Glarnerland

Laudatio für Alex Zimmermann

«Grabe, wo du stehst.»
Sven Lindqvist, Schwedischer Schriftsteller und Historiker

Lieber Alex Zimmermann
Sehr geehrte Gäste

Das Motto für meine Laudatio ist ein Buchtitel des Schwedischen Historikers Sven Lindqvist. «Grabe, wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte.» Es ist eine Anleitung, an dem Ort, an dem man lebt «zu graben». Im übertragenen Sinne, das heisst, nachzuforschen, was an diesem Orte einst war, wie er so geworden ist, wie er ist, wer hier gelebt und gewirkt hat. Nach den Wurzeln graben heisst, die Augen zu öffnen und alle Sinne um zu sehen und zu verstehen. Dort, wo man steht.
Alex Zimmermann, der heute den Förderpreis der Gemeinde Glarus Nord entgegennehmen darf, kennt dieses Buch nicht und auch nicht die Geschichtswerkstatt-Bewegung, die daraus hervorgegangen ist. Aber er hat genau in diesem Sinne gehandelt, mit grosser Geduld, mit Hingabe und Engagement.

Alex Zimmermann ist im Luzernischen aufgewachsen, hat Elektromonteur gelernt, später noch Detailhandelsfachmann. Er hat in Graubünden gelebt und gearbeitet und manchmal über den Rand der Berge hinweg ins Glarnerland geschaut. Hierher ist er durch ein Stelleninserat gekommen. Er hat den Dorfladen in Filzbach übernommen, von Grund auf neu aufgebaut, während 13 Jahren geführt und Lehrlinge im geschützten Rahmen des Menzihuus ausgebildet. «Ein Traumjob», wie er sagt. Allein dafür hätte er eine Auszeichung verdient.

Alex ist Thai-Chi-Lehrer, und zum Filmen ist er in diesem Zusammenhang auf einer Chinareise gekommen, auf die er eine Kamera mitnahm. Viel mehr als die Ferne fasziniert ihn jedoch die Nähe, die Landschaft und Natur des Glarnerlandes. Er hat ruhige, meditative Naturfilme gedreht über das Löntschtobel, die Lachenalp, den Talalpsee. Tierfilme über die Rötelmaus, die Wasseramsel, die Erdkröte. Unter dem Label Viridis kann man diese Filme auf DVD beziehen, die Tierfilme auf youtube betrachten.

Durch das Filmen habe er einen tiefen Bezug zur Natur gewonnen, sagt er, mit der Kamera habe er neu sehen gelernt. Mit der Absicht, einen Naturfilm zu drehen, ist er auf die Mürtschenalp gekommen, ist dort auf das verlassene Kupferbergwerk gestossen. Dabei hat er nochmals einen neuen Blick gewonnen, einen Blick in die Geschichte unserer Gegend. Er hat zu graben begonnen, im übertragenen wie auch im realen Sinne: Graben nach Spuren eines verschwundenen Unternehmens, nach alten Schächten und Gegenständen, graben in der Literatur, in Archiven, in der Erinnerung von Menschen. «Das detektivische Fieber habe ihn gepackt», sagt er.

Es ist eine geheimnisvolle Welt, jene Alpweiden, Täler, Arvenwälder und Felshänge hinter dem Mürtschenstock, jeder Wanderer weiss das. Man kann stundenlang allein unterwegs sein und der eigentümlichen Poesie dieser Landachaft nachspüren. Sagenumwoben ist sie, die Orte tragen seltsame Namen. Robmen, Meerenalp, Gspon, Tschermannen, Schwarze Schnur, Silberspitz.
Hier ist ab dem 17. Jahrhundert nach Erzen gegraben worden, Kupfererz, Silber. Von Gold erzählen Sagen und von Urafunden weiss man seit jüngster Zeit. Zwei Jahre lang ist Alex den Spuren des Kupferbergwerks nachgegangen und erzählt uns seine Geschichte. Er erzählt sie selber im Film. Im Gelände, mit Grubenhelm auf dem Kopf und Rucksack am Rücken oder im Stollen bei Kerzenschein, genau so wie er geforscht hat. Als ich den Film «Die Geheimnisse der Mürtschenalp» zum ersten Mal gesehen habe, war ich restlos begeistert. Sicher auch, weil ich die Gegend kenne und die Geschichte des Bergwerks aus dem Buch des Glarner Historikers Rolf von Arx. Besonders die Blütezeit unter der Leitung von Heinrich Simon in den 1860er Jahren, als Dutzende von Bergleuten in dem verzweigten Stollensystem auf der Mürtschenalp arbeiteten, und ein Pochwerk die Erze aufbereitete. Für mich war die Art, wie Alex die Geschichte filmisch nochmals erzählt, eingebettet in die Landschaft und die Jahreszeiten, ein ganz besonderes Erlebnis.

Alex ist Autodidakt. Er hat sich das Wissen um Filmtechnik, Kameraführung, filmische Sprache, Effekte und Tricks zum grössten Teil selber beigebracht. Unzählige Male ist er bei Wind und Wetter, ja selbst bei Unwetter hinaufgestiegen, hat die alten Schächte durchstreift auf der Suche nach Spuren. Obwohl ihn Freunde und Bekannte unterstützt haben, ist sein Film doch das Werk eines Einzelnen und in diesem Sinne etwas ganz Persönliches, Einzigartiges. Er hat mit Software virtuelle Modelle der Schächte und der verschwundenen Anlagen konstruiert, hat mit pyrotechnischen Tricks Sprengungen nachgebildet, hat eine Drohne steigen lassen für Landschaftsaufnahmen. Selbst die Filmmusik hat er komponiert, eingespielt und produziert. Alex ist Drehbuchautor, Regisseur, Kameramann, Komponist, Sprecher und Produzent in Personalunion. Das ist weitab von den professionell geschliffenen Dokfilmen wie wir sie vom Fernsehen kennen, doch wirkt der Film dadurch authentisch, man spürt das ausserordentliche Engagement. Es ist ein Film mit Charakter und Charme.

«Grabe wo du stehst.» Bei diesem Ansatz könnte man glauben, es gehe um Rückzug ins Kleinräumige, in ein vergessenes Mauseloch dort hinten auf der Mürtschenalp. Die Geschichte des Kupferbergwerks ist mehr. Sie ist Teil der Glarner Industriegeschichte des 19. Jahrhunderts, auf die wir so stolz sind. Sie greift weiter aus und kann uns auch heute noch etwas erzählen. Heinrich Simon, der das Projekt vorangetrieben hat bis zu seinem tragischen Tod im Walensee, war als politischer Flüchtling in die Schweiz gekommen. Er hat Arbeiter und Grubenfachleute aus dem Ausland geholt, das Erz wurde im Südtirol verhüttet. Wer die erfolgreiche Glarner Industriegeschichte kennt, weiss, dass sie ohne enge Verflechtung mit Europa und darüber hinaus nicht möglich gewesen wäre. Auch davon erzählt uns die Geschichte des Bergwerks auf der Mürtschenalp.

Und auch der sie uns erzählt, Alex Zimmermann, ist von aussen gekommen. Per Zufall eigentlich. Hat hier Wurzeln geschlagen, einen interessanten und wichtiges Beitrag zu unserer Industriegeschichte und Kultur geleistet. Und wird es auch weiterhin tun, wie er mir versichert hat. Dass seine Arbeit in seiner Wahlheimat bemerkt wird und noch mehr – gefördert mit diesem Preis der Gemeinde Glarus Nord, verdient Anerkennung.
Herzlichen Dank.

Emil Zopfi

Alex Zimmermann