Alpingeschichte

Eine Vorarbeit für meinen Roman «Schrot und Eis»

Hegetschweilers Traum vom Tödi

Ein greller Lichtblitz. Ein Schuss kracht. Schmerz fährt ihm ins Gesicht wie hundert
Nadeln. Der Himmel platzt, glühende Punkte irrlichtern durch tintenschwarze
Nacht. Schneefunken. «Klar und rein ist die Luft auf dem Tödi,
Herr Doktor», hat Thut gesagt. «So klar, dass die Sterne am hellichten
Tag noch leuchten.» Thut? Wo sind Sie, Thut? Ich seh nichts mehr.
Stille rundum. Wie damals.

Hegetschweiler horcht. Kaum ein Echo. Der Schuss ist ins Leere gerollt. Die Eispanzer
des Piz Urlaun, die Felsabstürze des Bifertenstocks schweigen.
Thut schaut zu, wie er die Pistole nochmals lädt, das Schwarzpulver
stöpselt, die Zündkapsel aufsteckt, abdrückt. Er zählt die Sekunden,
bis der Hauch eines Schalls zurückkehrt aus der eisigen Wüste.
Dünn ist die Luft. Glasklar. Trägt kaum ein Echo. Man sieht die
Sterne am Mittag. Die Natur gehorcht andern Gesetzen als im Tal.

«Er lebt noch.» Eine Stimme dringt durch die Nacht des heissen Tages. Umbrandet
von fernem Geschrei. Es ist der 6. September 1839. Sturmglocken
schlagen vom Neumünster. Schüsse peitschen über den Münsterhof.
Dragoner hauen mit Degen auf das Landvolk ein, das die Stadt Zürich
überschwemmt und überrennt. Gegen die Regierung putscht. Zwischen
zitternden Fingern zerknüllt Regierungsrat Hegetschweiler die
Kapitulation, auf einen Papierzettel gekritzelt: Kämpfe einstellen,
Waffen niederlegen! Jetzt gellt ein Schrei: «Aufhören! Aufhören!»
Und jemand ruft: «Haltet den Mörder! Dort, beim Hotel Baur, dort
rennt er.» Der Schuss ist verhallt, der Attentäter entkommen.
Wo bin ich? Hegetschweiler versucht Worte zu formen, Schaum auf
den Lippen. Versinkt wieder im Schmerz, in der Nacht. Träum ich?

Sie sitzen am Rand des Bifertenfirns auf gelben Felsplatten. August 1820, der dritte
Versuch, den Tödi zu bezwingen. Durch eine höllische Eiskehle
hat Thut den Weg gehackt, Stufe um Stufe, ein Hanfseil gespannt.
Hat die Schneerunse, den Schlüssel zum Aufstieg entdeckt. Jetzt
kaut er ein Stück Speck, brauner Saft tropft ihm in den Bart.
Der Gemsjäger und Senn ist ein exzellenter Führer, verwegen und
vorsichtig zugleich. Ein Vetter des Riesen Melchjor, der im Tierfehd
aufwuchs und später als Kammertürke am Hof des Erzherzogs Karl
von Würtemberg diente. Der Hund Galepp kauert neben seinen Nagelschuhen,
die Gletscherwüste ängstigt das Tier. Rundum starren die Wände
von Eis. Thut spuckt in den Schnee. Fragt: «Ist es wahr, Herr
Doktor, dass der Mensch in den letzten Augenblicken sein ganzes
Leben nochmals an sich vorbeiziehen sieht wie im Traum?»
Hegetschweiler greift nach der Flasche mit dem Kümmelwasser. Der
Hals brennt, ist entzündet von der kalten Luft. «Warum fragt Ihr,
Thut?»
«Weil’s mich halt wundernimmt, Herr Doktor.» Tags zuvor haben
sie den Tödi von Westen versucht, vom Sandpass her. Ein Felsblock
löste sich, schmetterte einen der Begleiter um ein Haar in die
Tiefe. Der Berg wehrt sich. Auch jetzt. Schwarzes Gewölk ballt
sich über dem Grat, Graupelkörner perlen über den Fels.
Hegetschweiler zieht die Bändel der Fusseisen fest. «Wer weiss,
Thut», sagt er. «Es ist noch niemand zurückgekommen von drüben
und hat berichtet.»
Er gibt das Zeichen zur Umkehr. Wieder gescheitert. Während sie
durch die Schneerunse absteigen, kracht es über ihnen im Hängegletscher.
Eisbrocken zischen an ihnen vorbei, zersplittern auf den Felsen
der Gelben Wand. Dann ist es auf einen Schlag still.

