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Emil Zopfi – Vortrag Flims, 15.1.2016
Geschichten erzählen,
Geschichten schreiben
Motto: «Erzählen, was man nicht erklären kann.»
Die Welt ist kompliziert – nicht erst heute. Vieles lässt sich erklären, durch Wissenschaft, Erfahrung, Mathematik oder notfalls Google. Etwa wie der Strom durch Leitungen fliesst, wie ein Handy funktioniert oder wie lange die Erde braucht um um die Sonne zu kreisen. Dafür gibt es Formeln und Algorithmen. Doch wie erklären wir das Unerklärbare? Wie funktioniert die menschliche Gesellschaft? Das Wesen des Menschen, Gefühle, Ängste, Glück?
Zum Beispiel durch Erzählungen, durch Geschichten.
1. Geschichten erzählen
Schellenursli. Wenn ich meiner Enkelin den Schellenursli erzähle, dann erkläre ich ihr auch etwas vom Wesen der Welt. Wie der Schellenursli alle Anstrengungen und Gefahren auf sich nimmt, um die grosse Glocke für den Chalandamarz von der Alp zu holen. Das ist spannend, zeigt aber auch, dass einem im Leben nichts geschenkt wird. Man muss sich anstrengen, man muss Risiken eingehen, leiden, frieren, kämpfen. Es ist zwar äusserlich eine heile Welt, dieses schöne Engadin. Doch der Schellenursli ist das Vorbild eines Einzelkämpfers in einer Leistungsgesellschaft. Nichts wir dir geschenkt werden hienieden, mein liebes Enkelein, auch das schönste Fest ist nicht umsonst.
Modelle. Der Schellenursli ist eine und spannende und berührende Geschichte, der kleine Bergbub ist uns sympathisch, ans Herz gewachsen, eine Identifiktationsfigur, ein Vorbild. Die Geschichte ein Modell, das für Vieles steht. Das wir unbewusst unser eigenes Leben übertragen können.
Geschichten sind Modelle, in denen wir uns spiegeln: wie hätte ich in dieser Situation gehandelt, was empfunden, was bedeutet sie für mich. Möchte ich auch ein Schellenursli sein, ich bin ja auch so klein und schwach und doch, ich fass mir ein Herz, ich gebe nicht auf, ich kämpfe. Darum wollen Kinder solche Geschichten auch immer wieder hören, und wir ja auch: sie und wir fühlen mit, jedes Mal, und jedes Mal schöpfen wir Kraft und neuen Mut.
Unterhaltung. Der Schellenursli fasziniert uns, weil er auch spannend ist. Keine Moralpredigt, sondern eine Geschichte, in der es um etwas geht: die Glocke, die Krönung der Anstrengung. Geschichten sind also zweierlei, zwei Fliegen auf einen Schlag sozusagen: sie unterhalten, sie strukturieren unseren Alltag: Gutenachtgeschichte oder auch Fernsehkrimi am Abend, die Vorlesestunde in der Schulbibliothek. Die Langeweile wird kurz und gleichzeitig erfahren wir etwas über die Welt. Das Unerklärbare wird irgendwie fassbar, nachfühlbar.
Selbstdarstellung. In Geschichten offenbart sich aber auch der Erzähler, die Erzählerin. Wir erzählen laufend Geschichten von uns selber in der Familie, unseren Freunden und Bekannten: von unseren Ferienerlebnissen, von unseren Krankheiten, von der Arbeit, von unseren Problemen und Sorgen und Freuden im Leben. Und im Alter immer mehr auch: von einst, von der Welt, wie sie früher war. Geschichten, in denen wir selber eine Rolle spielen, vielleicht sogar die Hauptfigur waren. Wir erzählen, was uns widerfahren ist, wie mutig und schlagfertig wir handelten, was wir dabei dachten und fühlten.
Vaters Geschichten. Mein Vater zum Beispiel hat immer wieder Anekdoten aus seinem Leben erzählt, immer wieder die gleichen natürlich. Wenn er zu erzählen begann, vielleicht im Zug zu ganz fremden Leuten, dann wussten wir schon, was kommt.
