Mit Hoffnung ins Jahrtausend
Es beginne jetzt dann, so verkündet eine Wirtschaftszeitung in
fetten Lettern, «das Jahrtausend des E-Commerce». Schweizer Firmen
buttern 1,6 Milliarden ins Internet-Business, in drei Jahren sollen
in Europa bereits 430 Milliarden Dollar via Netz umgesetzt werden.
«Jetzt kommt die Wende.» Die Wende? Die war doch einmal, zehn
Jahre ists her. Wir tauschten gerade die ersten E-Mails aus und
jemand raunte uns das Wort «Internet» ins Ohr. Die Wende schliff
die Mauern, die quer durch Europa liefen, über die jedoch längst
die Fernsehwerbung schwappte. Elektronische Signale kennen keine
Grenzen. Und nun, so lernen wir, steht uns die Wende doch erst
bevor. Die Welt soll nicht nur ein globales Dorf, sondern ein
universales Cyber-Shoppyland werden. Die einzige Mauer, die uns
noch bremst, ist die Limite unserer Kreditkarte.
Vielleicht kommt aber doch alles ganz anders. An einer Tagung
über Zukunftsvisionen prophezeihte ein emeritierter Ökonomieprofessor,
dass wir schon bald wieder zum Tauschhandel zurückkehren würden,
denn das weltweite Finanzsystem werde über kurz oder lang zusammenbrechen.
Die Geldströme, die auf den Datennetzen ungebremst um die Welt
rasen, seien längst ausser Kontrolle, die Asienkrise nur ein kleines
Vorbeben vor dem Big Bang der «Bubble Economy».
Wem soll man glauben? Werden unsere Urenkel wieder Jäger und Sammler
sein, in Bärenfell gehüllt durch düstere Urwälder streifen, bewaffnet
mit Keule und Steinschleuder? Oder werden sie nach dem Zähneputzen
am Morgen in den Cybersuit schlüpfen, die Datenbrille aufsetzen
und im virtuellen Büro bei der blonden Avatar-Sekretärin eine
Tasse Kaffee bestellen?
Vor dreissig Jahren, als die ersten Tüftler im Labor am Mikroprozessor
bastelten, hat man versucht, auf Lochkartenrechnern die Zukunft
der Weltgesellschaft zu simulieren. Die «Grenzen des Wachstums»,
die der Club of Rome berechnete, sind längst gesprengt. Die Menschheit
ist mit Errungenschaften gesegnet und von Krisen geschüttelt,
die kein Simulationsprogramm und kein Hellseher je prophezeiht
haben. Eines Tages war der PC da, dann die Wende, dann Internet,
dann der Krieg auf dem Balkan und die Asienkrise. Soll man sich
über die Zukunft überhaupt Gedanken machen, wenn doch alles anders
kommt?
«Alles wird gut», schrieben rebellierende Jugendliche vor 20 Jahren
auf die Mauer eines Abbruchhauses beim Zürcher Hauptbahnhof. Einige
der Hausbesetzer sind heute Hausbesitzer im aufstrebenden West-End
von Zürich geworden, andere Web-Designer, Internetfreaks, Computermusiker,
Multimediaproduzenten, High-Tech Unternehmer. Vielleicht wird
ja wirklich alles gut. Vielleicht bricht gar das Jahrtausend der
Kreativität und des Friedens an. Statt denken und rechnen wollen
wir für einmal hoffen. |
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