IBM/1800: Programmkompression mit Hirnschmalz
Es waren einmal 40 Männer aus aller Welt, die drängten sich um
zwei grosse Computer, deren Leistung jedoch gering war. Der Arbeitsspeicher
war nicht grösser als jener des ersten Macintosh, das «Core memory»,
wie es die Männer nannten, war aufgeteilt in 65536 «Words» zu
16 Bit, und das war der Maximalausbau. Man schrieb das Jahr 1970,
es gab weder Personal Computer noch Mikroprozessoren. Die grossen
Rechenanlagen mit der kleinen Leistung füllten mehrere Schaltschränke,
sie waren umgeben von Schnelldruckern und Konsolschreibmaschinen,
Lochkartenlesern und -stanzern und allerhand weiterem Gerät, Kabel
schlängelten sich über den Boden.
Die Männer machten sich ans Werk, mit dieser beeindruckenden Ansammlung
von damals modernster Technologie das elektrische Netz eines riesigen
Landes der dritten Welt automatisch und zentral zu überwachen,
zu steuern und zu regeln. Sie bauten einen sogenannten Lastverteiler,
den modernsten der Welt. Bald türmten sich dicke Programmlisten
aus Zebrapapier, und die Lochkartenstapel füllten Schränke.
34 Kraftwerke und Unterstationen sollten von den Computern überwacht
werden, die Hochspannungsschalter ein- und ausgeschaltet, die
elektrischen Generatoren direkt digital geregelt, der Zustand
des elektrischen Netzes an grossen Bildschirmen und Schalttafeln
laufend dargestellt und die Energieflüsse optimiert. Heute würde
man Leute, die mit so geringen Mitteln so gewaltige Probleme lösen
wollten, umgehend für verrückt erklären.
IBM 1800 hiess das Computermodell des Projekts, ein Prozessrechner;
die drei Buchstaben verstömten damals noch die Sicherheit, die
Wunder versprach. Schliesslich beherrschte IBM über 70 Prozent
des Weltmarktes im Computersektor, und für die technische Seite
des gigantischen Projekts hatte sich der Büromaschinenkonzern
mit der im Energiegeschäft welterfahrenen BBC liiert.
Die IBM 1800 stand 1970 im reifen Alter von fünf Jahren, was bedeutete:
Hardware überholt, Software erprobt. MPX hiess das komplexe Betriebssystem,
Multiprogramming Executive, das mit allen Schikanen ausgestattet
war, welche damals die Prozessrechner-Philosophie verlangte: Der
Arbeitsspeicher konnte in mehrere «Partitions» aufgeteilt werden,
in denen unabhängig Programme abliefen, die entweder von Prozess-Interrupts
angestossen oder von Zeitsignalen periodisch aufgerufen wurden.
Alles streng nach Prioritäten gesteuert, denn ein dringender Alarm
vom Prozess musste innert Millisekunden verarbeitet werden, während
ein Protokollausdruck warten konnte. Zu diesem Zweck führte das
Betriebssystem Warteschlangen für die Programme sowie für die
Peripherie. In einem speziellen Speicherbereich konnten parallel
zum Prozess Hintergrundprogramme ablaufen, sogenannte «Batch-Jobs»,
etwa der Assembler zum Übersetzen der maschinennah geschriebenen
Programme oder der Fortran-Compiler. Es konnte also während des
Betriebs weiterprogrammiert werden, theoretisch natürlich. In
der Praxis stand dann manchmal alles still.
Wie brachten die 40 Männer das Kunststück fertig, die hochkomplexe
Software für den Energie-Lastverteiler eines ganzen Landes in
einen Speicher zu zwingen, der hundert mal kleiner war als jener
eines heutigen Heimcomputers, und von dem das Betriebssystem allein
die Hälfte besetzte? Man segmentierte, zerschnitt die Programme
in dünne Scheiben von wenigen Kilobyte, die Programmsegmente wurden
bis zum äussersten komprimiert. Jedes Bit wurde als Informationsträger
genutzt, jeder Maschinenbefehl dreimal umgedreht, bis er gesetzt
war. Kompression mit Hirnschmalz war das, massgeschneidert, zeitaufwendig,
kostenintensiv, störanfällig. Selbst die Datenbanksoftware und
die Verbindung der beiden Computer war Massarbeit, so etwas wie
lokale Netzwerke gab es noch nicht. Die Anlage kostete am Ende
weit über zwanzig Millionen Mark, doch der Kunde im fernen Land
war reich.
Die IBM 1800 war die Schwester des technisch-wissenschaftlichen
Schreibtischcomputers IBM 1130, sie konnte sich dank der leistungsfähigen
Software in den verschiedensten Anwendungen der Prozessrechnertechnik
etablieren, vor allem bei Kunden, die in der EDV-Abteilung IBM-Maschinen
stehen hatten. Ein Experte schätzt, dass weltweit um die 10 000
Anlagen installiert wurden mit einem Durchschnittswert von einer
Million Mark. Eine solide Maschine stand beim europäischen Lastverteiler
EG Laufenburg, wo sie die Zählerstände der Energieflüsse im elektrischen
Netz erfasste und bilanzierte. Für die Prozessdatenerfassung besass
die IBM 1800 besonders schnelle Kanäle, die unabhängig vom zentralen
Prozessor Messdaten in den Speicher schaufelten. Erst 1987 sei
die Maschine in Laufenburg ersetzt worden, erinnert sich der zuständige
Ingenieur, nach 19 Jahren Betrieb. Man habe sich schwergetan mit
der Ablösung, denn die Software, fast ausschliesslich in Assembler
geschrieben, war kaum übertragbar.
Big Blue selber liess die IBM 1800 schon früh im Schilf stehen,
lieferte nie einen vollwertigen Ersatz, der die Investitionen
gesichert hätte. 1972 kam ein Nachfolgemodell auf den Markt, das
keines war: Das System/7 war bei seiner Einführung schon technisch
überholt, verfügte weder über ein Betriebssystem, das diesen Namen
verdiente, noch über eigenständige Assembler oder Compiler. Sytem/7
war als sogenanntes «Prozess-Frontend» zur IBM/370 konzipiert,
die Mutter wollte die allzu autonomen Prozessrechner enger an
ihre Hauptlinie binden und verlor damit einen ganzen Markt. Ein
strategischer Fehlentscheid, nicht der erste und schon gar nicht
der letzte in der Firmengeschichte.