Informationsgesellschaft

Berufe auf dem Surfbrett

Es ist später Abend, als Richard Anson, Cyberhost in Londons Internet-Café
Cyberia, einen Betrunkenen am Kragen packt und an die Luft setzt.
Das Licht im Lokal ist gedämpft, leise Musik erklingt. Vor einem
Bildschirm sitzt ein Pärchen und studiert das Kinoprogramm. Einem
Punker stürzt beim Surfen die Maschine ab, Richard wirft sie mit
ein paar gelassenen Tastendrucken wieder an, dann tritt er hinter
die Bar und lässt die Espressomaschine zischen. Feierabend. Am
nächsten Morgen um elf steht er wieder im Café und leitet einen
Einführungskurs für Bankpersonal. Cyberhost ist wohl der vielseitigste
Beruf, den die Netzkultur hervorgebracht hat, er ist Kellner,
Kursleiter und Computerberater in einer Person, betreut Menschen
und Maschinen, ein Sozialpädagoge und Techniker an der Schnittstelle
von Gesellschaft und Cyberspace. Und doch kein Beruf mit Zukunft.
Der Boom der Internet-Cafés ist vorbei. Selbst die Cyberia-Gruppe,
die sich zum Ziel gesetzt hatte, in jeder grösseren Stadt der
Welt ein Internet-Café zu eröffnen, betreibt gerade noch acht
Lokale. In der Schweiz, wo in Haushalten und Büros Computer im
Überfluss herumstehen, war das Bedürfnis nach öffentlichen Lokalen
mit Netzanschluss ohnehin nie gross.

Journalisten im Arbeitsnetz

Internet-Technologie ist heute Big Business. Aus der Bastelwerkstatt
der kreativen Studenten, Freaks und elektronischen Selbstverleger
ist ein «Arbeits-Netz» geworden. Diesen Titel trug eine Tagung
in Zürich, die sich kürzlich mit Berufsperspektiven im Internet
befasste. Organisiert hatte sie «comedia», die im Aufbau begriffene
«multimediale Gewerkschaft für alle Beschäftigten der Kommunikations-
und Medienindustrie». Einer der Referenten, Josef Trappel vom
Institut Prognos in Basel, schätzt auf Grund einer deutschen Studie,
dass in der Schweiz bis in zwei Jahren im Medienbereich etwa 3000
neue Arbeitsplätze rund ums Internet entstehen könnten. Ein gewaltiger
Zustrom an Cyberspace-Arbeitern dürfte der der Gewerkschaft vorderhand
kaum erwachsen.

Die neuen «Internet-Berufsbilder» gewinnen erst allmählich Profil.
Schulen, die heute schon Lehrgänge im Web-Bereich durchführen,
bilden vorderhand vor allem «Generalisten» aus, die von Netzwerktechnik
über Bildschirmgestaltung bis Java-Programmierung von allem etwas
mitbekommen. «Mit professioneller Anwendung haben solche Wald-
und Wiesenkurse nur wenig zu tun», meint André Maerz, der als
Leiter Neue Medien bei Ringier für die On-line Redaktionen und
eine «Webfactory» verantwortlich ist, die für interne und externe
Kunden Internet-Auftitte realisiert.

Bei Medienunternehmen bilden On-line Redaktoren bereits eine eigenständige
Berufsgruppe, bei Ringier sind es laut Maerz zehn Arbeitsplätze.
Der On-line Redaktor ist kein rasendender Reporter, sondern ein
Bildschirmarbeiter. Sieben der acht Arbeitsstunden verbringe er
vor dem Schirm, sagt Roland Specker, der seit zwei Jahren bei
News Window arbeitet, einem Informationsdienst des Internet-Providers
Blue Window. Aus dem Informationspool des Netzes wählt er die
für die Zielgruppe aktuellen Nachrichten aus, bereitet sie in
netzgerechtem Format auf und setzt Links zu Hintergrundinformationen.
Im Unterschied zur Printredaktion gibt es keinen Redaktionsschluss,
kein Gerangel um ein paar Zeilen mehr oder weniger. Das elektronische
Medium setzt zeitlich und räumlich weniger Grenzen. Die Arbeit
sei, so Specker, nicht so hektisch wie auf einer Papierredaktion.
In der Ringier-Journalistenschule bildet On-line Journalismus
bereits Bestandteil des Curriculums, die höhere Fachschule für
Journalismus MAZ in Kastanienbaum bietet einen zwölftägigen Lehrgang
an ­ für den ersten meldeten sich 70 Interessenten.

