Es lebe der Berg!
Für die einen ist der Berg Symbol, für die andern Lebenswirklichkeit.
Das zeigt sich nicht zuletzt auch in der Politik. Das «Internationale
Jahr der Berge» wäre ein Anlass, den Blick zu schärfen für die
Widersprüche im Bild, das wir uns von den Bergen machen.
In einer Zeit, in der alles zu zerfallen scheint, wenden wir uns
dem Berg zu, der scheinbar fest steht, unverrückbar und unverletzlich.
Dass sich konservative Geister gern auf den Berg berufen, ihn
Hort der Freiheit nennen, Symbol nationaler Identität, kommt nicht
von ungefähr. Es ist die Sehnsucht nach den ewigen Werten, den
absoluten Gesetzen, die sie im Berg versteinert sehen. Für viele
Religionen ist der Berg ein Vorzimmer des Himmels. Der Olymp war
der Thron der Götter, Moses brachte Gottes Gesetz in Stein gemeisselt
vom Berg Sinai, Jesus predigte auf dem Berg, Mohammed hob vom
Tempelberg ab ins Paradies und hinterliess seinen Fussabdruck
auf dem Fels. Wer den Berg beherrscht, glaubt die Welt zu beherrschen,
und so schlagen sich die Menschen die Köpfe ein wegen der Herrschaft
über Berge: Von der Bergfestung Massada am Toten Meer über die
Dolomitenfront im ersten Weltkrieg, Hitlers Alpenfestung im zweiten
bis Tora Bora in Afghanistan. Wie viele Menschen für den Tempelberg
in Jerusalem noch sterben werden, das wissen wahrlich nur die
Götter. Die Gebirgskrieger sollten sich eigentlich die alte Zen-Weisheit
auf ihre blutigen Fahnen schreiben: «Wenn du auf den Gipfel eines
Berges kommst, dann klettere weiter.» Sie ist ein Manifest gegen
das Absolute in der Gestalt des Bergs.
Nicht auf Granit gebaut
Die nach Fortschritt drängenden Teile der Gesellschaft sehen im
Berg eher ein Hindernis. Der europäischen Vereinigung stehen die
Alpen im Weg, vor allem der wirtschaftlichen Vernetzung mit der
Flexibilisierung der Fertigungsysteme. Das Prinzip «Just in Time»
hat gigantische Transportlawinen zwischen den Produktions- und
Verteilzentren ausgelöst, die sich nun vor den Alpen stauen. Die
Metapher «Lawine» hat ihren Ursprung am Berg, doch die Bedrohung
hat sich gewendet: Sie kommt nicht mehr von oben, sondern von
unten. Sicher ist: wenn man alle Löcher stopfen würde, die der
Mensch im Laufe der Zeit durch die Alpen gebohrt hat, dann würde
Europa auseinanderbrechen.
Der Nobelpreisträger Elias Canetti schrieb 1960 in seinem Hauptwerk
«Masse und Macht»: «Nichts vermag dem nationalen Selbstbewusstsein
der Schweizer ernsthaft Abbruch zu tun. Allerdings haben sie ein
Massensymbol gemein, das ihnen allen jederzeit vor Augen steht
und unerschütterlich ist wie das keines anderen Volkes: die Berge».
Doch er hat unrecht. Die Urschweiz ist dank dem Übergang über
die Alpen entstanden, vor allem der Eröffnung der Handelsstrasse
über den Gotthard im 12. Jahrhundert. Und diese war, gemäss der
Sage, erst noch Teufelswerk, denn die strategisch wichtige Brücke
durch die Schöllenenschlucht konnte nur der Leibhaftige bauen.
Die Urschweizer betrogen ihn dann erst noch mit einer List um
die versprochene Menschenseele und speisten ihn mit einer Ziege
ab. Man könnte also auf teuflische Gedanken kommen, was den Ursprung
des Landes betrifft. Jedenfalls war nicht der Berg die Wiege der
Eidgenossenschaft, sondern der Weg, der ihn überwand.
