Lond-on-line 10.4.

Heimat ist das Immer-Gleiche, der Morgenkaffee, die Zeitung, der Spaziergang zum Tower oder nach Canary Wharf, Klettern im Castle oder in Bristol, das Café Libre, Sainsburys Supermarkt, die Fahrt in der Tube, Nine o’clock News auf BBC1, der Fax nach Hause. Der Mensch ist nicht als Astronaut geboren, der in die Unendlichkeit aufbricht, aber auch Raumfahrer haben wahrscheinlich einen kurzen, guten Moment, wenn sie nach der Schwerelosigkeit wieder die Anziehungskraft von Mutter Erde spüren, welche uns das Leben schwer und schön und manchmal unerträglich macht.

Da kommt mir eben eine Schlüsselszene aus meinem Leben in den Sinn. Mein Vater hatte nach dem Tod der Mutter eine Haushälterin aus Deutschland angestellt, die Julia, die mich furchtbar quälte, die ich abgrundtief hasste. Dann kam eines Tages eine Freundin der Julia zu Besuch, die auch eine Stelle (und einen Mann) suchte, es war kurz nach dem Krieg, also liess uns (meine Schwester und mich) der Vater wählen: Die Julia oder die Edeltrud. «Die Alte», sagten wir sofort, denn der immer gleiche Schrecken ist wohl erträglicher als der Sturz ins Ungewisse.

Ich niste mich also ein. Immer ins gleiche Café. Immer die gleiche Zeitung «The Independent». Ich rufe Phil an, wenn ich klettern will, wir kennen uns, und dass er in drei Wochen wieder in die USA zurückkehrt, war eine harte Nachricht. Ich musste, und das ist jetzt ein Geständnis, schreckliche Widerstände überwinden, um dieses halbe Jahr nach London zu fahren, weg vom Immer-Gleichen der Heimat. Der Kopf sagte natürlich: Geh, es ist wichtig zu gehen. Der Bauch (ich brauche jetzt halt mal dieses dumme Psychologenwort) sagte: Geh nicht. Die Heimat verlässt niemand gern, die bekannten Winkel, die vertrauten Gerüche, die lieben Gesichter, die Geliebte.

Nun gibt es ja scheint’s Menschen, die gern reisen. Doch eigentlich ist ja nichts so immer-gleich wie die Reise. Der Flughafen, das Hotelzimmer, das Restaurant, die Bar, das Museum, das Visitor Center. Die internationalen Trampelpfade gleichen sich wie ein Kuhweg dem andern. Nur das Essen ist mal schlecht, mal besser, darum reden die modernen Abenteurer, die reiselustigen Weltenbummler ständig nur vom Essen, Pizza, Hamburger, Kebab und chinesische Restaurants gibt es allüberall. Und mit ein bisschen Englisch und einer guten Kreditkarte trägt man die Heimat mit sich, wo immer man auch reist. Am tollsten sind doch die Reisegruppen, die sich nach der gemeinsamen Reise immer wieder treffen, zum Essen, schwatzen, Dia- und Video betrachten. Es war doch so schön auf der Reise, fast wie daheim.

Wahrscheinlich bin ich wieder ungerecht mit der Menschheit und selbstgerecht mit mir. Ich reise nicht gern, ich ziehe nicht gern um, liebe das Immer-Gleiche, hocke im immer gleichen Café im immer gleichen Winkel und werde am liebsten immer von der gleichen Serviertochter bedient. Und das kann nun wirklich überall auf der Welt sein.

Ich habe auch die immer gleichen Fernsehserien geschaut: Derrik, der Alte, Tatort. Noch ein Geständnis also. Hier überschneidet sich nun die Suche nach Geborgenheit mit der Sucht. (Auch Zigarette anzünden gehört zum immer gleichen Ritual, das Heimat vermittelt.) Natürlich weiss ich: Derrick schafft es immer, schon über 600 Mal. Und gerade darum haben wir ihn gern, den gut angezogenen Vulgärpsychologen, er vermittelt das Daheim und das erst noch in der eigenen Stube. (Ich habe einmal in Italien Derrick geschaut, im Hotel, synchronisiert. Ein Gefühl totaler Entfremdung stellte sich ein, ich stellte ab.) Die Serien, die Seifenopern, die unendliche Wiederholung des Immer-Gleichen, das hat natürlich mit der Kindheit zu tun, das schönste Daheim ist ja jenes, wo die Mutter auf dem Bettrand Geschichten erzählt, jeden Tag dieselben.

Gegen die Seifenopersucht gibt es jetzt Therapien. David C. West von der Jack Duckworth Memorial Clinic in Newcastle befreit für eine Pauschale von 500 Pfund «Soap Junkies» von ihrem Leiden. Die Erfolgsquote ist 75 Prozent.

Zurück zu Lond-on-line Verzeichnis