Einst betrat er in Strassburg eine Beiz, im Lokal waren noch zwei Männer und eine Frau. Setzten sich zu ihm, fragten ihn nach Woher, Wohin. Die Frau machte ihm schöne Augen. Ein Arbeiter aus der Schweiz? Da hätten sie ihm was besseres. Abenteuer, fremde Länder, Geld, schöne Frauen. Schon lagen Formulare auf dem Tisch, er müsste nur unterschreiben hier. Fünf Jahre Fremdenlegion. Sie bedrängten ihn immer heftiger. Da sagte er, er müsse nur schnell aufs Klo, wollte sich davonmachen, fand alle Ausgangstüren verriegelt. Da griff er in den Hosensack, holte sein Militärmesser hervor, klappte die Klinge auf, trat ins Lokal zurück: «Messieurdames regardez: Ca c’est un couteau militaire Suisse!» Das machte Eindruck, man liess ihn ziehen.
Ich denke, mein Vater hat sicher etwas in der Art erlebt, aber bestimmt reichlich dramatisiert, zugespitzt. Aus dem Erlebten, dem «Geschehen», wie wir das nennen, hat er eine Geschichte gemacht. Eine Geschichte, die spannend zum Zuhören war, auch weil er sie immer wieder ein bisschen variierte. Es war eine Selbstdarstellung: Mein Vater, ein mutiger Mann, ein Held, nicht bloss ein kleiner Fabrikarbeiter. Er wusste sich zu wehren in einer kritischen Situation, in der es beinahe auf Leben und Tod ging. Und er wusste sich nicht nur mit der Waffe zu wehren, sondern auch mit seiner Sprachkraft: Mein Vater war stolz auf seine guten Französischkenntnisse.
Familiengeschichten. Ich denke, in vielen Familien gibt es solche Anekdoten, die den Nachkommen erklären, woher man kommt, wie man zu dem geworden ist, was man ist. Solche Familiengeschichten werden weiterzählt, von Generation zu Generation neu und verändert. Teil einer Familienkultur, bis sie irgendwann in Vergessenheit geraten oder nur noch in vergilbten Tagebüchern, Postkarten und Fotoalben überleben, als Fundgrube für Historiker, neugierige Urenkel oder Füllmaterial für Abfallsäcke.
Ich weiss auch Geschichten von meinen Grosseltern, von meinem Urgrossvater sogar, von den Grosseltern meiner Frau. Das grosse Unwetter im Jahr 1944, das den Hof meines Grossvaters im Glarner Hinterland zerstörte, so dass er in den Thurgau auswandern musst. Oder wie der Pfarrer von Schwanden meinen andern Grossvater zur Rede stellte, weil er das sozialistische Volksrecht abonniert hatte.
Autorinnen und Autoren greifen gern auf ihre Familiengeschichte zurück oder lassen sich von ihr inspirieren, schreiben Bücher über ihre Vorfahren, ihre Zeit und ihre Welt.
Zu meinen Lieblingsbüchen gehören Familienromane wie der grosse Zürich-Roman «Alles in Allem» von Kurt Guggenheim, die «Buddenbrooks» von Thomas Mann oder der «Schweizerspiegel» von Meinrad Inglin.
Auf den aus Irland stammenden New Yorker Autor Frank McCourt mit «Die Asche meiner Mutter» werde ich noch zurückkommen. In meinem Bergsturz-Roman «Kilchenstock» erzähle ich die Liebesgeschichte meiner Eltern und auch die Unwetterkatastrophe von 1944.
Sagen und Märchen. Nicht nur Familien haben ihre Geschichten, zur Kultur einer Gesellschaft als Ganzes gehören Geschichten, die überliefert werden, sei es mündlich, gedruckt oder im Film. Sagen und Märchen etwa gehören dazu. Das tapfere Schneiderlein, das durch seine Schlauheit selbst die Riesen beeindruckt, die Bremer Stadtmusikanten, die ihr Ziel durch den Zusammenhalt unter ganz verschiedenen Wesen erreichen, oder Hans im Glück, der das wahre Glück nicht durch Besitz, sondern durch seine Heimkehr findet.
Auch Märchen und Sagen sind Modelle, die uns von Gut und Böse erzählen, uns einen Spiegel vorhalten, uns das Unerklärbare des menschlichen Wesens in zum Teil drastischen Beispielen vorführen. Oft auch mit überdeutlicher moralischer Botschaft:
Der Senn, der seine Geliebte auf die Alp holt, ihr einen Pfad mit Käsenlaiben durch den Schmutz baut, weil sie so feine Schuhe trägt, der aber seine alte Mutter davon jagt. Seine Alp ist dem Untergang geweiht.
