Geschichte im Netz
Es war ein bewegendes Wiedersehen. Vor zwanzig Jahren hatten wir
unsere Freunde aus den Augen verloren. Und nun umarmten wir uns
in einem Bergdorf in Palästina, hoch über dem Jordantal. Nach
langen Jahren der Verbannung waren sie in ihre Heimat zurückgekehrt
und hatten ein Haus gebaut. Wir hatten uns verloren und wieder
gefunden zuerst auf dem Netz. Eines Tages tippte ich, einer
spontanen Eingebung folgend, Mahmuds Name in eine Suchmaschine.
Sogleich stand ein Dokument auf dem Schirm, das er verfasst hatte,
rasch war seine E-Mail-Adresse gefunden.
Die Welt ist klein geworden, die moderne Kommunikationstechnik
hat sie zum Dorf gemacht zumindest für jene dreihundert Millionen
Menschen, die sich gegenwärtig im Netz tummeln. So haben wir auch
Fateme wieder in unser Beziehungsnetz geknüpft, nachdem der Faden
vor zwei Jahrzehnten gerissen war. Wir erfuhren, dass aus der
armen Studentin an der Università di Bologna eine Ökonomin bei
der Weltbank in Washington geworden ist und eine Mutter von zwei
Kindern. Auch Fateme haben wir wieder in unsere Arme geschlossen,
Internet sei Dank.
Ab und zu erreicht auch uns eine virtuelle Flaschenpost von irgendwo
mit einem Lebenszeichen, das eine längst gerissene Verbindung
wieder anzuknüpfen versucht. In den USA leben beispielsweise mehr
Menschen mit unserem Familiennamen als in der Schweiz auch das
eine überraschende Entdeckung mit einer Suchmaschine. Es sind
Nachfahren von Auswanderern, von denen sich gelegentlich der eine
oder die andere per E-Mail nach gemeinsamen Wurzeln und Vorfahren
erkundigt. Oft besuchen sie dann unsere Gegend um zu sehen, wo
ihre Ahnen wohnten und auf welchen Höfen sie bauerten. Das ist
gelebte Geschichte.
Vor etwas mehr als zwanzig Jahren stellte der Computerkritiker
Joseph Weizenbaum fest, Informationstechnologie habe die Tendenz,
Erinnerung auszulöschen: «Der Computer hat begonnen, ein Instrument
zur Zerstörung von Geschichte zu werden.» Seither hat sich die
Technik fundamental verändert, sie hat sich unter anderem zum
Medium von Geschichten und von Geschichte entwickelt. Oft habe
ich das Gefühl, in der Datenwüste des Internet unablässig auf
Spuren von Lebensgeschichten zu stossen von meiner eigenen und
jener von vielen andern. Ohne das Netz hätten wir unsere Freunde
in Palästina und Washington nie mehr gefunden und wieder getroffen.
Es waren gewiss keine historischen Ereignisse, doch sie prägen
unser Bild der Welt und ihrer Geschichte. Und sie verändern unser
Leben. |
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