Das indische Essen lastet schwer in der Nacht, während
ich wach liege, aufgeschreckt von einem Knacken oder Knistern oder einem
der wenigen Autos, die durch die Strasse fahren. Stumpfgelb schimmern die
Fassaden, eine Dunstglocke liegt über der Stadt.
Heinz hat mir erzählt, wie ihn die Ankunft am Morgen an seine Ankunft
in Dehli erinnnert hat, vor 15 Jahren etwa, ein Kulturschock, sieben Monate
reiste er mit wenig Geld, das er alles in bar auf der Brust trug, stets
in der Angst, überfallen, beraubt zu werden. Kadaver und Halbverhungerte
lagen auf den Strassen, Katzen ohne Fell wühlten im Müll, er war
nach seinem ersten Semester in Soziologie weggereist, später wechselte
er in die Philosophie.
Er erzählte, und wir speisten Huhn und Lamm in Curry, Pilawreis, Spinat,
Pilze und tranken indisches Cobra-Bier, die Kellner bedankten sich andauernd
höflichst, wenn sie etwas brachten, wir sassen allein in dem kühlen
Lokal. Eine Klimaanlage rauschte.
Damals kannten wir uns schon von einer einzigen Begegnung. Heinz hatte als
Taxifahrer gejobbt, neben der Matur auf den zweiten Bildungsweg, eines Abends
in Wollishofen hatte er am Standplatz das Radio eingeschaltet, es kam ein
Hörspiel, zwei Bergsteiger im Biwak, mein erstes. Heinz, ein Bergsteiger,
hatte mich für einen Klassenbesuch vorgeschlagen. Ich erinnere mich
noch an einen Morgen in einem Klassenzimmer, die Studentinnen und Studenten
sassen im Kreis, Fragen, das Übliche. Er schrieb mir anschliessend
einen Brief. Er schrieb mir nochmals einen Brief, nachdem wir uns am Villigerpfeiler,
einer schweren Kletterroute, Jahre darnach, wieder getroffen hatten. Er
schrieb, wir könnten doch einmal zusammen klettern. Unsere erste Tour
war die Bockmattli-Nordwand, an einem strahlenden Herbsttag vor zehn Jahren.
Nun ist er hier und wir wandern durch das touristische London, der Themse
entlang, Tower, Embankment, Piccadilly Circus, Soho, Oxford Street, Hyde
Park. London, das gross Dorf.
Die Begegnung mit Heinz hat mein Leben verändert, durch ihn bin ich
ein Sportkletterer geworden, noch einmal jung.
Während wir durch düstere Hinterhöfe, über Pfützen
und aufgeweichten Karton nach Hause schreiten, erzählt er, dass G.
in London überfallen worden sei von zwei Jugendlichen, als er sich
losreissen wollte, hätten sie ein Messer gezogen. Zuhause prüft
er, ob sich die äussere Gittertür nicht verschliessen lasse, doch
ich habe noch keinen Schlüssel gefunden, der passt. Allein in der Nacht
schrecke ich oft auf, es knackt und knistert, ein Auto fährt heran,
Türen schlagen. Heinz wird ein paar Tage bleiben, mir Gesellschaft
leisten.