Ein Berufsfeld mit Zukunft öffnet sich, laut Maerz, im Textarchiv
von Medienunternehmen. «Eine Art Informationsbroker oder Web-Detektive»,
nennt er die Leute, die sich auf dem Netz so gut auskennen wie
der konventionelle Dokumentalist in seinen Archivschränken. Bei
wichtigen Ereignissen, zum Beispiel Wahlen oder Weltmeisterschaften,
orten sie die interessanten Links, Websites und Newsgroups, damit
nicht zwanzig Journalisten dasselbe machen. «Ein extremes Sparpotential
für Medienunternehmen», meint Maerz. Bei Ringier seien ein Viertel
der Dokumentalisten bereits aufs neue Medium eingefuchst. Auf
dem Netz selber sind auch schon Freelancer tätig, die Archiv-
und Agenturdiensten für Journalisten anbieten. Christoph Soltmannowski
bietet auf seinem «pressnet» aktuelle Links, Pressemitteilungen,
Bilder und Nachrichten an. Lukrativ sei das noch nicht, doch das
Angebot soll Aufmerksamkeit schaffen und Unternehmen motivieren,
ihre Medienmitteilungen über seinen Kanal zu verbreiten.

Print schrumpft, Pixel wächst

Mit Gags, Glimmern und Glitzern allein schafft auf dem Netz niemand
mehr Aufmerksamkeit. Die professionell gestaltete Homepage ist
ruhig, übersichtlich, informativ gestaltet, die Navigation einfach.
Ein weites Feld für sogenannte «Pixler», oder gehobener ausgedrückt
«Screen Designer». Bei der Bildschirmgestaltung scheint sich die
Geschichte des Desktop-Publishing zu wiederholen: Zuerst das fröhliche
Jekami, das zu einem haarsträubenden visuellen Chaos geführt hat,
das in den Augen schmerzt und – dank Multimedia – auch in den
Ohren. Dann erst folgt die Professionalisierung. «Es wird Zeit,
dass ihr erwacht», rüttelte André Maerz vor zwei Jahren an einem
Podiumsgespräch die visuellen Gestalter wach, die sich eben mit
den Desktop-Werkzeugen angefreundet hatten. Wenn es wahr ist,
dass im Internet inzwischen 350 Millionen Seiten abgelegt sind,
kann man sich vorstellen, dass hier ein unglaubliches Potential
für digitalen Design schlummert. Jeder Verein, der heute sein
Jahresprogramm aufs Netz schiebt, will mit einer anständigen Homepage
auftreten ­ die untergeordneten Seiten dürfen dann etwas dürftiger
aussehen. Die Gestalter sind erwacht: Der Studienbereich Neue
Medien der Schule für Gestaltung Zürich bietet ab Herbst eine
vierjährige Ausbildung an, in welcher der «Erarbeitung der Ästhetik
des Digitalen besondere Aufmerksamkeit gilt». Dabei sollen nicht
nur Bildschirme als Projektionsfläche für die schöne neue Pixelwelt
dienen, sondern auch Datenhelme, Datenräume und Hologramme.

Die Jobs sollen den Dekorateuren des Cyberspace in Zukunft von
«Multimedia-Koordinatoren» zugeschaufelt werden ­ jedenfalls wenn
sich die Berufswelt nach den Vorstellungen der Fachverbände des
grafischen Gewerbes entwickelt. Die Berufsprüfung mit eidgenössischem
Diplom wird ab 1999 durchgeführt. Roger Leuenberger, der in der
vorbereitenden Kommission mitgearbeitet hat, bezeichnet das Berufsbild
als «Versuch, Leute in der grafischen Industrie aus dem Printbereich
in die neuen Medien umzuschulen.» Denn gemäss Josef Trappel wird
der Printsektor um ebenso viele Arbeitsplätze schrumpfen wie der
Pixelbereich wächst. Kunden wünschen heute Gesamtlösungen, also
einheitliche Auftritte in gedruckter und elektronischer Form.
Der Koordinator wird, wie es der Berufstitel sagt, die Produktion
von Papier, Internet oder CD-ROM koordinieren, Konzepte und Drehbücher
verfassen und die Daten in richtiger Form in die entsprechenden
Kanäle schleusen. Einen Kurs bietet unter anderen die Schule für
Gestaltung in Bern an.

Den direkten Einstieg in die neue Medienwelt öffnet die dreijährige
Berufslehre als «Mediamatiker», die bereits im Tessin erprobt
und ab Herbst in den Kantonen Bern und Aargau angeboten wird.
Das vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie verabschiedete
Reglement spricht auch hier von «Generalisten». In dem von der
Interessengemeinschaft Sigmedia entworfenen Berufsbild steht,
Mediamatiker seien ein «Bindeglied zwischen den Technologien und
den Technik- respektive Multimedia-Anwendern». Das klingt zwar
etwas diffus, doch in einer Situation, in der 7000 Lehrstellen
fehlen, ist jede Ausbildungsmöglichkeit begrüssenswert. Man möchte
vor allem die jungen Unternehmen der Branche motivieren, selber
Leute auszubilden, sagt Friedrich Grundbacher, der im Bundesamt
den neuen Beruf betreut. Nicht alle sind so vorbildlich wie der
vor drei Jahren gegründete Provider Internet Access AG, der bei
einem Personalbestand von 50 Leuten Lehrstellen für zwei Informatiker
und zwei Kauffrauen geschaffen hat.