Einmal wandert er mit seinem Vater, dem Chirurgus und Gutsbesitzer Heinrich Hegetschweiler
aus Rifferswil, über den Üetliberg nach Zürich. Er ist 14, man
will sich für einen Platz an der Kantonsschule der Hauptstadt
verwenden. Auf dem Grat betrachet er fasziniert die Berge, die
im Süden in blauer Wand stehen, lässt sich ihre Namen nennen:
Glärnisch, Bös Faulen, Teufelsstöcke, Clariden, Gemsfairen und
Tödi. Der Königsthron, schneeweisser Gipfelgrat über schwarzem
Felsensockel, eine Verlockung. Unersteigbar und unerstiegen. «Unmöglich»,
sagt der Vater, nimmt Johannes auf dem steilen Pfad nach Zürich
hinab an der Hand. Unmöglich. Doch hat nicht der Kaiser in Frankreich
das Wort «unmöglich» aus seinem Vokabular gestrichen? Französische
Truppen haben die Freiheit ins Land gebracht, die Gleichheit,
die Brüderlichkeit, fünf Jahre zuvor. Mit Feuer, mit Schwert,
mit Gewehr und Kanone die alten Häupter gestürzt. Für den aufgeklärten
Bürger gibt es keine Grenzen mehr, nur noch die Grenzen der Erkenntnis,
und auch diese gilt es zu sprengen, wie die Ketten der alten Ordnung.
Ein Schuss kracht, hoch auf dem Bifertenfirn. Hegetschweiler zählt
die Sekunden, bis er das Echo vernimmt. Der Naturforscher ist
auf den Berg gestiegen, um die Grenzen von Raum und Zeit, von
Geist und Glauben zu überwinden. Er misst den Schall, den Barometerdruck,
kontrolliert den Kompass, füllt Gletscherluft in Flaschen und
analysiert ihren chemische Substanz.

Im August 1822 hocken sie wieder um den schwarzen Tisch der Sennhütte auf Alp
Obersand, Ratsherr Dietrich Schindler aus Mollis ist mit von der
Partie, der liberale Glarner Freund, sowie der vornehme Herr von
St. Hilaire aus Paris. Sie politisieren, das Kinn auf die Hände
gestützt. Napoleon ist tot, die alten Häupter greifen wieder nach
der Macht, wollen das Rad der Geschichte zurückdrehn. Restauration!
Was tun? Die Sennen drängen sich im Halbdunkel ums Feuer, kauen
auf ihren Pfeifen und grummeln unverständliche Worte. Thut tritt
herein, hat in der Dämmerung noch ein Stück Weg erkundet, meint:
«Morgen wird der Berg fallen. Der Weg ist frei. Nach der Schneerunse
sind nur noch ein paar Hänge zu ersteigen, zwei Stunden vielleicht.
Wenn es nur dem Herrn Doktor nicht wieder in den Sinn kommt, mit
seinen Experimenten Zeit zu versäumen.» Die Sennen glotzen mit
glasigen Augen in die Glut. «Was treibt uns auf den Berg? Der
Gipfel oder die Erkenntnis?», fragt Hegetschweiler. Der ewige
Zwiespalt. Niemand antwortet. In der Nacht fröstelt er im Heu,
das Schnarchen der Führer lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Im
Stall wälzen sich die Schweine, Eis kracht in der Bergwand über
der Alp. Er dreht sich gegen die Wand, fällt in unruhigen Schlummer.
Träumt, er steige allein auf den Berg.