Dank dem freien Warentransport durch den Gotthard hat die Schweiz
unter anderem den zweiten Weltkrieg überlebt, dank den Eisenbahn-
und Autotunnels besitzt sie heute ein Pfand, das ein Abseitsstehen
in Europa möglich macht. Unser Selbstbewusstsein ist auf Mobilität
gebaut, nicht auf Granit und das Matterhorn. Die Nation leidet
gegenwärtig an den Problemen mit Verkehrssystemen: Gotthardtunnel,
Neue Alpentransversale, Swiss- und Crossair. Wir streiten um Flugzeugpisten,
Eisenbahn- und Autotunnels, nicht um Jungfrau, Mönch und Eiger.
Wie viel einfacher wäre doch die politische Landschaft, wenn sich
im realen Land kein Berg erheben würde und alles so flach wäre
die Niederlande.
Freie Sicht aufs Mittelmeer
Viele Schweizer leben am Berg, leben vom Berg und lieben den Berg.
Doch sie sind die Minderheit, der Rand der Gesellschaft. Denn
der Masse steht nicht der Berg «jederzeit vor Augen», wie Canetti
meint. Die Mehrheit reiht sich ein in die Verkehrslawine und möchte
möglichst rasch über alle Berg entfliehen an die Sonne und an
die Strände oder noch weiter. «Nieder mit den Alpen! Freie Sicht
aufs Mittelmeer!», forderte die Zürcher Jugendbewegung vor zwanzig
Jahren. Der Satz so populär geworden, dass er schon für Spaghettiwerbung
benutzt wurde oder 1998 als Titel einer Ausstellung für «Junge
Schweizer Kunst» im Kunsthaus Zürich, gesponsert von Credit Suisse.
Die Wirtschaft und die rebellische Jugend verbünden sich im Wunsch,
der Berg möge so wenig Hindernis wie möglich bieten für die grenzenlose
Bewegungsfreiheit der modernen Zeit.
Nur wenn er verschneit ist, drängt sich der Mensch in Massen zum
Berg, und auch dann will er ihn möglichst mobil erleben. Sich
mit Lifts und Bahnen mühlos auf die Gipfel tragen lassen, um mit
dem Snowboard «freestyle» ins Tal zu fegen. Als touristischer
Wirtschaftsraum sind die Alpen vor allem im Winter interessant.
Ein Wintersportort, der nicht eine «Weisse Arena» anbietet, in
der jede beliebige Spitze ohne jede eigene Anstrengung erreichbar
ist, jede Abfahrt präpariert, gesichert und künstlich beschneit,
ist definitiv «out». Ebenso, wenn vom Parkhaus bis zur Warteschlange
am Lift mehr als fünf Minuten zu Fuss zurückzulegen sind. Das
Prinzip «Just in Time» hat auch vom Wirtschaftsraum der Alpen
Besitz ergriffen. Hier heisst es «Just for Fun». Vom Thron der
Götter ist in dieser Welt nichts mehr zu spüren.
Hilfe, ruft der Berg
«Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher wird mir Hilfe
kommen?», fragte ein Psalmist vor ein paar tausend Jahren. Wer
heute die Augen aufhebt und sie auch wirklich öffnet, sieht, dass
Hilfe nicht mehr vom Berg kommt, im Gegenteil. Der Berg braucht
Hilfe. Die Menschen an den Alpentransversalen wähnen sich nicht
mehr im Vorzimmer des Himmels, sondern der Hölle. Wenn ein Lastwagen
mit heisser Fracht explodiert, dann ist sie wirklich los zur
Freude des Teufels, den man einst betrogen hat. Zugleich sind
die alten Bedrohungen nicht gebannt. Die Verkehrslawine hat die
die Eis-, Stein- und Schlammlawinen nicht ersetzt, im Gegenteil.
Die Erwärmung der Atmosphäre taut den Permafrost in den Hängen
auf, was wiederum eine Folge des zunehmenden Verkehrs ist. Natürlich
sind die Zusammenhänge umstritten, da komplex, und erst wenn es
zu spät ist, werden sie auch wissenschaftlich bewiesen sein. Jedenfalls
wird, wer in dieser Zeit der Verunsicherung und des Zerfalls die
Augen aufhebt und den Berg befragt, keine so beruhigende Antwort
bekommen, wie sie der Psalmist gegeben hat: Der Herr, der Himmel
und Erde gemacht hat, wird schon helfen. Und auch Canettis philosophischer
Gedanke über die Berge trifft heute kaum mehr zu: «Ihre Schwerzugänglichkeit
wie ihre Härte flössen dem Schweizer Sicherheit ein.» Selbst die
Armee hat die Festungen im Gebirge aufgegeben, das legendäre Réduit
wird privatisiert.
