Computerkolumne

Die Zahl 50 auf der Note

Die Nationalbank hat tief in die Märchenkiste gegriffen, um die
Zahl zu benennen, die fünffach die neue Fünfzigernote ziert: Zauberzahl,
Farbzahl, Tanzzahl, Chamäleonzahl, Glitzerzahl. Doch nicht dem
nächtlichen Teich, sondern dem Computer sind die Druckvorlagen
entsprungen ­ wobei sich die Schöpfer der ersten elektronisch
gestalteten Schweizer Banknote über die verwendete Hard- und Software
ausschweigen, aus Sicherheitsgründen. Nur eine Indiskretion schimmert
durch das Staatsgeheimnis: Die Zahlen sind auf einem Programm
namens Ikarus entstanden. Hier die Geschichte ihres Schöpfers.

Leise rieselt der Schnee, als der alte Mann im Bergdorf das Postauto
besteigt, eine knorrige Gestalt, die Zipfelmütze tief in der Stirn.
Es ist dunkel und kalt, lang der Weg in die Stadt. Dort sitzt
er vor dem Computerschirm, klickt auf Tasten, reiht Punkt an Punkt,
verbindet sie mit schwungvollen Kurven zum Umriss einer Ziffer
oder eines Buchstabens. Hans Eduard Meier bedient den Computer so selbstverständlich und locker, als hätte
er sein Leben lang kein anderes Werkzeug benutzt, um Schriften
zu entwerfen. Zweiundsiebzig ist er, ein lebenslanges Leiden und
eine schwere Operation haben ihn gezeichnet. Doch Schriftgestalter
brauchen, wie ihm der Typograf Max Caflisch zum Siebzigsten schrieb,
«einen langen Atem».

Begonnen hat er mit der «Syntax», Buchstabe um Buchstabe malte
er auf Transparentpapier, in unzähligen Varianten und jede Figur
in mehreren Schnitten, ein mühseliger Prozess, der sich über Jahre
dahinzog. 1968 endlich goss die Schriftgiesserei Stempel in Frankfurt
die Lettern der Syntax in Blei. Hans Eduard Meier hiess fortan
bei den Schüler der Zürcher Kunstgewerbeschule, wo er Schriftunterricht
erteilte, der «Syntax-Meier». Der digitale Font wird heute von
Lettraset vertrieben, andere Schriften von Meier führt ITC im
Programm. International bekannt wurde er erst zehn Jahre später
durch eine Vortragsreise in den USA. Und über diesen Umweg, für
Schweizer Künstler nicht ungewöhnlich, kam er schliesslich ans
Institut für Informatik der ETH, wo man ihm 1984 einen Arbeitsplatz
am Bildschirm einrichtete. Die ETH hatte Computer mit grafischer
Benutzerschnittstelle entwickelt, Niklaus Wirths Lillith, für
die typografische Gestaltung fehlten jedoch geeignete Schriften.
Desktop-Publishing war noch ein Fremdwort. Das Institut für Informatik
stellte Meier einen Arbeitsplatz zur Verfügung, er brachte seine
Erfahrung als Schriftgestalter mit. Kunst und Technik fanden sich
für einmal zu einer glücklichen Synthese.
Hans Eduard Meier war einer der ersten Schriftgestalter, der direkt
am Schirm arbeitete, ohne Entwurf auf dem Papier. «Ich habe die
Schrift im Kopf», sagt er trocken. Nicht nur die Form der typografischen
Figuren ist ihm geläufig, sondern auch ihre Geschichte, über die
er eine Broschüre verfasst hat: Die Schriftentwicklung (Syntax
Press, Cham).

Als Jörg Zintzmeyer von der Nationalbank mit der Gestaltung der
neuen Banknotenserie beauftragt wurde, holte er Meier für die
Überarbeitung der verschiedenen Schriften, von den Zahlen für
den Notenwert über den Schriftzug der Nationalbank bis zu den
Ziffern für die Serienummer. «Trotz seines Alters hat er es meisterhaft
geschafft, seine gestalterischen Ideen umzusetzen, ohne sich von
der Technik beirren zu lassen», erinnert sich ein Assistent von
Zintzmeyer. Nebst den Kunstwerken von Sophie Täuber-Arp und dem
Werk des Notengestalters tragen wir in unserem Portemonnaie also
auch Hans Eduard Meiers Zahlen und Buchstaben mit uns. Nur sein
Name ist nirgends aufgedruckt.

Er nimmt es gelassen. An der ETH steht ihm noch immer ein Arbeitsplatz
zur Verfügung, dort gestaltet er seine neueste Kreation, die «Letter»,
eine Schreibschrift, die bei Linotype herauskommen wird. Unbeirrrt
reiht er Punkt an Punkt zu einem Lebenswerk, das still und unter
Schmerzen entstanden ist.