«Du wirst es erleben, Johannes», sagt der Vater auf dem Grat des Üetlibergs, als sie
heimkehren: «Eine Revolution wird die alten Vorrechte hinwegfegen.
Wir Landleute werden gleich sein vor dem Gesetz wie die feinen
Herrschaften aus der Stadt, die Patrizier und Häupter und Zünfter.»
Man hat ihn abgewiesen in Zürich. Er besucht die Kantonsschule
im fortschrittlichen Aarau, studiert Medizin und Botanik in Tübingen,
heiratet Anna Katharina, die Tochter des Chirurgus Bodmer aus
Stäfa am Zürichsee, Enkelin des Revolutionärs und Patrioten Johann
Jakob Bodmer, den die alte Obrigkeit zum Tod verurteilt, später
dann begnadigt hat. Hegetschweiler übernimmt die Praxis des Schwiegervaters,
wird ein geachteter Bürger der Landschaft, ein hervorragender
Arzt und Apotheker, der sich ausgiebig der botanischen Forschung
widmet. Wider seinen Willen lässt er sich überreden, an jenem
22. November 1830 in Uster aufs Rednerpult zu steigen, als sich
dreitausend Männer aus der Landschaft versammelt haben, um ihre
Rechte einzufordern. Lässt sich von Freunden drängen zu sprechen,
im Namen des Volkes und der Gerechtigkeit und der neuen Zeit.
«Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd er in Ketten
geboren …» Hegetschwiler erblickt, während er diese Worte Friedrich
Schillers rezitiert, über den Köpfen von dreitausend Männern,
hinter dem waldigen Grat des Pfannenstiels im Blau die ferne Burg,
die ihm getrotzt hat, 1819, 1820 und 1822. Herrgott, ich würde
jetzt lieber dort oben stehen, blitzt ihm durch den Kopf. Der
Mensch ist frei geschaffen und doch nicht frei in seinem Tun und
Lassen. Zehn Jahre ist’s seit dem ersten Versuch mit Johannes
Thut. Zehn bewegte Jahre. Wider Willen ist er Politiker geworden.
Statt auf dem Gipfel des Tödi steht er auf dem Rednerpult und
beschwichtigt mit besonnenen Worten die aufgebrachte Menge, vermittelt
im Streit zwischen Land und Stadt. Wendet die Revolution ab. Er
wird Grossrat, Regierungsrat, Abgeordneter der Zürcher Landschaft
an der eidgenössischen Tagsatzung, der erste seit fünfhundert
Jahren. Erklimmt die höchsten aller Ämter und Ehren. Und scheitert
am höchsten seiner Ziele. Die Expedition mit Schindler und Steiger
bleibt in tiefem Neuschnee stecken, Thuts Optimismus zum Trotz.

Jemand ergreift seine Hand. Anna Katharina. «Ist dir kalt, Johannes?» Ach, Anna Katharina,
meine Geliebte. Mir ist heiss, mir ist kalt. Wo bin ich?
«Hast du Schmerzen?»
Schmerzen, ja. Und es ist so dunkel hier.
Ihre Stimme ist ein Hauch, so unwirklich wie das Echo auf dem
Bifertenfirn. Thut hat seinem Pistolenschuss einen Jauchzer hinterhergepfeffert,
damals, auch der ist versickert in den Schründen und Klüften der
eisigen Einöde. Ödiberg, Tödiberg, Berg des Todes und des Lebens.
«Die schwache Fortpflanzung des Schalls erregte ein eigenes Gefühl
von Leere», hat er in seinem Buch geschrieben, in dem er von den
seinen Expeditionen berichtet. Auch jetzt umhüllt ihn diese eigenartige
Leere, die Dunkelheit des Tages, durch welche die Sterne funkeln.
Ist es der Tod? «Bitte, Anna Katharina, verlass mich nicht.»

