Zürcher Oberland

Zauberberg bei Wald

Meinen Zauberberg fand ich auf dem Faltigberg. Während ich Thomas Manns 1000-seitigen Roman «Zauberberg» lese, der in einem Lungenkurhaus in Davos spielt, wird mir jenes Jahr gegenwärtig, als wir Sonntag für Sonntag meinen Vater im Sanatorium auf dem Faltigberg ob Wald besuchten. Lungentuberkulose, die Geissel der Textilarbeiter, hatte ihn angesteckt. Die Symptome, die Thomas Mann so anschaulich schildert, erkenne ich wieder: Fieber, Katarrh, Husten, Blut im Speichel. Und die Frage, wieviele Monate die Kur dauern würde, quälte auch uns.
Für mich waren jene Besuche unendlich langweilig. Wir sassen in der Cafeteria, wo vielleicht einmal ein Mandolinenorchester die Patienten und Besucher mit Tessiner Volksliedern erfreute, wir spazierten zur Krinne und verspeisten im Restaurant ein Stück Kuchen zum Kaffee, oder wir sassen neben Vaters Bett auf dem Balkon. An einem Galgen hing stets eine dicke Flasche mit einer gelblichen Flüssigkeit, die durch eine Nadel in eine Vene am Bein tropfte. Vaters gelbe Gesichtsfarbe verdankte er nicht der Sonne, sondern dem Medikament. Einer Operation verweigerte er sich standhaft, er hatte panische Angst vor dem Chirurgenmesser, denn es hiess, viele der Operierten würden das Sanatorium nur noch mit Füssen voran verlassen.
«Das Krankheitssymptom sei verkappte Liebesbetätigung und alle Krankheit verwandelte Liebe», lässt Thomas Mann in seinem Roman den Lungenarzt Krokowski referieren. Ob das für meinen Vater zutraf, weiss ich nicht. Seine Krankheit hatte Wurzeln weniger in der Liebe, als in der feuchtwarmen Staubluft der Fabrik oder im Aktivdienst in den Bündner Bergen, aus dem er mit Brustfellentzündung in ein Sanatorium entlassen worden war. Der Tuberkuloseherd war an der alten Narbe ausgebrochen, doch die Militärversicherung lehnte Beiträge ab. Wahrscheinlich war irgend eine Frist abgelaufen. Vater, «dienstuntauglich» gestempelt, bezahlte Militärpflichtersatz.
Dass die Liebe nicht nur auf Manns Zauberberg, sondern auch auf dem Faltigberg eine grosse Rolle spielte, war auch für einen pubertierenden Burschen offensichtlich. Man tuschelte über jenen Buchhalter, der heimlich mit der blonden Pflegerin verbandelt sei, obwohl ihn seine Frau zweimal die Woche besuchte und Kuchen brachte. Der schnauzbärtige Gefängniswärter tröstete sich, immer den Gerüchten zufolge, mit Schnaps und den Küchenmädchen aus dem Vorarlberg. Auch Vater pflegte Heimlichkeiten, in erster Linie das Rauchen, das ihm die Ärzte verboten hatten, von dem er aber behauptete, es töte die Bazillen in seiner Lunge. Ob ihn die Zigaretten, der Tropf mit der gelben Medizin oder die Sonne und die gute Luft auf dem Faltigberg schliesslich geheilt haben, blieb wohl auch den Ärzten ein Rätsel. Nach einem Jahr entliess man ihn. Der Schnauzbärtige besuchte uns dann noch hie und da mit seinen kichernden Küchenmädchen, der Buchhalter mit seiner Frau.
An einem der öden Sonntage in der Cafeteria auf dem Faltigberg entdeckte ich in einem Büchergestell alte Bände der «Alpen», der Zeitschrift des Alpenclubs. Fortan las ich mich durch die Bergabenteuer und die Berichte von Erstbesteigungen. Nun konnte ich die Besuche kaum noch erwarten, und wenn die Sicht gut war, bestimmten wir vom Balkon aus die Gipfel der Glarner Berge. Kurz vor Vaters Erkrankung waren wir zusammen von Linthal nach Somvix in der Surselva gewandert, durch einsame Täler und über Gebirgspässe am Tödi vorbei. Melancholischen Herbsttage, während denen Vater schon gehustet, gekeucht und Blut gespuckt hatte.
Einmal stiess ich in den «Alpen» auf das Bild eines Bergs mit messerscharfem Gipfelgrat und unglaublich glatten Felswänden und Kanten. Schon beim Betrachten erschauerte ich vor Angst, doch da gab es Linien durch die dunkeln Granitfelsen, die andeuteten, dass schon Menschen diesen Berg erklettert hatten, der wie ein riesiger Reptilrücken aus Gletschern aufragte. Die vergilbte Fotografie übte auf mich eine unglaubliche Faszination aus. Wenn ich einmal so einen Berg besteigen könnte, ein solches Abenteuer bestehen! Piz Badile hiess er, und fortan war dieser Granitklotz im Bergell mit seiner glatten Nordostwand und seiner Nordkante mein Zauberberg, der mich in seinen Bann gezogen hatte. Drei Jahre später stand ich auf dem Gipfel, fühlte mich glücklich und stark, und Vater war wieder gesund.
Vor wenigen Jahren musste ich mich wegen eines Visums einem Routinetest unterziehen. Mein Arzt hielt Röntgenbilder ins Licht, schüttelte den Kopf: «Sag mal, hast du einmal eine Tuberkulose gehabt? Ich sehe einen Schatten auf deiner Lunge.» Ein Test zeigte, dass ich während meines Lebens einmal unbemerkt eine Lungentuberkulose durchgestanden hatte. In Krankheit verwandelte Liebe, wie der Doktor Krokowski in Thomas Manns Zauberberg behauptet? Die Stelle ist verkalkt, die Ursache, was immer sie auch war, vergessen. Jedenfalls fühlte ich mich kerngesund. Trotzdem verschrieb mir mein Arzt ein Medikament, präventiv wie er sagte. Das machte mich dann aber wirklich krank.

© Emil Zopfi