Webmaster als Weg zum Ruhm?

Glaubt man Eva Pascoe, der legendären Gründerin der Cyberia-Gruppe,
dann sind die «Webmasters die stillen Helden der Netzwerk-Revolution».
Cyberia hat ein eigenes «Webmasters Institute» eröffnet. «Webmasters
Weg zum Ruhm», preist Pascoe vollmundig das Schulungsangebot.
Die Berufsbezeichung findet sich auch hierzulande in den Stellenanzeigern,
doch scheint die Nachfrage eher rückläufig zu sein. Matthias Aebi,
Mit-Inhaber der Internet Access AG, ist nicht sicher, «ob dieser
Beruf wirklich existiert». «Webmaster passé» titelte vor kurzem
«Computerworld». Webmaster betreuen vor allem bei kleineren Firmen
oder Web-Agenturen den ganzen Internet-Auftritt von den Netzwerken
und Servern bis zur Programmierung und der Gestaltung der Seiten.
Die technischen und gestalterischen Anforderungen sind jedoch
rasch gestiegen. Design, Programmierung und Integration von Datenbanken
bei komplexeren Lösungen verlangen spezialisierte Profis. «Entweder
ist das Unternehmen gross genug für Spezialisten oder zu klein
für Generalisten», stellt Aebi fest. Er weist darauf hin, dass
die grosse Flurbereinigung in der Branche noch ansteht. Es sei
noch unklar, ob wenige Grosse die vielen kleinen Web-Agenturen
wieder verdrängen werden, die in der Netzkultur ins Kraut schiessen.
Bei den Grossen dagegen ist, wie André Maerz von Ringier bestätigt,
«Web-Mastering eher eine Funktion als ein Beruf».

Christian Hirt, der ein Dutzend thematische Verzeichnisse eingerichtet
hat, unter anderem zur Erwachsenenbildung, wendet als sein eigener
Webmaster für Update und Betreuung pro Woche im Schnitt zwei Stunden
auf. «Es ist erstaunlich, wie wenig Arbeit das generiert.» Seine
Brötchen verdient der «Bildungsinformatiker» vor allem als Berater
und Kursleiter. Unter anderem leitet er im Zürcher Technopark
einen Web-Publishing-Kurs für Arbeitslose. Er ist Mitglied einer
Kommission der «Genossenschaft Schweizerisches Informatikzertifikat
SIZ, die bisher schon Zertifikatsprüfungen für «Informatik-Anwender»
und «PC-Supporter» durchführt. Die SIZ ist gegenwärtig dabei,
die Inhalte neuer Zertifikate für Internet-Professionals zu definieren.
Man denkt dabei laut Geschäftsführer Herbert Gischig an zwei Richtungen,
eine mehr technische (Web-Mastering) und eine mehr gestalterische
(Web-Publishing). Die Namen sind noch nicht festgelegt, die SIZ
möchte jedoch 1999 die ersten Prüfungen durchführen. Eigenartigerweise
gibt es bereits Schulen, welche Kurse für «Webmaster SIZ» anbieten.
Ein Zertifikat gibt’s auch bei Siemens Nixdorf, wo man sich in
einem 10-tägigen, nicht ganz billigen Kurs den neudeutschen Titel
eines «Certified Internet Engineer» erwerben kann.

Hacker, Handwerk mit goldenem Boden

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett schreibt in seinem
Buch «Der flexible Mensch», das sichtbarste Zeichen des Wandels
sei, dass es «nichts Langfristiges» mehr gebe. Die Aussage dürfte
auf die Internet-Berufswelt zutreffen. «Die traditionelle Laufbahn,
die Schritt für Schritt die Korridore von ein oder zwei Institutionen
durchläuft, ist im Niedergang begriffen. … Stellen werden durch
Projekte und Arbeitsfelder ersetzt.» Ob sich die Berufsbilder
rund ums Netz innerhalb der nächsten zwei Jahre klären und ausdifferenzieren
wird, wie ein amerikanischer Experte vermutet, bleibt also fraglich.
«Mobilität und Kreativität» gilt deshalb heute in Berufs- und
Weiterbildung als eine der Schlüsselqualifikationen. Gefragt ist
tatsächlich der flexible Mensch.

Beruf: Hacker! verkündet das Inserat einer Firma, die sich mit
Sicherheitstechnik auf Netzen befasst. Gemäss dem Text hat das
Handwerk des «Informatikexperten, der versucht, nicht autorisierten
Zugang zu Informationssystemen zu erhalten» tatsächlich goldenen
Boden, nicht nur als Cyberterrorist, sondern im Dienst von Nachrichtendiensten
und Industriespionage. Krisenfeste Jobs finden sich auch auf der
Gegenseite: Als Sicherheitsexperte für den Unterhalt von Firewalls
und Verschlüsselungssystemen bei Banken und Versicherungen oder
als Cybercop im Dienst der Staatsanwaltschaft. Internet-Schriftsteller,
welche die einschlägigen Thrillers verfassen, gibt es auch schon
längst.