Eine Hand fährt über seine heisse Stirn, wärmt seine kalten Finger. Echo der grossen
Liebe, der glücklichen Jahre im Doktorhaus in Stäfa am See. Vielleicht
hat Thut recht gehabt. Vielleicht zieht in den letzten Augenblicken
unser ganzes Leben nochmals an uns vorüber. Die Seele schwebt
auf ihrem Weg in die andere Welt über unsere Erinnerungen hinweg,
über die Berge und Täler einer Landschaft, welche das Schicksal
geformt und gefaltet hat. «Wo bin ich?»
Eine Stimme flüstert ihm ins Ohr. «Im Postgebäude an der Limmat
in Zürich, verletzt, aber in Sicherheit. Man hat nach einer Bahre
geschickt.» Erinnerung blitzt durch sein Hirn. Konservative Prediger
haben das Volk aufgehetzt, die Landschaft hat geputscht, gegen
die Regierung und ihren Fürsprecher, den geliebten Doktor aus
Stäfa. Er will den Truppen den Befehl zur Kapitulation überbringen,
da peitscht ein Schuss aus einer Schrot.flinte. Und nun liegt
er da, umringt von besorgten Freunden, Regierungsrat Hirzel, Professor
Fäsi, Stadtpräsidenten Oberst Ziegeler, Arzt Meyer aus Knonau.
Anna Katharina beugt sich über ihn. «Bitte verlass mich nicht»,
murmelt er. Und erinnert sich, wie er sie alleingelassen hat mit
ihrer Angst, als er aufgebrochen ist zur ersten Expedition auf
den Tödi vor genau zwanzig Jahren. Frohgemut hat er Stäfa verlassen,
ist mit seinem Knecht ins Linthal gewandert, dem Berg entgegen,
der ihm jeden Tag durchs Fenster des Doktorhauses entgegentrotzt
mit seinem steinernen Antliz, seiner eisstarrenden Krone.
«Tödi, das klingt wie der Tod», sagte sie. Küsste ihn, wandte
sich wieder den Kindern zu. «Verzeih mir, Anna Katharina.»

Manchmal, wenn sie wach in ihrer Kammer liegen, erzählt er ihr den Traum, der immer wiederkehrt
Flüstert ihr ins Ohr, wie er auf den Tödi klettert, wie er den
Gipfel seiner Sehnsucht erreicht, allein und als erster Mensch.

«Allein auf dem Gletscher? Ist das nicht gefährlich, Johannes?»

«Es ist nur ein Traum, Anna Katharina. Nur ein Traum. Ein Wunschtraum.
Ein Lebenstraum.»

Er steigt von der Sandalp über die Hänge auf den Ochsenstock, überquert die Geröllhalden
gegen das grüne Horn. Dort hatte er botanisiert, während Thut
den Abstieg auf den Gletscher erkundete. Fand in der unwirtlichen
Einöde seltene Pflanzen, Aretia intermedia, Uniflora mihi, Achillea
nuna und das schöne Geum reptans. Grenzbewohner der Vegetation.
Dem Felsenhorn am Rand des Bifertenfirns, das noch nie eines Menschen
Fuss betreten hatte, gab er einen Namen. «Weil rings bereits alles
Leben erstorben, könnte man diese Horn das grüne nennen», schreibt
er in seinem Buch. Weiter steigt er, leicht, als sei er sein Körper
befreit von den Gesetzen der Schwerkraft. Am Rand des Gletschers
schnallt er sich Fusseisen mit vier scharfen Zacken unter die
Schuhe. Greift seinen Alpenstock fester. Setzt mit einem Sprung
über die Kluft. Klettert die Schneerunse hinauf, schwebt fast
über steilen Firn, blaublanke Eisstufen, über die schmale Schneebrücke
des Bergschrunds. Vorbei an der gelben Wand. Vorbei an dem Felsenturm,
über den die Natur eine spitze Eiskappe gestülpt hat. Im Scherz
hat er sie «Thuts Zipfelmütze» getauft. Er erreicht die gelben
Felsplatten, rastet auf dem trockenen Stein. Die Grate rundum
glimmen im Morgenlicht. Er eilt weiter, ruhelos, getrieben von
der «dunklen Sehnsucht nach dieser Welt der Einsamkeit, des Todes
und der Wiege des Lebens, des Schreckens und der herrlichsten
Genüsse». So hat er das unerklärliche Verlangen in seinem Buch
beschrieben. Schwache Worte für eine unbändige Kraft, die ihn
zieht, seit er mit seinem Vater über den Üetliberg gewandert ist.
Und nun gibt es kein Halten mehr. Firnhänge, bedeckt mit gutem
Trittschnee, Spalten da und dort, der Grat, steiles Eis, der Gipfel.
Da steht er, allein und einsam und überwältigt von der Rundsicht,
den Gipfeln und Tälern, die sich zu seinen Füssen ausbreiten wie
die Wellen eines steinernen Meeres, das sich in der Unendlichkeit
des Alpenraumes verliert. Er will jauchzen, doch seine Kehle ist
trocken, kein Laut dringt hervor. «Es ist nur ein Traum, Anna
Katharina, du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich habe andere
Aufgaben. Die Politik. Die Wissenschaft. Die neue Zeit.»