Das Beständige ist der Zerfall
Wenn wir uns also in diesem von der UNO ausgerufenen «Internationalen
Jahr der Berge» den Alpen zuwenden, könnte uns vielleicht nicht
das fest Stehende, das Ewige und Beruhigende ins Auge fallen,
sondern ein prekäres Gebilde, das in ständigem Zerfall begriffen
ist. «Die Alpen zeigen kein beruhigtes Greisenantliz», hat der
berühmte Geologe Albert Heim vor gut sechzig Jahren in seinem
Alterswerk «Bergsturz und Menschenleben» festgestellt. «Alles
ist in Bewegung, sowohl allmähliche, von einem labilen Gleichgewicht
zum nächsten tastend, als auch plötzliche, in abrupten Zuckungen
sich vollziehende, die den Menschen, der meinte, sich auf den
?ewigen Bergen? ruhig niederlassen zu können, als verhängnisvolle
Katastrophen überfallen.»
Schon in den Sagen, die das magischen Weltbild der Bergbewohner
zum Ausdruck brachten, ist vom ständigen Zerfall des Bergs die
Rede, von der Bedrohung der Lebenswelt, die er der Öde abgerungen
hat. Die Natur verköpert in der Überlieferung nicht das Reine
und Unantastbare, wie sie ökologische Fundamentalisten mit Wohnsitz
im Tiefland gerne sehen. Der Bergler nutzt die Natur, er befindet
sich aber auch in einem ewigen Kampf gegen ihre Unbill. Er «bannt»
den eigenen Grund gegen das Chaos, das es von aussen unablässig
zu verschlingen droht, stellte Eduard Renner 1941 in seinem Klassiker
«Goldener Ring über Uri» fest. «Der Grundsatz der Unverletzlichkeit
des Eigens hat seine stärksten Wurzeln gerade in der Kargheit
des Bodens und in der ständigen Gefährdung, in der jede Fussbreite
fruchtbarer Erde steht.»
Auch wenn viele Fussbreit Erde heute unter Skipisten und Autobahnen
verschwunden sind, in den Alpentälern hat sich die Kultur der
Abwehr erhalten gegen alles, was von aussen in den eigenen Kreis
eindringen will, seien es Stein- oder Lastwagenlawinen, fremde
Menschen oder Ideen. Aus diesem Grund stossen Initiativen zum
Schutz der Alpen, die aus dem Flachland kommen, am Berg oft auf
Granit. Ob der Ruf aus der UNO-Zentrale in New York zum Schutz
der Bergnatur und -kultur im Alpenraum lauten Widerhall finden
wird, ist fraglich. Das ist nicht Chauvinismus, es liegt sozusagen
in der Natur des Lebens am Berg.
Der Berg im Kopf
Dem Nationalismus hat der Berg als Symbol und Mythos allerdings
seit jeher gedient. «Wenn der Alpen Firn sich rötet, betet, freie
Schweizer, betet», singen auch heute am lautesten die Anhänger
der Rechtsparteien, die nach freier Fahrt für Lastwagen, nach
mehr Löchern im Berg und Liften auf die Gipfel rufen. Im Namen
der Freiheit, die der Berg für sie verkörpert, stemmen sie sich
auch gegen eine europäische Alpenkonvention zum Schutz der Berge
und ihrer Lebenswelt. Das konservativ-religiöse Bild vom Berg
hat jedoch nie der Wirklichkeit entsprochen, es stammt aus grauer
Vorzeit, wo die Menschen die Berge gar nie bestiegen, sondern
in Angst und Ehrfurcht vor ihnen erschauerten. Die Nationalisten
sehen nicht den Berg in der Welt, sondern sie tragen ihn im Kopf,
verklärt und erstarrt. Der wahre Berg jedoch lebt und rumort und
lockt und wer die eigenen Füsse bewegt und die Augen öffnet, findet
noch immer einsame Gipfel, versteckte Täler und verträumte Dörfer,
die ihre Ursprünglichkeit erhalten haben ohne zu erstarren. |
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