Das Antliz des Todes war rot, und wieder einmal hat er
mich nur gestreift. In Gedanken versunken bin ich mit dem Velo auf einen
Verkehrskreisel gefahren, einen «Roundabout», der Bus hatte Vorfahrt,
und die wird in London rücksichtslos durchgesetzt. Der schwarze Fahrer
aber hupte und stoppte und schleuderte die Arme in die Höhe und ich
fuhr weiter.
Ich wäre schuld gewesen, gestorben wie meine Mutter, die auch gedankenverloren
in ein Auto krachte mit dem Velo, ihr Mann, mein Vater, war weit weg. Ich
habe mir die letzte Sekunde ihres bewussten Lebens oft vorgestellt, das
plötzlich auftauchende schwarze Ungeheuer, das ihr den Tod brachte.
Und ich stelle mir oft meinen eigenen Tod vor. Wird es ein kurzer Schock
sein, wie bei Mutter, oder ein allmähliches Dahinsterben und schliesslich
Ersticken wie bei Vater? Welches Antliz wird mein Tod einmal haben? Ich
habe schon oft hineingeschaut, sah es ganz nah vor mir, und habe mich immer
wieder gewundert, dass ich überlebt habe:
Den Absturz des Tourenführers am Glärnisch, direkt über mir,
ich war gerade sechzehn und das Leben hatte eben begonnen; die Erschöpfung
und Kälte im Gewittersturm auf dem Bondopass, nach der Nordwestwand
des Piz Badile; die Staublawine im Bockmattli, die Heini Ryffel und mich
überspülte, er hielt den Stand, starb zwei Jahre später durch
Absturz am gleichen Berg; den Steinschlag am Matterhorn, der den Bergführer
Anchel Biffiger erschlug und seine Verlobte schwer verletzte und meinem
Seilgefährten nur den Rucksack aufschlitzte; die gewaltige Lawine im
Horefelliculour, fünf Minuten nachdem wir es verlassen hatten; der
Sturz, kopfüber, am Villigerpfeiler; der Sturz auf den Boden im Klettergarten
im Weisstannental; den ausbrechenden Friend in den Red Rocks bei Las Vegas.
Immer wieder dieses kindliche Staunen: überstanden, überlebt,
es geht weiter. Warum, warum ich? Der Tod ist ja nicht mehr so fern in meinem
Alter, die Zeit zerfliesst immer schneller. Eben sass ich doch noch in der
Küche in Obstalden, öffnete die Post und las den Brief der Kulturstiftung
Landis & Gyr: Sie können nach London. Das war vor zwei Jahren,
nun ist London am Zerfliessen, und unsere Reise durch die USA vom letzten
Herbst ist nur noch Erinnerung, und der kommende Herbst ist agendamässig
schon verplant. Jeder Tag ist ein Schritt gegen das Ende.
Wie wird das Antliz meines Todes aussehen? Wird es schrecklich sein oder
sanft? Wird das Leben in der letzte Sekunde noch einmal vorbeiziehen, mit
all seinen Höhen und Tiefen, den herrlichen nd den grauenvollen Momenten.
Wird mein Tod rot, weiss oder schwarz sein? Mein Schutzengel, heute, war
schwarz. Ich danke Dir, unbekannter Busfahrer.