Irgendwo kracht es. Ferner Kanonendonner oder berstendendes Eis. Er versucht, die
Augen zu öffnen. Ein Lichtblitz gleisst, tausend Nadeln stechen
ihn ins Gesicht. Strahlen der Höhensonne. Schrotkugeln. Schneefunken.
Das Wort erinnert ihn an einen Schmerz, der ihn unerwartet getroffen
hat. Ein Brief, verschnürt, versiegelt, eine alte Handschrift
auf bleichem Papier. Verehrtester Herr Doctor … Er überfliegt
das Schreiben, atemlos. Die Unterschrift erinnert an Gerüchte,
die im Bad Stachelberg in Linthal kursierten. Ein Benediktinerpater
aus Truns in der Surselva versuche seit Jahrzehnten den Tödiberg
zu ersteigen, von Süden, wohin das Massiv in brüchigen Wänden
und Gletscherbalkonen abbricht. Pater Placidus a Spescha habe
im letzten Jahrhundert schon den Piz Urlaun bezwungen, den Eisgipfel
im am südlichen Ufer des Bifertenfirns. Fünf Mal habe er den Tödi
versucht, fünf Mal sei er gescheitert. Im Herbst 1824, der Pater
ist 72 Jahre alt, versucht er es ein letztes, ein sechstes Mal.
Scheitert wieder. Doch seine Begleiter, die Gemsjäger Placi Curschellas
und Augustin Bisquolm, stehen am 1. September auf der obersten
Tödispitze, dem Piz Russein. Das schildert der Pater schlichten
Worten. «Als sie den Gipfel erreichten, blies ein sanfter Südwestwind
und trieb die Schneefunken ins Gesicht. Einer sass auf seiner
Kappe und der andere auf seinem Grabinstrument; so verzehrten
sie ihren geräucherten Speck, und zum Zeichen ihres Daseins liessen
sie dessen Schwarte dort liegen, da sie weit und breit keine Steine
fanden, um einen Steinmann aufzurichten …» Der Pater habe mit
seinem Diener von der gegenüberliegenden Talseite aus die die
Besteigung mitverfolgt … Hegetschweiler lässt den Brief sinken.
Der Tödi gefallen! Zwei Gemsjäger haben sich die Krone geholt
vom Königsthron. Zwei Alpenbewohner, kaum des Lesens und Schreibens
kundig. Und der Herr Doktor Hegetschweiler hockt behäbig an seinem
Schreibtisch, lässt den Blick schweifen über den See, sieht über
den Schwyzer Vorbergen das Ziel seiner Träume unwirklich im Abend
stehen. Flammend der Fels, wie Zuckerstaub der Herbstschnee am
Grat. «Der Tödi gefallen», murmelt er. Sein Buch ist im Druck
bei Orell und Füssli, «Reisen in den Gebirgsstock zwischen Glarus
und Graubünden», überholt von der schnellen Zeit noch bevor es
erscheint. Entthront der Pionier, der Schlüssel zum Aufstieg gefunden,
aber den Gipfel verpasst hat, weil er sich mit Pistolenschiessen
und Barometerkunde beschäftigte, statt mit dem eigentlichen Ziel.
Hätte man auf Thut gehört! Die Schneefunken springen aus dem Brief,
stechen ihn ins Gesicht, hundert Nadelspitzen, hundert Schrotkugeln.
Er schreit auf, er wälzt sich auf seinem Lager, verwundete Seele,
verletzter Stolz. Doktor Meyer drückt dem Fiebernden ein Essigtuch
auf die Stirn. Auf dem Münsterhof johlen und tanzen die Bauern
der Landschaft, schiessen in die Luft. Die Menschen, für deren
Rechte er einst kämpfte, haben ihn verlassen und verraten. Es
ist das Ende. Die Regierung hat kapituliert, Zürich ist in der
Hand der Konservativen. Nur Haaresbreite trennen Sieg und Untergang,
Glück und Unglück.

