Tanz ums virtuelle Kalb
Für den Boom der modernen Kommunikationstechnik gibt es weder
ein reales Bedürfnis noch eine rationale Erklärung. Dabei sein
ist alles, denn das Medium selber ist die frohe Botschaft.
Es war im heiligen Land. Der alte Mann sass im Schatten vor seinem
Haus, die traditionelle Kefije bedeckte sein weisses Haar. Seine
Frau trug Gläser auf mit süssem Tee, später schenkte sie uns hausgemachte
Seife aus Olivenöl. Der Abendwind strich durch die Obstbäume im
Hain, drüben am Hang grasten Schafe zwischen den Kalkfelsen. Es
war, als wäre die Zeit vor zweitausend Jahren stehengeblieben.
Doch dann durchwebte ein leises Zirpen die Stille des Bergtals.
Der alte Mann griff nach dem Mobiltelefon, das neben seinem Teeglas
lag, und sprach mit seinem Sohn, der in Düsseldorf ein Restaurant
führt.
Durchs Internet hatten wir unsere Freunde in den Bergen der Westbank
hoch über dem Jordantal aufgespürt. Aus lauter Neugier hatte ich
eines Tages Mahmuds Name in eine Suchmaschine getippt, sogleich
stand ein Dokument auf dem Schirm, rasch war seine E-Mail-Adresse
gefunden. Es war ein bewegendes Wiedersehen nach zwanzig Jahren,
Web sei Dank. An jenem Tag in Palästina wurde uns einmal mehr
bewusst, wie grundlegend die moderne Kommunikationstechnik unsere
Beziehungen verändert hat und die Art, wie wir uns in der Welt
bewegen. Vor jeder Reise suchen wir virtuell die geplanten Ziele
auf, finden alte Freunde wieder, lernen neue kennen, sammeln Tipps
und Adressen und knüpfen Kontakte. Wir pflegen Freundschaften
weltweit, erfahren mehr von Hai in Saigon, von Igal in Tel Aviv
oder May Jing in Iowa City, als von den Nachbarn in unserem Dorf.
Eine biblische Vision
Globale Erreichbarkeit ist in so kurzer Zeit Wirklichkeit geworden,
dass noch kaum abzusehen ist, wie grundlegend die Netze in Zukunft
die Welt verändern werden. Der alte Palästinenser mit dem Handy,
der mit seinem Sohn in Deutschland spricht, erschien uns wie eine
Szene aus der Bibel. Nur hatte der verlorene Sohn noch kein Mobiltelefon,
sonst wäre wohl alles anders gekommen. Zur Zeit der biblischen
Geschichten besass nur Gott die Macht, jederzeit zu jedem Menschen
an jedem Ort der Welt zu sprechen. Zum Beispiel zum Propheten
Jona, den er nach Niniveh befahl, um dort gegen die Bosheit zu
predigen. Jona wollte sich drücken, floh auf ein Schiff, wurde
ins Meer geschleudet und von einem Fisch verschluckt. Selbst im
Bauch des Wals erreichte ihn die Stimme Gottes. Eine solche Verbindung
würde nicht einmal das modernste Mobiltelefon schaffen. Obwohl
nicht auszuschliessen ist, dass es einmal Handys geben wird, die
auch unter Wasser funktionieren. Es wäre doch praktisch, beim
Schnorcheln im Roten Meer schnell die «Dargebotene Hand» anrufen
zu können. Gott selber würde man kaum erreichen, wie Bill Clinton
in einem jüdischen Witz. Der Präsident hatte sich bei einem Besuch
in Jerusalem gewundert, warum ein Anruf in den Himmel weniger
kostete als in Washington. «Local call», war die Antwort.
Durch die globale Kommunikation ist eine wahrhaft biblische Vision
Wirklichkeit geworden, ein Entrinnen gibt es ebensowenig wie für
den Propheten Jona. Wer sich in den Netzen bewegt, ist geortet,
registriert und wird von Big-Brothers überwacht, wie etwa dem
«Echelon»-Spionagesystem der amerikanischen National Security
Agency (NSA).
Weder der Handyboom noch die Internet-Revolution lassen sich rational
erklären. Dass die Menschheit ohne Computernetze und selbst ohne
Telefon leben kann, hat sie längst bewiesen die Hälfte aller
Erdenbewohner überlebt auch heute noch ohne Anschluss. Seltsamerweise
bedient sich gerade jene Fraktion, die vehement für ungebremste
Mobilität und ungehinderte Entfaltung der Technologie politisiert,
am häufigsten der Metapher von der «guten alten Zeit». Doch wer
möchte schon zurück? Die Faszination ist zu gewaltig, per Knopfdruck
und Mausklick Zeit und Raum aufzuheben und alle Grenzen zu sprengen.
