Lond-on-line 11.4.

Es «tötelet» in der Krypta von St. Bride’s an der Tintenstrasse, hier kämpften die Römer und die Kelten, die Sachsen und die Normannen, hier kämpften Krone und Kirche gegen die freie Presse, hier fielen deutsche Bomben und die gewerkschaftlich organisierten Drucker verloren ihr letztes Gefecht gegen die moderne Technologie und den Mediengiganten Rupert Murdoch. St. Bride’s nennt sich «Phoenix der Fleet Street», die Kirche lag im September 1666 nach dem grossen Londoner Feuer in Asche, zusammen mit 88 weiteren Gotteshäusern, und in der Nacht vom 29. Dezember 1940 brannte das Schiff nach einem Bombenangriff der Deutschen vollständig nieder, nur der Turm blieb stehen, der aussieht wie eine siebenstöckige, etwas spitz geratene Hochzeitstorte. Eine Anekdote erzählt von einem Bäcker in der Nähe, der frühmorgens die Augen rieb und durch den Nebel einen Sonnenstrahl auf der Spitze von St. Bride’s sah und gleich wusste: «So wird meine Torte aussehen!»

Christopher Wren, der Baumeister, der London nach dem Brand ein neues Gesicht gab, habe auch diesen Turm entworfen, lese ich, den Stachel, der frech aus dem Häusermeer ragt und der St. Paul’s Cathedral in der Nähe, den Wren dem Petersdom nachbaute, ein bisschen die Schau stiehlt. Ich bin allein in der Krypta, der erste, der sich ins Gästebuch einträgt, die Klimaanlage summt, alte Mauern, römische Böden und Grabsteine strömen den töteligen Geruch aus, über mir im Schiff übt eine schwebende Sopranstimme ein Lied. Besinnliche Stimmung in historisch hoch aufgeladenem Gemäuer, die Gedanken schweifen durch Jahrhunderte.

Die Kirche ist tagsüber offen. «St. Bride’s ist mehr als ein Monument und eine Illustration von Englands glorioser Geschichte. Es ist vor allem eine lebendige Kirche in einer Strasse, in der technologischer Wandel schreckliche Furcht und Angst auf einer ganz persönlichen Ebene erzeugt hat. St. Bride’s versucht eine Oase des Friedens inmitten der Hetze zu sein, ein Ort, wo Menschen ihre Ängste und Freuden teilen können, wo sie hingehen können, wenn sie nicht mehr wissen, wohin.» Dem Prospekt kann ich nur beipflichten. Draussen wälzt sich übler Verkehr.

Geschichte auf Tafeln:
1476 stellt William Coxton in der Umgebung der Westminster Abbey die erste Druckerpresse Englands auf.
1500 zieht sein Assistent Wynkyn de Worde nach St. Bride’s, druckt Lehrbücher und populäre Literatur. Andere Drucker folgen nach.
1539 druckt Richard Grafton die erste englische Bibel, die Heinrich der VIII offiziell anerkennt. (Seinen zwei Frauen, die er im nahen Tower köpfen liess, hat die heilige Schrift wenig genützt.)
1702 erscheint die erste Tageszeitung, der «Daily Courant».
1740 erscheint der Roman «Pamela» von Samuel Richardson, dem «Vater des englischen Romans», von Beruf Drucker.
1785 erscheint das «Daily Universal Register», die spätere Times.

«Während viereinhalb Jahrhunderten wuchsen Kirche und Presse hier miteinander», lese ich auf einer Tafel. Doch das gemeinsame Wachsen wurde vor zehn Jahren jäh gebrochen, Fleet Street, die Tintenstrasse, hatte alle technologischen Wachstumskrisen durchgestanden, den Rotationsdruck anfangs des 19. Jahrhunderts, die Linotype-Zeilengussmaschine an seinem Ende, den Telegraf, die Schreibmaschine, Tinte floss schon lange keine mehr. Dieser pressegeschichtlich einmalige Ort, zwischen Londons Politik- und Finanzzentrum gelegen, hat viereinhalb Jahrhunderte allen Fortschritt integriert, in den Pubs trafen sich die Journalisten der Welt und die Setzer und Drucker. Das Ende brachte der Macintosh, grob gesagt, das heisst die neue Technik des Desktop-Publishing die es ermöglichte, mit bedeutend weniger Investitionen, mit rasch angelerntem Personal in gewöhnlichen Büroräumen eine Zeitung zu machen. Kultur wurde zu Technologie.

Leer und schwarz, gläsern, schmutzig, von einer Alarmanlage geschützt, von einer Immobilienfirma zur Vermietung ausgeschrieben, steht das Art-Deco Gebäude des «Express» aus dem Jahr 1932 an der Strasse, die jetzt mehr eine Ausfallachse nach Osten ist, als ein kulturelles Zentrum. Hier wurde im November 1989 die letzte Zeitung der Fleet Street gedruckt. Alle andern Blätter waren schon ausgezogen, in neue Gebäude die Docklands, nach Islington oder auf die Southbank. Die Druckergewerkschaft hatte sich widersetzt, sie war gegen den Auszug wie auch gegen die neue Technologie, ein aussichtsloser Kampf.

Der australische Medienzar Rupert Murdoch, Besitzer der «News International» Verlagsgruppe, zu der auch die Times gehört, liess in Wapping in den Docklands im geheimen eine hochmoderne Druckerei einrichten, als im Januar 1986 ein Druckerstreik ausbrach, kündigte er 5’500 Druckern legal und verlegte die Produktion in die «Festung von Wapping». Die Journalisten hielten zu Murdoch, die Zeitungen produzierten fortan 300 nicht Organisierte und Branchenfremde. Eine harte Auseinandersetzung folgte, Strassenschlachten, Verletzte, doch nach einem Jahr brach der Streik zusammen, die Gewerkschaftskasse war leer. Das war das Signal für alle andern Zeitungen, ebenfalls auszuziehen. Neu gegründete Blätter wie «The Independent» oder der «Daily Telegraph» siedelten sich von Anfang an ausserhalb der Fleet Street an und produzierten mit neuer Technik.

Viereinhalb Jahrhunderte Presse- und Weltgeschichte haben in der Fleet Street stattgefunden, in vier Jahren kam alles zu einem bitteren Ende. Die Zeitungen allerdings, die heute in sterilen Bürohäusern an anonymen Computern produziert werden, gefüttert von weltweiten Informationsnetzen, ohne Blei und Druckerschwärze und ohne die Pubs und die Gespräche am Tresen, sind trotzdem nicht schlechter geworden, wage ich zu behaupten.

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