleitung oder Zweierbündel? Alles klar, das haben wir doch beim Paul gelernt, damals. Oh, wie glänzt der Papa vor seinen Kindern, wenn er ihnen erklären kann, warum die Hochspannungsleitung manchmal so geheimnisvoll flirrt und flüstert, dass man meint, gleich fahre ein Blitz hernieder, und nachts, wenn man genau schaut, sieht man sogar ein bleiches Flackern. Korona, Paul, Korona! Gell, ich habe gut aufgepasst, vor 30 Jahren.

Ja, da kommt dann der Papa ins Dozieren, sein Gesicht wird ernst, die Kinder sagen ja, ja, und schauen schon lange wieder den Deltaseglern zu, während der Papa von der elektrischen Feldstärke erzählt, die eben an der Oberfläche der Leitung, wo der Radius klein ist, am höchsten ist. Und dann, wenn die Luft feucht ist, gibt es kleine Enladungen, winzige Blitze, Fünklein. Korona eben, welch ein schönes Wort. Oh nein, keine Gefahr! Die Feldstärke nimmt ja ab, je weiter man von der Leitung entfernt ist. Und jetzt kommt eben der Paul ins Spiel. Professor Paul Sattler, auf seinen Titel hat er sehr Wert gelegt, er war ja kein Doktor, sondern ein Technikumsingenieur wie wir.

Hört ihr mir eigentlich noch zu? Ja, ja. Auch die Ehefrau hört zu, interessiert, jetzt darf man den Papa nicht unterbrechen. Also, um die Feldstärke zu verringern an der Oberfläche der Leitung, darum zieht man eben zwei oder gar drei oder gar vier Drähte nebeneinander. Das haben wir beim Paul Sattler damals berechnet, ziemlich kompliziert war’s. Zweierbündel, Dreierbündel, Viererbündel, da gibt’s dann einen Faktor. Und so weiter. Also, unzählige Male habe ich geglänzt mit meinem Wissen aus Deiner Vorlesung, und dann stets noch erklärt, warum man Hochspannung nicht einfach so in Kabeln weiterleiten kann, Cosinus Fi und so weiter, Gleichstromübertragung, Schutzgas, Probleme zuhauf.

Da kommt mir gerade in den Sinn, dass letzthin hier in London ein Brand in einer unterirdischen Schaltanlage ausgebrochen ist, ein Gasbrand, fast das ganze U-bahnnetz lag still und Menschen mussten mit Vergiftungen aus den Tunnels geholt werden. Da habe ich auch an Dich gedacht, Paul. Oben in der Luft, sichtbar und ehrlich und mit genügenden Abständen zwischen den Leitern, so ist’s halt doch am einfachsten und sichersten. Haben wir gehabt bei Dir in der Vorlesung. Warum muss denn diese Gesellschaft, die partout alle technischen Raffinessen will, die Technik dauernd verstecken? Zudem: Eine Hochspannungsleitung ist ja gar nicht so hässlich, man kann sie auch als Kunstwerk betrachten. Wo ich wohne, in der Schweiz, da hat es vier davon. Zweierbündel, Paul, 380 Kilovolt.

Und noch etwas, das ist jetzt wieder für die Kinder. Warum hat es auf den Hochspannungsleitungen so komische Drahtbesen? Blitzableiter? Mitnichten! Das ist, damit sich die Vögel nicht hinsetzen und auf die Isolatoren scheissen können. Haben wir alles gehabt, beim Paul. Wie gesagt, in der Praxis habe ich wenig gebraucht von Deinem Stoff, umso mehr im Leben.

Zwei Mal sind wir und noch begegnet, später. Einmal in Laufenburg, beim Energieverteiler, Du hast dort gerade ein Industriepraktikum gemacht, und ich war der junge IBM-Karrierist mit Kravatte. Es war ein heisser Nachmittag, Du bist mir ein bisschen müde vorgekommen, oder gar ein bisschen resigniert schon? Als Professor am Technikum, weg von der Praxis, immer die Schnapsmatritzen, und die Entwickung läuft rasend, läuft Dir davon. Und da war Dein Schüler, auf dem Weg nach oben. Später dann auf einer Lesung, Du warst glaube ich schon pensioniert, aber wieder optimistisch, wie mir schien, mit Vollbart, hast von alternativer Energie und so Dingen erzählt, mit denen Du Dich beschäftigst.

Und jetzt bist Du also gestorben, Herzversagen auf einer Bergwanderung, erfahre ich. Das wünschen wir uns ja alle, Paul. Draussen in der Natur, so schnell und leicht hinüberwandern in die andere Welt. Dort gibt’s keine Hochspannungsleitungen und keine Schnapsmatritzen und keine Computer. Ist doch auch ein Trost, Paul, oder nicht?

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