Nebenbei erklären solche Alpensagen auch, warum einstige Hochalpen verschwunden sind. Heute wissen wir, es waren Klimaschwankungen, das Ende der Warmzeit im Mittelalter. Weil man das wissenschaftlich noch nicht erkannte, erklärte man das Vordringen und Schwinden der Gletscher mit Tabubrüchen, mit Freveln und Verstössen gegen alte Gesetze.
Kollektive Geschichten erklären die Welt, in der wir leben, sie erzählen, woher wir kommen, warum wir hier sind, warum wir so sind, wie wir sind. Sie entwerfen Vorbilder und definieren unbewusst Wertvorstellungen und Moral.
Religionen. Das Unerklärbare der Welt, des Lebens und des Todes ist Thema aller Religionen, ihre Heiligen Schriften sind grosse Sammlungen von Geschichten, Gleichnissen, Erzählungen von Wundern oder dem Schicksal eines Volkes. Eingebunden in Rituale werden diese Geschichten immer wieder erzählt, zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten.
Der Seder in der jüdischen Kultur ist ein Beispiel. Am Vorabend von Pessach wird im Kreis der Familie des Auszugs aus Ägypten gedacht. In einem Ritual wird die Geschichte von Gefangenschaft, Flucht und Ankunft im Heiligen Land vorgelesen, gesungen, dazu Wein getrunken, Mazze gegessen.
Ein sehr schöner Brauch aber… die Geschichte bekräftigt die Vorstellung, dass Palästina dem jüdischen Volk von Gott zuerkannt sei, mit all den politischen Konsequenzen, den unlösbaren Konflikten, die aus diesem Anspruch entstanden sind. Steht dieser Anspruch bekanntlich im Gegensatz zur islamischen Religion, die erzählt, vom Tempelberg in Jerusalem aus habe Mohammed seine Himmelfahrt angetreten. Beweis ist ein Fussabdruck auf einem Felsen.
Es sind Geschichten, die im wahrsten Sinne des Wortes eine fatale politische Sprengkraft entwickeln. Geschichten, für die Menschen bereit sind zu sterben.
Nationen. Geschichten begründen auch die Existenz und Identität von Nationalstaaten. Wie ist zum Beispiel die Schweiz entstanden, die so genannte «Willensnation», dieses komplizierte Gebilde aus verschiedenen Sprachen, Kulturen, geografischen und wirtschaftlichen Räumen? Die historischen Fakten zeigen einen äusserst komplexen und über Jahrhundert sich entwickelnden Prozess, der in den Bundesstaat von 1848 mündete. Ein historischer Prozess, der dicke Bücher füllt, über den sich Historiker und Politiker streiten – auch in jüngster Zeit wieder.
Fürs «gewöhnliche Volk» definiert sich die Schweiz seit dem 19. Jahrhundert in einprägsamen Erzählungen: Rütlischwur, Tell, Morgarten, Sempach, Marignano. Es sind zum Teil Mythen, die da erzählt werden, oder komplexe Ereignisse werden für Augustreden und den Schulunterricht verkürzt und für politische Botschaften zurechtgebogen. Dazu hat man schliesslich auch einen Geburtstag erfunden, seit dem 1. August 1891 gibt es die Bundesfeier.
Geschichten, die nationale Identität stiften, müssen nicht wahr sein, sie müssen nur stark sein. Sie müssen eine positive Botschaft enthalten, von Helden erzählen, von ihren Taten, ihrem Leiden, ihrem Leben, ihren Niederlagen und ihrem Triumph. Solche Geschichten erklären uns nicht nur, woher wir kommen, warum wir hier sind und warum es dieses Land in diesen Grenzen gibt. Sie transportieren auch Moral und Wertvorstellungen: Lieber die Schneegebirge im Rücken als die bösen Menschen! Erhaltet mir Weib und Kind! Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt!
Geschichten definieren das Land nicht nur geografisch, sondern auch moralisch und kulturell. Sie können auch ausgrenzen oder dem Ausgrenzen von Fremden und anders Denkenden dienen. Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern!