Doch glücklich steht Johannes Hegetschweiler auf dem Gipfel, sein Atem keucht in der
dünnen Luft. Schwindelnd steil fällt der Berg gegen das Russeintal
im Westen, die Sandalp im Norden. Kein Stein, nur Eis ist rundum,
genau wie die Bündner Gemsjäger berichtet haben. Der Himmel über
ihm schwarz. Er hebt den Blick und sieht deutlich die Sterne am
hellichten Tage, wie Thut gesagt hat, wässerighell, so unwirklich
wie das Echo auf dem Gletscher. Er will zu einem Jauchzer ansetzen,
doch seine Kehle ist zugeschnürt. «Es ist ja nur ein Traum, Anna
Katharina.» Er spürt ihre Hand, die sacht über seine Stirn streicht.
Essig kühlt die fieberheisse Haut. Schneefunken glitzern, gleissen,
verletzen. Glühende Punkte irrlichtern. Sterne am Mittag. Er wünscht
sich, Thut sässe bei ihm, reiche ihm die Flasche mit Kümmelwasser.
Neuerdings nennt man ihn den «Wasserdoktor». Ein Quaksalber ist
er geworden, kuriert allerlei Leiden, indem er den Urin der Patienten
beschnuppert, traktiert sie mit Kräutern, Handauflegen und Hexerei.
Könnt Ihr mir helfen, Thut?

An einem Abend auf der Sandalp unterhalten sie sich über die Heilkraft von Gletscherwasser.
Thut behauptet, es rege die Verdauung an und verhindere das Wachstum
von Kröpfen. «Haben Sie je einen Senn mit einem Kropf gesehen,
Herr Doktor? Das ist, weil sie Gletscherwasser trinken.» Ein blitzgescheiter
Mann, der Thut, mutig und selbstbewusst. Warum ist er nicht da?
Hat ihm wohl nie verziehen, dass er ihn bei seiner letzten Expedition
nicht mehr berücksichtigt hat als Führer. Die Umstände haben es
nicht erlaubt. Hegetschweiler ist ein mächtiger Mann geworden,
Grossrat, Regierungsrat, Abgeordneter an der Tagsatzung, Gesundheitsrat,
Kirchenrat, Polizeirat, Zentralpräsident des Schweizerischen Schützenverbandes.
Thut dagegen in ständigem Streit mit den Behörden wegen seiner
Quaksalberei. Spielt den Beleidigten. Soll gesagt haben: «Der
Herr Doktor hat es wohl nicht mehr nötig, sich mit einem Naturheiler
und Senntenbauern abzugeben. Dabei bin ich es gewesen, der die
Schneerunse entdeckt und die ersten Stufen gepickelt hat.»

Das war im Jahr 1834, der hohe Herr nach Linthal geeilt um drei Einheimische zu prüfen,
die behaupten, den Tödi bezwungen zu haben. Der junge Geologieprofessor
Arnold Escher begleitet ihn, Sohn des grossen Geodäten, Politikers,
Künstlers und Ingenieurs Hans Konrad Escher von der Linth, der
den Linthfluss korrigierte und das Glarnerland von Seuchen und
Überschwemmungen befreite. Mit von der Partie ist Staatsrat Doktor
Steiger aus Luzern. Die drei Linthaler Hirten geben an, sie hätten
den Tödi von Westen her angegriffen, seien jenseits des Sandpasses
eine Rinne hinaufgeklettert, hätten durch ein Kaminloch den Grat
erreicht und dann ohne Schwierigkeiten den Gipfel. Doch als man
vor Ort ist, entpuppt sich alles als Lug und Trug, das Kaminloch
ist mit Eis verstopft. Die illustre Gesellschaft muss umkehren,
man hat sich vor der feinen Gesellschaft im Bad Stachelberg blamiert
und der alte Thut spottet. Zu spät, Hegetschweiler! Die Zeit hat
sich geändert. Du hast dich verändert. Er klammert sich an Ämter,
die er nie gewollt hat, er hat sich in der Macht eingerichtet,
von der er die Menschen befreien wollte. Der Mensch ist frei geboren
und doch gefangen. Er wollte den Tödi bezwingen, auf dem Königsthron
sitzen, und wetzt bloss noch Ledersessel in staubigen Amtsstuben.
Und am Ende trägt man ihn schwer verletzt in die Hauptpost, Schrotkugeln
im Gesicht statt Schneefunken. Von einem Verräter gefeuert.

