Meine Stimme habe ich Usamaka Okafo gegeben, denn die schwarze
Poetin ist die schönste der sieben Frauen und drei Männer, die
mit einer Nummer in der Hand auf der Bühne stehen (die diesmal sogar
sauber geputzt ist) wie für eine Schönheitskonkurrenz, doch es
geht darum, wessen Gedicht und Rezitation mit dem ersten Preis gekrönt
wird, und das ist eine persönliche Dichterlesung im Jeremy Street Theatre.
Wir Schweizer AutorInnen können uns einen solchen Preis nicht vorstellen,
wir würden für einen Lesung Honorar fordern. Die elf aber stehen
brav in einer Reihe und lassen sich betrachten, selbst Usamaka Okafa lächelt.
«Man darf auch für sich selber stimmen», sagt ein Organisator,
«John Major macht das auch.»
Schon vor ihrer Lesung wusste ich, dass ich für Usamaka Okafo stimmen
werde, sie strahlt den ungebrochenen Stolz aus, den Power und die Frische,
die ich hier bei vielen schwarzen Frauen beobachte, und ist heute noch schöner
gekleidet als das letzte Mal, schwarz das Jäcklein, flammend gelb der
afrikanische Rock und wie aus lackglänzendem Transformatorendraht ihre
Zöpfe. In der Pause telefonierte sie mit dem Handy. Stolz und melodiös
auch ihr Gedicht, das ihren klingenden Namen zum Thema machte, den sie wieder
entdeckt hat, denn getauft wurde sie Rose Marie, aber ihre Grossmutter nannte
sie Usamaka Okafo, jetzt hat sie ihre Wurzeln in «Mother Africa»
wieder entdeckt. «Usamaka Okafo, not Sally, John or Jane» ist
der Refrain, so das waren die Namen der Sklavenhalter, sagt sie. Ein wirklich
starker Auftritt. Natürlich gab ich meine Stimme nicht objektiv, aber
wie soll man Gedichte objektiv beurteilen, besonders, wenn man nur die Hälfte
versteht? Stimmenthaltung? Nein, das macht John Major auch nicht, auch wenn
er oft nicht einmal die Hälfte versteht.
Im Finale des «Boulderwettkampf am Morgen
in der Kletterhalle im «Castle>» ist die Bewertung objektiver,
25 Probleme von 4,5 Metern Höhe sind zu lösen, die Griffe und
Tritte sind mit Kreide markiert, zwei Versuche erlaubt, vier Stunden stehen
zur Verfügung. Soll niemand behaupten, Klettern habe nichts mit Poesie
zu tun, es ist die wortlose Poesie der Körpersprache, eher vielleicht
Choreografie, das Spiel von Gleichgewicht und Kraft. Mit den «Piccadilly
Poets» haben die Boulderer vom «Southern Sandstone Climbers Club»
eines Gemeinsam: Die Zuschauer sind mehr oder weniger auch Teilnehmer, es
sind Insiderwettbewerbe, die fast nur jene interessieren, die mitmachen.
Der Preis immerhin 50 Pound, für einen Kletterfreak ein Vermögen.
Walter, mit dem ich am Morgen geklettert bin, verdient auf dem Bau 6 Pound
die Stunde, und immerhin ist er ausgebildeter Lehrer.
Sportliche Konkurrenz ist offenbar etwas zutiefst britisches, das haben
Poesie- und Kletterwettkampf gemeinsam: man muss sich messen. Der ewige
Kampf, oben zu bleiben, nicht abzutauchen, gehört wohl zur Standesgesellschaft.
Im Mittelalter kostete das den Kopf, heute das Vermögen und den Status.
Dass die englichsche Kricketmannschaft mit Schmach aus dem Weltcup geflogen
ist nach einer Niederlage gegen Sri Lanka, und zum ersten Mal in der Geschichte
noch vor dem Halbfinal, ist eine nationale Katastrophe: Seitenfüllend
weinen heute die Spieler in der Presse. Wie wichtig die sportlichen Siege
für die englische Seele sind, trotz Winstons Churchills Verdikt «no
sport», zeigte auch eine Kabarettnummer von «Morecambe and Wise»
am Fernsehen: Zwei englische Kriegsgefangene werden befreit. «Der Krieg
ist aus», ruft der Soldat, der in die Baracke stürmt. «So,
und was hat Manchester im Cup gemacht?» fragt einer der Gefangenen.
«Die Briten sind nach wie vor ein kriegerisches Volk und haben eine
Schwäche fürs Kämpfen, vor allem wenn sie dabei auf sich
selbst gestellt sind und es um einen Kampf um Gut und Böse geht»,
schreibt Julian Barnes in seinen «Briefen aus London».
Vielleicht stürzt auch bald der Thron wegen dem Thema Gut und Böse.
Die Tageszeitung «The Independent» hat die LeserInnen befragen
lassen, wen sie als ersten Präsidenten einer Republik England haben
möchten; die Zeitung hat sich kürzlich als republikanisch bekannt,
im Gegensatz zu Rupert Murdochs «Times»,
welche dem Hof treu ergeben ist. Nach all den Finanz-, Liebes- und Scheidungsaffären
des Hauses Windsor ist offenbar eine Mehrheit der Briten einer Abschaffung
der Monarchie nach Elizabeths II Tod nicht mehr abgeneigt. Obenauf in der
Konkurrenz schwang Tony Benn, der Lord, der sich einst zum Sozialisten gewandelt
hat, an dritter Stelle folgt der Popstar Jarvis Cocker. Auch in der Politik
gibt es keine objektive Wahl.
Den Preis der Piccadilly Poets gewann dann trotz
meinem Support nicht die stolze Usamaka Okafo, sondern die rothaarige Moyra
Bremner, eine Londoner Journalistin, mit dem Gedicht ihres verlorenen Kindes,
bewegend, aber nicht so stark, eher die Tränendrüse bemühend.
Während der Rangverkündigung war sie gerade auf dem Klo.