Geschichte. Geschichten haben in der Geschichte auch schon gewaltige Bewegungen ausgelöst oder begleitet. Der 1852 veröffentlichte Roman «Onkel Toms Hütte» von Harriet Beecher Stowe, hat die Sklavenbefreiung in den USA durch den amerikanischen Bürgerkrieg eingeleitet. Historisch nicht verbürgt ist der dem Präsidenten Abraham Lincoln zugeschriebene Satz, mit dem er Harriet Beecher Stowe während des Bürgerkrieges 1862 empfangen haben soll «So this is the little lady who started this big war.» – auch das wohl nicht wahr, doch eine gute Geschichte!
In der Sonntagschule hat uns die Lehrerin «Onkel Toms Hütte» vorgelesen und eine Szene hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt: Wie die Sklavin Eliza über die Eisschollen des Ohio in die Freiheit flieht. Auch sie ein Vorbild, eine Identifikationsfigur, die Mut macht, seinen eigenen Weg zu gehen.
2. Geschichten schreiben
Glücksfall. Nicht über Eisschollen, nur über eine Blumenwiese wandere ich, treffe bei einem Bienenhaus einen Imker und unterhalte mich mit ihm über Bienen. «Die Wiese im Mai» hiess das Thema des Aufsatzes in der vierten Klasse. Ich schrieb spontan keine Betrachtung, wie gewünscht, sondern eine Erzählung und änderte sogar den Titel «Spaziergang im Mai». Ein Tabubruch – doch mein guter Lehrer lobte mich und belohnte mich mit Büchern. Ich war kein besonders guter Schüler, aber seit jenem Tag bin ich ein Schriftsteller. Ich wusste: Schreiben, das kann ich und das will ich. Ein Glücksfall für mich.
Kino im Kopf. Ich hatte eine schwierige Jugend, lag manchmal im Bett und träumte von einem besseren Leben. Ich hatte einen Film über Kanada gesehen, stellte mir ein Leben in Kanada vor als Holzfäller, Trapper, Abenteurer. Das lief in meinem Kopf ab wie Kino, ich sehe diese Bilder heute noch vor mir, so tief haben sie sich mir eingeprägt. In Kanada bin ich nie gewesen.
«Kino im Kopf» ist, so bin ich überzeugt, eine der Voraussetzungen des Schreibens von Geschichten: Schreibend muss ich die Geschichte «sehen». Die Figuren, die in der Geschichte handeln, die Umgebung, die Landschaften sehe ich beim Schreiben wie einen Film vor dem geistigen Auge ablaufen.
Ein Buch des irisch-amerikanische Autors Frank McCourt hat mich in meiner Ansicht bestätigt. Er kam sehr jung sehr arm nach New York, lebte in grösster Armut in einem Zimmerchen, durfte weder heizen noch Licht machen am Abend. Er kroch unter die Bettdecke und unterhielt sich mit Kino im Kopf. Und wurde dadurch zum phantastischen Erzähler. In grösster Armut lebte er.
«Schreiben ist Sehen» ist eines der Prinzipien, wir für die Schreibseminare erarbeitet, die ich zusammen mit meiner Frau während 30 Jahren durchgeführt habe: im eigenen Kurshaus in Obstalden, in der Fortbildung von Lehrer/-innen, im Auftrag verschiedenster Institutionen.
Schreiben ist Sehen heisst, während des Schreibens sehe ich das, was ich schreibe gleichzeitig vor mir. Eine Geschichte entwickelt sich vor meinem inneren Auge – vielleicht in einer ganz andere Richtung, als ich eigentlich wollte. Denn eine Geschichte und ihre Figuren, besitzen eine eigene Dynamik. Bin ich im Fluss, im Film entwickelt sich die Handlung fast automatisch weiter. Es kommt mir dabei manchmal vor, als existiere mein Text schon irgendwo virtuell, fliesse mir zu, während ich ihn aufschreibe.
«Schreiben ist Sehen» ist im Prinzip die Umkehr des Lesens: Auch beim Lesen sehe ich nicht Buchstaben, sondern in meinem Kopf entstehen Bilder: Schellenursli sehe ich durch den Schnee zur Alp aufsteigen, Eliza sehe ich über die schwankenden Eisschollen fliehen. Schreiben und Lesen hängen sind eng mit bildhaftem Denken verbunden. Ich glaube, wenn man das einmal verstanden hat, ist das Schreiben, das Schreiben von Geschichten vor allem, viel einfacher, viel lustvoller. Ich bin dabei, ich sehe, was geschieht, ich gehe mit meinen Figuren, fühle mit ihnen, leide und freue mich mit ihnen.