«Es ist noch niemand zurückgekommen von drüben und hat berichtet», hat er zu Thut gesagt.
Vielleicht ist der Weg hinüber ins Totenreich nicht bloss die
Wiederholung des Gelebten, sondern die Erfüllung alles Ungelebten.
Die Erfüllung des immer wiederkehrenden Traumes. Hundert Mal hat
er ihn Anna Katharina ins Ohr geflüstert, wenn er keinen Schlaf
fand. Hundert Mal ist er aufgebrochen auf Obersand in der Nacht.
Hundert Mal über das grüne Horn gestiegen, die Fusseisen angeschnallt,
die Eisschlucht der Schneerunse hinaufgeklettert, dann über die
Firnfelder zum Gipfel gewandert, leicht wie ein Schmetterling.
Ein Spaziergang ist es zum Gipfel des Tödi. Ein Spaziergang! Und
wieder durchzuckt ihn der Schmerz, die unerfüllte Sehnsucht. Er
sieht einen jungen Mann über den Rindermarkt schreiten, mit federndem
Gang, schwarze Locken schüttelnd, übermütig ein Stöcklein schwingend.
Hört seinen Freund Arnold Escher von der Linth murmeln: «Schau,
da geht er. Der Junker Dürler. Der Bezwinger des Tödi.» Das Hündchen,
das an der Leine trippelt, erinnert ihn an Thuts Gletscherhund,
den Galepp. Unvorstellbar, dass dieser Galan mit dem krausen Milchbart
der erste Tourist auf dem Tödi gewesen sein soll. Unglaublich.
«Ein Spaziergang», soll er gespottet haben. Die Überheblichkeit
der Jugend. Hegetschweiler hat sich abgewendet. Friedrich von
Dürler. Schadenfroh hat man ihm den Namen zugetragen, im heissen
Sommer 1837.

Es brodelt im Glarnerland, ein grosser Streik der Fabrikarbeiter im Februar, Einführung
der neuen Kantonsverfassung im Mai, welche die Liberalen an die
Macht bringt, die Katholisch-Konservativen werden mit Waffengewalt
unterworfen. Sein Freund Dietrich Schindler führt die Truppen,
wird Landammann. Und ausgerechnet in diesem bewegten Sommer behaupten
wiederum drei Linthaler Hirten, sie hätten den Tödi bezwungen,
am 11. August, und zwar auf Hegetschweilers Route durch die Schneerunse,
dann weiter über die Firnhänge und auf den Grat. Vater und Sohn
Bernhard und Gabriel Vögeli und Thomas Thut, ein Neffe des Johannes.
Seile haben sie dabei, Fusseisen und sogar eine Leiter. Vater
Vögeli ist schon sechzig, ein Gemsjäger mit krummen Beinen und
kurzem Atem. Die Gäste im Bad Stachelberg rümpfen ihre gepuderten
Nasen, als die drei ins Tal zurückkehren und den Gipfelsieg reklamieren.
Ein Greis will geschafft haben, was dem grossen Hegetschweiler
fünf Mal misslungen ist? Lug und Trug, man kennt die Einheimischen.
Doch da tritt ein junger Geck vor, prahlt in breitem Zürcher Dialekt,
er sei ein gestählter Turner, bereit, die drei Hirten nochmals
zu begleiten bei einem Spaziergang auf den Gipfel und Zeugnis
abzulegen vor Gott und der Welt. Ein Spaziergang! Und tatsächlich
spazieren die drei Linthaler mit dem Junker Dürler nochmals auf
den Gipfel und schwenken dort oben eine grosse Fahne. Von Stachelberg
aus sieht man sie auf dem weissen Grat, Kobolden gleich über den
Abgründen tanzen, als ob sie den Berg und seine Gewalt verspotteten.

