Lond-on-line 11.3.

Dreitausend Faschisten marschierten gegen East London, fünftausend
mit Knüppeln bewaffnete Polizisten, zum Teil zu Pferd, versuchten ihnen
den Weg durch die Cable Street zu bahnen, doch sie wurden von einem Hagel
von Steinen empfangen, Flaschen flogen und faule Früchte und aus den
oberen Stockwerken der Wohnblocks ergoss sich der Inhalt von Nachttöpfen
über die Bobbys, die sich schliesslich zurückziehen mussten. Die
Schlacht von Cable Street, «the battel of cable street» war gewonnnen,
die Arbeiter im East End feierten bis in die Nacht, eine halbe Million Antifaschisten,
so schätzen Beobachter, hatten sich versammelt, um den Kolonnen der
«Britisch Union of Fascists» und ihrem «Führer»,
Sir Oswald Mosley, Widerstand zu leisten.

Es war der 4. Oktober 1936, in Deutschland Adolf Hitler Reichskanzler, in
Italien «Duce» Benito Mussolini an der Macht, in Spanien kämpften
die Republikaner gegen den rechtsgericheten Militärputsch Francos.
Mosley und sein Gefolge kleideten sich in schwarze Uniformen und grüssten
mit dem Hitlergruss. Der geplante Marsch war gegen die jüdische Bevölkerung
gerichtet, die damals zu 60 Prozent im East End lebte, die Hälfte davon
in Stepney. Die ersten Juden waren schon 1066, nach der Eroberung Britanniens
durch die Normannen, ins Land gekommen, als Geldverleiher, weil die Kirche
das den Christen verbot. In den 1490er Jahren flohen Juden aus Holland,
Italien und Spanien nach London, um der katholischen Inquisition zu entkommen.
Um 1700 wurde die erste Synagoge gebaut und in Mile End ein jüdischer
Friedhof eingerichtet. Im 19. Jahrhundert kamen dann Juden aus dem Osten,
nicht mehr Bankiers, sondern Handwerker, Schneider, Schuhmacher, rund 200’000
Juden lebten anfangs der dreissiger Jahre in London. Im Frühling 1936
kündigte Mosley an, seine Partei wolle «für immer die Macht
der Juden in Grossbritannien brechen».

Die Schlacht von Cable Street war eine grosse Niederlage der englischen
Faschisten, sie scheiterten, im Gegensatz zu Deutschland und Italien, am
starken Widerstand der Arbeiterklasse, Kommunisten und Sozialisten kämpften
gemeinsam gegen die Rechten, die mit Kutschen aus dem ganzen Land eintrafen.
«Eine Legende war geboren», schreibt der Historiker William J.
Fishman. König Eduard VIII sei jedoch 1936 zurückgetreten, nicht
weil er die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten wollte, sondern
weil er Sympathien für Hitler hegte, heisst es. Der «Führer»
habe ihm versprochen, ihn nach der Eroberung Englands wieder auf den Thron
zu setzen, anstelle seines Bruders Georg VI. Vielleicht hat «The Battle
of Cable Street» den Zweiten Weltkrieg entschieden und nicht Alan Turings
Entschlüsselung des Geheimcodes der Nazis. Aber auch Turing war Engländer,
wir verneigen uns also vor den Arbeitern und Intellektuellen dieses Landes,
das Europa in schwärzester Zeit gerettet hat.

Am besten geeignet dazu ist wohl Cable Street selber. Dort an der Westwand
der etws heruntergekommenen St. George’s Town Hall ist die Schlacht eindrücklich
als gewaltiges Fresko im Stil des Mexikaners Siquieros dargestellt, ausgeführt
1976 von Dave Binnington und Desmond Rochford. «Mosley shall not pass.
Bar the road to British Fascists». Heutige Faschisten haben es teilweise
übermalt, es wurde wieder restauriert. Die Faschisten sind nicht ausgestorben.
Vor drei Jahren haben sie in Tower Hamlets bei Wahlen einen Sitz errungen,
rassistische Anschläge gegen Bengalis sind häufig, Schändung
von jüdischen Friedhöfen mit Hakenkreuzen kommt vor. Eine Schlägerei
gab es kürzlich an einem Jazzkonzert im Fünfsternhotel Marriot
im West End, das Roberto Fiore und Massimo Morsello gehört, zwei italienischen
Neofaschisten, die wegen der Verstrickung in das Bombenattentat auf den
Bahnhof von Bologna im Jahr 1980 nach London geflohen sind. Konzertpianist
war Romano Mussolini, der Sohn des Duce.

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