«Automatisch schreiben», ein Begriff aus der Psychotherapie oder literarisch aus dem Surrealiesmus, Ècriture automatique, sich Autoren vom unbewussten ihre Schreibhand führen liessen. Die Methode ist sehr produktiv im Schreibprozesses: Frei schreiben heisst das, freewriting, ohne abzusetzen, ohne Zensur, einfach drauflos. «Ich bin ein Drauflosschreiber» sagte auch Friedrich Dürrenmatt. Sich überraschen lassen von dem, was entsteht. Vertrauen darauf, dass etwas entsteht. Vielleicht etwas ganz anderes, als ich beabsichtigt habe. Doch es entsteht aus mir heraus, aus meiner Erfahrung, aus meiner Erinnerung, aus meinem Innern, meiner Seele, meiner Haltung.
Einen Text, eine Geschichte entwerfen soll schnell geschehen, im Fluss, im Flow, wie man heute sagt. Dann bleibe ich bei den Bildern, beim inneren Film, bei der Geschichte. Eine gute Geschichte ist meist ein Wurf. Zeit zum Überarbeiten hat man allemal genug.
Der Dichter Heinrich von Kleist hat in einem berühmten Essay Ähnliches vorgeschlagen: «Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden» – im Redefluss formen sich die starken Gedanken – das gilt genauso fürs Schreiben. «L’idee vient en parlant», schreibt Kleist, in Anlehnung an das französische Sprichwort «L’appetit vient en mangeant.»
Das könnte man ebenso aufs Schreiben übertragen: Die Freude am Schreiben kommt mit dem Schreiben. Ich kenne Leute, die passioniert Geschichten schreiben, auch ohne sie zu veröffentlichen. Einfach für sich, für die Familie, die Kinder, Freunde.
Ich stelle fest: seit einigen Jahren hat sich das Geschichten-Schreiben starkt verbreitet. In Schreibseminaren, Schreibgruppen und -werkstätten, in literarischen Lehrgängen entwickeln immer mehr Leute ihre Text und Geschichten und finden ein Forum, sie in kleiner oder grösserer Öffentlichkeit vorzutragen, in Textsammlungen zu veröffentlichen. Im Eigenverlag, Book on Demand oder schliesslich in einen «richtigen» Buchverlag.
Auch ich habe in einer Schreibgruppe viel gelernt, mich entwickelt, bei den «Schreibenden Arbeitern Zürich» in den Siebzigerjahren. Der Glarner Autor Tim Kron hat bei mir auf meinem Computer sein erstes kleines Buch im Selbstverlag gestaltet und herausgegeben – heute ist er ein sehr erfolgreicher Berufsautor.
Gegenwelt. Schreibend schaffe ich mir eine Art Gegenwelt. Ich lebe in meinen Geschichten, schreiben, sie vorlesend, sie immer wieder selber lesend.
Der deutsche Schriftsteller Martin Walser hat einmal gesagt: «Schreibend antworten wir auf einen Mangel.»
Ich war schon als junger Mensch ein passionierter Kletterer und Bergsteiger, und wenn im Herbst die Felswände verschneit waren und ich nicht klettern konnte, entdeckte ich, dass ich «im Kopf klettern» konnte, wenn ich die Erlebnisse des Sommers aufschrieb. Ich konnte diese kleinen Geschichten in den Zeitschriften des Alpen-Clubs publizieren, was mich sehr ermutigte. Mir fehlten die Berge, die Felsen, und dieser Mangel war für mich auch ein starker Antrieb zum Schreiben.
Auch bei diesen Berggeschichten geht es um Unerklärbares: was treibt uns dazu, unser Leben auf Spiel zu setzen in so einer Felswand bei einer scheinbar sinnlosen Tätigkeit. Man kann darüber philosophieren, ich antwortete auf diese Fragen mit Geschichten.
Auch auf andere Welten: zum Beispiel auf meine Arbeitswelt als Ingenieur und Computerfachmann. Mein erster Roman «Jede Minute kostet 33 Franken» ist die Geschichte einer Nacht in einem Rechenzentrum, es ist die kritische Auseinandersetzung mit moderner Technologie und ihrer Wirkung auf den Menschen und die Gesellschaft.