Selbst wenn man sich nichts zu sagen hat, bleibt das Senden und
Empfangen von Botschaften ein beinahe religiöses Ritual. SMS (Short
Message Switching) ist ein schönes Beispiel. Für ernsthafte Kommunikation
unbrauchbar, in der Bedienung primitiver als jeder Fernschreiber,
ist SMS die Killer- und Kultapplikation der Mobilkommunikation
schlechthin. Selbstverständlich stellt auch SMS, wie schon das
Telefon und Internet, einen Seelsorgedienst für Probleme zur Verfügung,
die sich in Rumpfsätzen formulieren lassen. Doch eine existentielle
Notwendigkeit für SMS und auch für andere Datenkanäle hat nie
bestanden, ausser dem Bedürfnis, zur Gemeinschaft der Technik-Gläubigen
zu gehören.
Tanz ums virtuelle Kalb
So darf auf dem Netz jeder und jede ein bisschen Gott spielen.
Denn jeder erreicht jeden, der on-line ist, jederzeit und allüberall.
Es gibt kein Entrinnen, ausser, es hätte ihn gerade ein Walfisch
verschluckt, aber das kommt doch selten vor. Eher schon fährt
er gerade durch ein Empfangsloch oder die Batterien sind leer.
«Wo bist du?» hat längst die alte Grussfloskel «Wie geht es dir?»
abgelöst. Das unterscheidet uns vielleicht noch von Gott: Wir
sind irgendwo, während Er überall ist und nirgends. Wie jedoch
unsere Stimme und unser Text sekundenschnell von A nach B gelangt,
durchschauen wir so wenig, wie wir die biblischen Wunder begriffen
haben. Glaube ist alles und Wissen nichts. Dabei sein, mitchatten
und mitmailen ist der Gottesdienst der globalen Dorfkirche. Denn
das Medium ist die frohe Botschaft. Alle Regierungen der Welt
beten sie mit, von den G7 Staaten bis zu den Fidji-Inseln und
dem Bundesrat wird die Ausrüstung mit Internet-Anschlüssen und
Mobilfunknetzen als so notwendig für die Entwicklung postuliert,
wie einst Lesen und Schreiben.
Letztendlich dreht sich der Tanz ums Goldene Kalb. Aus heisser
Luft wird im Nu Wert «geschöpft», wie man so schön sagt. Ein paar
Kreative stecken ihre Eierköpfe zusammen, hecken eine Applikation
auf Internet aus, erfinden einen wohlklingenden Namen und lassen
sich an der Börse kotieren. Schon sind sie superreich. Der Staat
vergoldet sich seine Nase durch die Versteigerung von Lizenzen:
Für das zukünftige UMTS (Universal Mobile Telekommunications System)
oder für WLL (Wireless Local Loops). Gigantische Werte werden
sozusagen aus dem Nichts geboren, ohne dass sich dabei jemand
im Schweisse seines Angesichts die Hände schmutzig macht. Die
Milliarden der «New Economy» sind vorerst nichts als Versprechen
für die Zukunft. Der Blick ins Gelobte Land sozusagen. Milch und
Honig werden irgenwann schon fliessen. Religiös erscheint also
auch dieser Aspekt: nur Glaube kann den Preis für etwas ins Unermessliche
treiben, das erst in den Köpfen existiert. Wer nicht an das zukünftige
Glück glaubt, investiert lieber weiterhin in Immobilien statt
in die nächste Generation des Mobilfunks. Kann ja sein, dass alles
an der Angst vor dem Elektrosmog scheitert, mit dem uns jede neue
Technologie überschüttet.
Das Handy ersetzt die Uhr
Unser Freund Igal beispielsweise, Journalist in Tel Aviv, ist
ein Handy-Verweigerer eine Ausnahmeerscheinung im Land mit den
weltweit höchsten Kommunikationsausgaben pro Kopf. Damit er trotzdem
erreichbar bleibt, hat er sein eigenes System entwickelt: Sind
wir in der Stadt, so lassen wir von einem öffentlichen Telefon
aus eine Meldung auf seinen «Beeper» schicken, dann ruft er zurück.
Dumm nur, dass bei vielen Publicphones die Nummern weggerissen
sind. Israel ist, im Gegensatz zu Palästina, eine total mobile,
von Technologie durchdrungene Gesellschaft. Es ist unmöglich,
mit jemandem einen festen Termin zu vereinbaren. Jeder ist doch
rund um die Uhr erreichbar, wozu also irgendwo zehn Minuten an
einem Treffpunkt verplempern? «Ruf an, wenn du in der Nähe bist.»
Alles Denken und Handeln konzentriert sich aufs «Hier und Jetzt»,
Zeit spielt keine Rolle mehr, sie verschwindet allmählich. Das
Handy ersetzt die Uhr.
Ein Lächeln verklärte das Gesicht des alten Mannes, als er sein
Mobiltelefon auf den Tisch legte. Es war ein Geschenk seines Enkels,
der jeden Tag hinüberfährt nach Israel, wo er für eine Telecom-Gesellschaft
programmiert. Hinüber zum einstigen Feind. Kommunikationstechnik
verändert die Beziehungen der Menschen über alle Grenzen hinweg
und hoffentlich zum Guten. Auch Jona folgte schliesslich dem
Ruf Gottes und predigte wider die Bosheit. |
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