«Wer ist denn dieser Dürler?» fragt Hegetschweiler bei einem Glas Wein im Hotel Baur. Schwer
und müde ist er geworden vom zu vielen Essen und Sitzen in Kommissionen
und Räten, wie Blei lasten die Ämter und die Sorgen um die Kinder.

«Sekretär der Armenpflege», sagt Escher von der Linth. «Ein Philantrop
und Jungeselle, eine Frohnatur, heisst es. Wohnt bei seiner Mutter.
Steigt jede Woche auf den Üetliberg. Hat die alte Dame zur Kur
in den Stachelberg begleitet. Es heisst, er wolle den Tödi im
nächsten Jahr nochmals wagen.»
Hegetschweiler horcht auf. Da überfällt ihn der Traum wieder.
Was gäbe ich darum, einmal auf dem Gipfel zu stehen. Meinetwegen
mit diesem Milchbart von Armenpfleger. Alles gäbe ich! Alle Ämter
und Ehren samt dem Doktorhaus in Stäfa. Bloss Anna Katharina nicht.
Die grosse Liebe opferte ich nicht. Sonst alles. Er hört kaum
hin, als Professor Escher von der Linth hinwirft: «Die Dürlers
stammen aus Luzern. Seine Mutter ist eine Zürcherin, eine Gossweiler.
Kaufmann gelernt. Er sei, so heisst es, ein dilettierender Naturforscher
und Physikus.»

Das ist also die neue Zeit. Hirten, Jäger, Turner und Dilettanten erobern das Alpengebirge.
Tanzen auf schuhbreitem Grat über den Abgründen, jauchzen und
pfeifen auf Forschung und Erkenntnis, erklettern den Berg um des
Berges willen. «Wozu aber, so frägt man sich nicht selten, solche
gefahrvollen Reisen?» Die Frage hat er seinem Buch aufgeworfen.
«Wiegt irgend ein Nutzen, oder auch nur die Stärke der individuellen
Empfindungen und Genüsse, oder beides zugleich, die Gefahr auf?»
Wie oft hat er darüber sinniert, wenn er keinen Schlaf fand im
Heu auf der Sandalp oder zu Hause unter der Last der Alltagssorgen.
Hat in seinem Buch die Antwort gegeben: «Losgerissen von allen
Hilfsmitteln, welche im Tale die menschliche Ohnmacht verschleiern,
losgerissen von Erfindungen, Gesellschaft, Bequemlichkeit, steht
der Wanderer einsam in seinem schwachen Ich der furchtbaren Grösse
der Natur gegenüber und kann alsdann nicht umhin, die eigene Geringheit,
das Los der Vergänglichkeit zu beklagen.»

Einsam steht er jetzt auf dem Gipfel und blickt ins Tal. Hört fern die Glocken von Linthal
schlagen. Sie klingen wie verlorenes Echo in der dünnen Luft.
Wie das Abendgeläute vom Neumünster. Es ist der 6. September 1839,
die Nacht eines heissen Tages. Hegetschweiler ist es, als hebe
ihn jemand auf, als schwebe er hinweg vom Berg. Auf einer Bahre?
Nein, auf Wolkenschiffen! Aller Schmerz der Welt fällt von ihm.
Er schwebt über die Berge und Täler, über die Landschaft seines
Lebens. Linthal, der Zürichsee in der Ferne, Stäfa, der Üetliberg,
Rifferswil. Er blickt zurück. Sieht eine winzige Gestalt auf dem
Grat stehen, ein Kobold, der über Abgründen tanzt. Sieht sich
selber, die Fusseisen in den Firn gestemmt, den Alpenstock umklammert.
Sieht sich auf dem Gipfel seiner Träume, den er nie im Leben erreicht
hat. Auf dem Tödi.