Schreibend verarbeiten. Indem ich Geschichten aus dieser Welt erzählte, gestaltete ich sie für mich neu, schreibend wurde mir vieles bewusst, was im Alltag einfach unterging. Ein Arbeitskollege endete in der Psychiatrie: im Roman verarbeitete ich ein Stück weit dieses einschneidende Erlebnis, aber auch das traumatischste meines Lebens: Den Tod meiner Mutter bei einem Verkehrsunfall.
Auch wenn ich mir beim Schreiben eine Art Gegenwelt aufbaue, sie hat ihre Wurzeln doch immer in meiner eigenen, in meinen Erfahrungen, meinem Leben. Das ist das Material, der Stoff, aus dem die Geschichten sind. Sie widerspiegeln mein Leben, meine Persönlichkeit.
Dramaturgie. Das Leben selber ist keine Geschichte. Das muss einem beim Schreiben stets bewusst sein. Eine Geschichte ist stets ein Kunstprodukt, aus dem Material der Erfahrung gebaut, gestaltet. Doch reduziert sich die Komplexität der Wirklichkeit auf etwas Modellhaftes, Beispielhaftes. «Geschichten, die das Leben schrieb», gibt es nicht. Das Leben fliesst unaufhaltsam dahin. Geschichten schreiben wir.
Eine Geschichte hat Anfang und Ende, das reale Leben nicht – so lange ich lebe. Zwischen Anfang und Ende einer Geschichte verändert sich etwas. Sie hat vielleicht einen Höhepunkt, einen dramatischen Wendepunkt, schliesst mit einer Lösung oder einer Pointe. Im Leben ist das nicht so, es gibt kein Happyend, denn im nächsten Augenblick nach dem Wiedersehen und dem Kuss können wir stolpern und mit dem Kopf auf einen Stein aufschlagen.
Das Leben kann dramatisch sein, aber es hat keine Dramaturgie wie eine Geschichte. Das Leben erlebe ich eindimensional, allein aus meiner Sicht. Geschichten kann ich aus vielerlei Perspektiven erzählen, in meinem Geschichten-Universum bin ich der Schöpfer, der Liebe oder Böse Gott. Ich kenne alle Figuren, auch ihr Innenleben, ihr Vorleben, ihre Absichten, Ziele und ihre Geheimnisse.
Grundmuster. Jedes Leben ist einmalig, Geschichten wiederhohlen sich. Nicht eins zu eins, doch es gibt Grundmuster. Etwa Sagen, man nennt sie auch Wandergeschichten, da sie an vielen Orten in ähnlicher Form erscheinen. Die Sage vom Älpler, dessen Alp wegen eines Vergehens verschüttet wird, ist ein häufiges Muster von Alpensagen.
Auch in der Literatur gibt es die immer wiederkehrenden Themen. Romeo und Julia, das Motiv der Liebe zwischen verfeindeten Clans, taucht unzählige Male auf in Büchern, im Film, in Musicals wie West Side Story.
Ein amerikanischer Autor, Ronald B. Tobias, hat zwanzig Grundmuster definiert. Darunter Verwandlung (Kafka, die Verwandlung), Verfolgung (Hemingway, Wem die Stunde schlägt), Reif werden (J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen), Aufstieg und Fall (Sophokles, König Ödipus), Verbotene Liebe (Thomas Mann, Tod in Venedig).
Moral. Und was ist die Moral der Geschicht? Ich weiss es nicht, ich darf es nicht wissen. Der grösste Fehler beim Schreiben von Geschichten ist, sich eine Botschaft vorzunehmen. Zu Beginn habe ich gesagt: Nebst dem Unterhalten, dem Erklären des Unerklärbaren, transportieren Geschichten Moral und Wertvorstellungen. Meine Moral, meine Wertvorstellungen. Wer sich das jedoch vornimmt, also zum Beispiel eine Geschichte, die zeigen soll, dass einem im Leben nichts geschenkt wird, wird meist scheitern oder eine langweilige Lehrbuchgeschichte schreiben oder erzählen. Ein Schellenursli wird so gewiss nicht entstehen.
Denn oft merke ich erst beim immer wieder Lesen oder Vorlesen einer Geschichte, was an Botschaften in ihr stecken, die sich ganz ohne Absicht, einfach beim Schreiben entwickelt haben.
So ist eine Geschichte auch nicht zu Ende, wenn sie fertig gedruckt vorliegt. Sie lebt weiter, entsteht bei jedem Lesen oder Vorlesen neu: in meinem Kopf, im Kopf der Leserinnen, Leser, des Publikums.
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