Die Dampfmaschine des James Watt dreht sich bedächtig, von einem Elektromotor getrieben und einem
Mechaniker in blauer Berufsschürze beaufsichtigt. Was einst die
industrielle Revolution in Gang setzte, setzt heute noch die Familie
in Trab, die an dem regnerischen Sonntagmorgen im Science-Museum die Fossilien einer gewaltigen, mechanischen Kultur betrachtet.
Heinz, der Philosoph, meint, England habe wohl die Maschinenkultur
entwickelt, weil es eine Insel ist, geschützt vor den politischen
Wirren Europas im 18. und 19. Jahrhundert, habe sich hier die
Entwicklung vollziehen können. (Nebenbemerkung: Sollte die Schweiz
also auch eine politische Insel bleiben?) Natürlich waren im industriellen
England die Rohstoffe vorhanden: Kohle und Stahl. Und eine Schicht
von Gebildeten, welche die Musse fand, Erfindungen zu machen und
Maschinen auszutüfteln. «Musse ist wesentlich für die zivilisatorische
Entwicklung», sagte Bertrand Russell.
Meinem Philosophen erkläre ich die Dampfmaschine, den Kolben,
wo die Energie zur linearen Bewegung wird, welche die Pleuelstange
in Rotation umwandelt, die wiederum durch Nockenräder zurückgekoppelt
wird zu den Ventilen: Dampf auf, Dampf zu. Die Dampfmaschine braucht
eine Steuerung, aber auch eine Regelung. Der Fliehkraftregler,
der die Tourenzahl stablisiert, ist wohl die genialste Erfindung
an der Dampfmaschine.
Kraft, Steuerung, Regelung, das bedingte das Maschinenzeitalter.
An der Dampfmaschine ist alles sichtbar, fassbar, begreifbar.
Die Rotation, die dann schliesslich auch zur Fortbewegung führt,
auf dem Wasser oder auf der Schiene, macht die erste industrielle
Revolution vollkommen, Transport, Verkehr, Kommunikation. Der
Verbrennungsmotor ist schliesslich nur ein Nachbau der Dampfmaschine,
mit einem andern Energieträger.
Die Dampfmaschine war für die erste industrielle Revolution die
Energiemaschine, die Eisenbahn das Kommunikationssystem. Zwei
Dinge brauchte es also. So wie der Computer die Energiemaschine
und das Telefonnetz das Kommunikationssystem der modernen Kommunikationsgesellschaft
bilden. Der Gedanke dieser Dualität ist mir letzthin im Gespräch
aufgegangen. Im Museum wird er erneut bekräftigt, sichtbar gemacht,
bestätigt.
So sitzen wir also auf einer Bank und philosophieren über Mathematik,
Naturwissenschaft, Modell und Wirklichkeit, während die Besucherströme
an uns vorbeibranden und eher Action und Fun suchen als den tiefen
Einsichten. In einen Flugsimulator steigen zum Beispiel, ein Achterbahn-Gefühl.
Trotzdem glaube ich, dass ein Museum plötzliche Einsichten auslösen
kann, es muss nicht bloss Vergangenes konservieren. Ich erinnere
mich an einen solchen Blitz der Erkenntnis im Science-Museum in
Birmingham, während eines IBM-Kurses vor etwa 25 Jahren. Dort
sah ich einen Jacquard-Webstuhl aus Holz, Lochkartengesteuert,
und mir blitzte augenblicklich durch den Kopf, dass das, was wir
mit dem Computer machten, damals auch noch mit Lochkarten, ja
eine lange Geschichte hat, dass es sich lohnt, nicht nur in die
Zukunft zu blicken, sondern auch die Vergangenheit zu begreifen,
denn sie bestimmt das Heute und das Morgen. Fortan faszinierte
mich die Geschichte der Computer. (Nebenbemerkung: Eine junge
Frau schrieb mir übers Internet, die Jungen würden ihre Welt selber
bauen. Das klingt rhetorisch gut, ist aber falsch. Jede Generation
baut nur ein Stücklein weiter.)
Im Science-Museum ist die Brücke von der mechanischen Kultur zur
Datenkultur geschlagen über die Figur und die Maschinen von Charles
Babbage, Difference Engine und Analytic Engine, feinmechanische
Konstruktionen, welche die Konzepte der Informatik um rund hundert
Jahre vorwegnehmen. «Rechnen mit Dampf», sagte man damals, begriff
im Dampfzeitalter noch nicht das Visionäre von Babbages Ideen,
der wusste, dass eine Zeit kommen würde, wo Rechnen wichtiger
sein würde als Mechanik. An der praktischen Umsetzung, an den
mechanischen Problemen und an der Finanzierung ist er gescheitert.
Zum Geld beschaffen wollte er sogar einmal einen Roman schreiben…