Ein Oldtimer namens Logo
Die pädagogische Revolution fand nicht statt. Obwohl Seymour Papert,
Computerpädagoge der ersten Stunde, den Untergang der Schule prophezeit
hatte: «Ich glaube, dass das Vorhandensein von Computern uns befähigen
wird, die Lernumgebung ausserhalb des Klassenzimmers so zu modifizieren,
dass viel, wenn nicht alles Wissen (…) gelernt wird, wie ein
Kind das Sprechen lernt, mühelos, erfolgreich und ohne organisierten
Unterricht. Das bedeutet natürlich, dass Schulen, wie wir sie
heute kennen, keinen Platz in der Zukunft haben.»
Logo hiess die neue Sprache, welche die Schüler zum selbstbestimmten
Lernen am Bildschirm hinführen sollte. Und endlich einmal aufräumen
mit den Folien und dem Frontalunterricht der Oberlehrer.
Schon der Titel von Paperts Buch, das 1982 in deutscher Sprache
erschien, war Programm: «Kinder, Computer und Neues Lernen». Der
beim bedeutenden Schweizer Pädagogen Jean Piaget geschulte Autor
stellte darin mit grosser Überzeugungskraft die Konzepte seiner
Logo-Pädagogik vor. Gerade rechtzeitig, denn in jenen Jahren begannen
die Erziehungsbehörden weltweit, die Schulen mit Computern aufzurüsten.
Ein neuer Markt öffnete sich, die Reformpädagogen witterten Morgenluft.
Denn Logo war, gemäss Papert, nicht nur eine starke Computersprache,
sondern eine Erziehungsphilosopie. Das konnte ja nicht gut gehen.
Schon bald spaltete sich die Lehrerschaft, wie stets bei pädagogischen
Neuerungen, in die feurigen Befürworter, die nörgelnden Skeptiker
und die Gegner mit dem erhobenen Zeigefinger.
An der «Schildkröte» schieden sich die Geister: Das Symbol, das
nach dem Starten des Logo-Interpreters im Zentrum des Bildschirms
stand, Blick nach oben, war das Markenzeichen von Logo. Es bot
Hand, respektive Fuss, für den Einstieg in eine simulierte «Lernumgebung».
Hier wurde «Schildkrötensprache» gesprochen, unten am Schirm blinkte
ein Fragezeichen, und man tippte.
Das Wort VORWAERTS 50 jagte die Schildkröte fünfzig Schritte (Pixel)
in Blickrichtung voran, gleichzeitig hinterliess sie auf den Bildschirm
eine leuchtende Spur. Das Kommando RECHTS 90 wendete ihren Blick
um 90 Grad nach rechts. Alles klar? WIEDERHOLE 4 und ein Quadrat
war geboren. Sogleich wurde es der Schildkröte mit der Anweisung
LERNE ins Gedächtnis geschrieben, nun verstand sie ein neues Wort:
QUADRAT. Papert: «Der Gedanke des Programmierens wird durch die
Metapher eingeführt, der Schildkröte ein neues Wort beizubringen».
Aus einfachen Wörtern wuchs allmählich ein komplexes Vokabular
von Prozeduren. Ein Rollentausch fand statt: Schüler wurden zu
Lehrern, setzten sich eigene Ziele, etwa einen fünfzackigen Stern
zeichen, formulierten die Prozedur in der Schildkrötensprache,
erkannten Fehler am Bildschirm sofort selber, korrigierten sie
und machten dabei grundlegende Erfahrungen in Geometrie, Informatik,
Mathematik, in logischem Denken schlechthin. Und das gleichsam
spielerisch, so nebenher, durch «Lernen ohne formalen Unterricht».
Computer sollten nicht länger Drillmaschinen bleiben, nach dem
Vorbild des Programmierten Unterrichts, sondern «in meiner Vorstellung
programmiert das Kind den Computer».
Logo basiert auf der KI-Sprache LISP und nebst Papert waren an
der Schöpfung Dan Bobrow und Wallace Feurzeig beteiligt, eine
erste Fassung wurde 1967 mit Mathematikschülern einer fünften
und sechsten Klasse in Lincoln, Massachusetts, getestet. Noch
ohne Schildkröte, sie kam erst 1971 an Paperts Logo-Labor am Massachusetts
Institute of Technology ins Spiel.
Die Schildkröte machte das Resultat theoretischer Gedankengänge
am Bildschirm sichtbar, sie war der «Gegenstand-mit-dem-man-denkt»,
der das Abstrakte konkret macht. Natürlich war auch die Grafik
attraktiv in einer Zeit, in der die eben erst eingeführten Bildschirme
meist zeichenorientiert arbeiteten und Computer vor allem Zahlenkolonnen
auf Zebrapapier druckten. Logo beschränkte sich aber nicht nur
auf die Schildkrötengrafik, mathematische Funktionen und Operationen
mit Zeichenketten gehörten ebenso zum Sprachumfang wie rekursive
Prozeduren und komplexe Listenstrukturen.
Doch das Anschauliche, Spielerische der Schildkrötenwelt haftete
Logo an und raubte der Sprache die Ernsthaftigkeit, mit der die
Millioneninvestitionen im Bildungsbereich begründet werden mussten.
«Wozu kann man das brauchen?» war die Frage, die man sich Logo-Begeisterter
immer wieder beantworten musste, und das war nicht einfach. Im
Alltag der Wirtschaft war das Beherrschen von Textverarbeitung,
Tabellenkalkulation und Datenbanken gefragt, nicht das Spielen
mit Schildkröten, das Zeichnen von Sternen und Spiralen und das
Kreieren von Computer-Poesie. Und mit dem Aufkommen der grafischen
Oberflächen von Macintosh und Windows begann auch die Attraktivität
der Logo-Grafik zu schwinden. Wozu Befehle tippen, wenn man eine
Linie einfach mit der Maus ziehen kann?
«Der Same ging leider nicht auf», erinnert sich Christian Rohrbach,
Schweizer «Logo-Guru» und Autor einer deutschen Logo-Version für
den Macintosh. Allerdings will er diese Aussage nur für den deutschen
Sprachraum gelten lassen, in englischsprachigen Schulen sei Logo
nach wie vor verbreitet. Warum?
«Wahrscheinlich sind wir zuwenig spielerisch. Der Nutzen von Logo
ist nur abstrakt begreifbar und kann nicht auf Heller und Pfennig
belegt werden. Es ist geistiges Training.» Nach wie vor geeinget
findet er Logo, wenn man Schülern die Hintergründe des Programmierens
zeigen wolle.
«Logo ist ein Oldtimer, den wir aber doch gelegentlich noch verkaufen»,
heisst es beim der pädagogoschen Fachstelle Pestalozzianum in
Zürich. «Junge Lehrer setzen es aber kaum mehr ein, nur noch ein
paar alte Hasen.» Die pädagogischen Ideen, die hinter dem Konzept
stehen, seien aber noch nicht gestorben.
«Revolution des Lernens» titelte der «Spiegel» anfangs Jahr. Diesmal
sind es Telekommunikation und Multimedia, welche den Abschied
vom Katheder einleiten sollen. Auch Altmeister Papert meldet sich
nochmals zu Wort. «Durch richtigen Gebrauch der Technologie können
wir Kinder aber für selbständiges Lernen mehr als je zuvor faszinieren.
Insofern ist der Computer eine machtvolle Waffe, um das alte System
aufzubrechen.» Alles logo?