Kaiserweg: Auf historischem Kletterpfad im DonautalNach langem Ringen haben Kletterer, Naturschützer und Behörden für den Schaufelsen im oberen Donautal einen Kompromiss gefunden – eine Gelegenheit, den Kaiserweg nochmals zu klettern, die längste ausseralpine Route Deutschlands. Die Griffe sind gross, aber kalt, der Fels der ersten Seillänge sieht etwas wacklig aus. Früher stieg man weiter links ein, durch Schrofengelände. Früher, das heisst für mich: Karfreitag 1962. Heute bin ich froh, dass Robert Steiner vorsteigt. Er hat mir seine Daunenjacke überlassen, die er im Winter in den grossen Nordwänden der Alpen oder während eiskalten Erstbegehungen im Tien Schan trägt. Ein guter Freund, ein genialer Kletterer und Schriftsteller. Mit ihm will ich den Kaiserweg im Donautal nochmals gehen. Das idyllische «Täle» zwischen Beuron und Sigmaringen ist beidseitig von Kalkklippen gesäumt, seit hundert Jahren wird hier geklettert. Die mit fünf Seillängen «längste ausseralpine Route Deutschlands» am 120 Meter hohen Schaufelsen gehörte in meiner Jugend zum Pflichtprogramm der Kletterelite. 1954 fanden Walter Seeger und der damals stärkste deutsche Kletterer Günther Nothdurft die Route durch die überhängende Wand. Drei Jahre später kam er nach der Eigernordwand im Abstieg ums Leben, zusammen mit Franz Mayer – auch er eine Kletterlegende aus dem Täle. Der Kaiserweg ist ein Denkmal der Alpingeschichte. Kletterfreies Baden-Württemberg? Ziemlich unbedarft waren wir angereist damals, ohne Pass und Papiere. In Singen holte uns die Grenzpolizei aus dem Zug, wir mussten Formulare ausfüllen, dann liess man uns ziehen. Von Beuron wanderten wir schwer beladen mit Zelt und Seil und Haken zur Neidinger «Mühle», dem Treffpunkt der Donautalkletterer. Am andern Morgen gings zum Schaufelsen, beim Warmklettern am benachbarten Blicklefels schaute uns einer zu, rief herauf: «Jungs, ihr klettert ganz gut. Auf zum Kaiserweg!» Zu dritt stiegen wir ein, mitten im heissen Nachmittag. Während der Tour weihte uns Rolf Ott ein in die lokale Technik, bei der man damals viel mit Steigbügeln und Fiffihaken hantierte.
Am härtesten wurde um den Schaufelsen gerungen. Der ökologisch hochwertige Felskomplex mit grossflächigen Felswänden, Schutthalden, Felsplateaus und anderen wertvollen Lebensräumen besitzt eine besonders artenreiche Flora und Fauna und ist Teil des europäische Schutzgebietssystem Natura 2000, das die biologische Vielfalt in Europa erhalten soll. Dohlen und Wanderfalken brüten in den Felsen, Fledermäuse und Schlangen finden Unterschlupf. Gleichzeitig ist es das spektakulärste Klettergebiet mit Klassikern wie dem Kaiserweg. Die Situation blieb verfahren, bis eine unabhängige Projektgruppe aus Naturschützern, Biologen und Kletterern im Jahr 2001 das «Projekt Schaufelsen» startete, bei dem Rolf Ott eine führende Rolle spielte und als integrierende Persönlichkeit nach allen Seiten viel Überzeugungsarbeit leisten und manchen Streit schlichten musste. Nach neun Jahren zähen Ringens und dem Einsatz von unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden konnte im April 2008 ein Kompromiss gefunden werden, mit dem alle Beteiligten gleichermassen zufrieden – oder unzufrieden waren. Von Mitte Februar bis Ende Juni bleibt der Schaufelsen vorläufig gesperrt, viele klassische Routen mussten «rückgebaut» werden. Eine definitive Regelung hängt von den Ergebnissen einer wissenschaftlichen Untersuchung ab, die zeigen soll, «ob sich Klettern mit den Grundsätzen des Vogelschutzes verträgt». Falls nicht, droht am Ende ein totales Kletterverbot. Rolf Ott: «Inzwischen haben auch die Behörden kein Interesse mehr daran, dass der schlimmste Fall eintritt, die wollen am liebsten Ruhe und Frieden im Täle, denn eine Überwachung von Kletterverboten können sie personell gar nicht leisten.» Die ersten Ergebnisse der Studie lassen jedenfalls hoffen, dass die Regelung Bestand hat.
Es ist ein Wochentag, bedeckter Himmel, die Wand noch da und dort nass, die Donau führt Hochwasser. Die Wanderfalken und Dohlen sind ausgeflogen. Der legendäre Quergang des Kaiserwegs sieht noch immer eindrücklich aus, viel Luft unter den Sohlen der Kletterfinken, drüben am Stand bei Robert hängen die Seile ins Leere. Der letzte Riss ist steil, aber nicht mehr schwierig. Dann sitzen wir oben im Wald und mir kommen beinahe die Tränen. Fast ein halbes Jahrhundert ist vergangen. Damals war schon Nacht, als wir ausstiegen. In der «Mühle» ging dann die Post ab: Rolf führte uns in die Runde der «Albgammler» ein, des lokalen Extremistenclubs, ein Bierstiefel kreiste, und dazu sagen wir Bergvagabundenlieder. Die Wirtin füllte immer wieder nach, «Fev» nannte man sie und auch sie war eine Legende. Ob sie hübsch war oder jung oder alt, daran mag ich mich nicht mehr erinnern, denn schon bald war meine Sicht nicht mehr so klar. Emil Zopfi
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Foto: Robert Steiner |
