Vorträge

Vortrag am Berner Technologie-Forum 1991

Die totale Erreichbarkeit

Beziehungen…
Eine Zigarettenreklame liegt vor mir, darauf ein Mann und eine
Frau, beide am Telefon.
Er: An den offenen Sportwagen gelehnt, Managertyp im tadellosen
Hemd, neben der Autobahn, wo sich rötlich im Abendlicht der Verkehr
dahinwälzt, in der einen Hand hält er die Zigarette, in der andern
das Telefon. Wir sind in Los Angeles, es ist 5.12 Uhr am Nachmittag.
Sie: Küsschen ins Micro, sie sitzt am Flügel, im Hausdress, die
Haare hinten streng und straff, oben aufgewirbelt, Champagner
funkelt in zwei Gläsern, vor dem Fenster lagert blaues Zwielicht,
ein bisschen verworfen ihr Blick. Wir sind in Monte Carlo, es
ist 2.12 Uhr in der Nacht.
«Share the feeling.» Die Headline des Inserats gilt dem Zigarettengefühl,
sie gilt aber ebenso der Beziehung der zwei Menschen, von Kontinent
zu Kontinent hergestellt durchs Telefon.
Doch was ist das für eine Beziehung? Tausend Geschichten fallen
uns ein.
Er: Informatiker, auf Geschäftsreise ins Silicon Valley. Sie:
Die reiche Tochter des monegassischen Bauspekulanten. Eine Ferienbekanntschaft
aus der Karibik. Oder: das jungverheiratete Ehepaar, getrennt
durch Business und Karriere des Mannes.
Doch etwas stimmt nicht in dem Bild: das zweite Champagnerglas
auf dem Flügel. Sie ist also nicht allein. Was bahnt sich da an?
Ist der Liebhaber im Haus? Oder nur die Klavierlehrerin?
Der Mann jenseits des Atlantiks ist misstrauisch, kontrolliert
sie, trotz Hallo und Lächeln und Küsschen und «ich wollte nur
schnell mal». Oder hat sie zwei Gläser gefüllt, weil sie sich
so nach ihm sehnt?
Eine heutige Beziehung jedenfalls ist dargestellt, Mann und Frau,
Geschäft und Kultur, Alte und Neue Welt, auseinanderstrebende
Dinge, verbunden allein durch den Telefondraht.

…im Ameisenhaufen.
Die Welt ist klein geworden. Ein globales Dorf, wie eine Metapher
meint. Du dort, ich da. Was uns verbindet ist der Draht, die Glasfaser,
die Mikrowelle. Trost suche ich nicht mehr bei meinen Nächsten,
bei meinen Nachbarn und Angehörigen, sondern ich rufe schnell
an. Jeder ist sich selbst der Nächste geworden. Ansonsten greift
er zum Hörer und wählt. Deshalb der Drang, den Hörer stets in
Griffnähe zu haben, im Auto, im Zug, neben dem Bett.
Derweil zerfallen alle Strukturen, wir wissen es. Die traditionelle
Familie hat ausgedient, die Scheidungsziffern sprechen für sich.
Es lebe die offene Beziehung, wie sie die Zigarettenreklame suggeriert.
Die Europäische Familineministerkonferenz hat kürzlich festgestellt,
Familien seien «bedrohte Biotope».
Doch nicht nur die Familie ist out. Wir wohnen vor dem Fernsehschirm
dem Zerfall ganzer Staatsgebilde bei, dem Zusammenbruch von Gesellschaftssystemen,
Volkswirtschaften und Kulturen, ja selbst dem Bombardement jener
Städte, aus denen das Alphabet und die Zahl stammen. Selbst die
700jährige Schweiz ist nicht mehr, was sie war.
Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, noch mehr auf
der Flucht vor sich selber in den Urlaub und ins Weekend. Wir
machen physisch und geistig mobil. Die neue Völkerwanderung ist
im Gang. Die Menschheit sei auf dem Weg, die Spielräume ihrer
Humanität zu verlieren und zum Ameisenhaufen zu werden, schreibt
der amerikanische Philosoph Julius T. Fraser.

Das Netz…
Dem gegenüber steht die Idee der globalen Vernetzung. Wo immer
ich auch bin, ich habe mein Handyphone oder meinen Laptop bei
mir, ich bin erreichbar, bis an die Schwelle des Jenseits. Ein
italienischer Alpinist, der 1986 am K2 im Himalaya in eine vierzig
Meter tiefe Gletscherspalte stürzte, unterhielt sich via Funktelefon
mit seiner Frau im Basislager, bis er starb.
Es scheint mir, die Fäden der Kommunikation, die Kanäle und Leitungen
ersetzten immer mehr die lebendigen Beziehungen zwischen den Menschen.
Je mehr zerfällt, desto engmaschiger weben wir die technischen
Netze, die die Welt zusammenhalten sollen. Es herrscht der Glaube
vor, durch die totale Erreichbarkeit jedes Einzelnen zu jeder
Zeit an jedem Ort sei die Welt noch zu retten. Mit den Netzwerke,
die wir spinnen, wollen wir zusammenhalten, was zerbröckelt. Und
doch fallen immer mehr Menschen durchs Netz.

…zur Abschaffung des Abenteuers.
Einst zogen die Menschen aus, die Welt zu entdecken. Segelten
über alle Meere, trieben Elefanten über Gebirgspässe und Kamele
durch Wüsten, schwebten im Ballon zum Nordpol, kletterten auf
die höchsten Gipfel des Himalaya. Die Menschheit brach auf, stürzte
sich ins Abenteuer des Reisens. In achtzig Tagen um die Welt war
zur Zeit Jules Vernes noch Utopie. Die modernen Verkehrsmittel
boten schliesslich jedem, der es sich leisten konnte, die Möglichkeit,
in kürzester Zeit an jeden beliebigen Punkt der Erde zu gelangen.
Selbst den Südpol, die Grönland- oder Saharadurchquerung und den
Mount Everest können Sie sich heute im Reisebüro buchen.
Doch nicht genug, wir möchten nicht nur zu jeder Zeit überall
sein können, wo wir wollen, sondern möchten dort trotzdem rund
um die Uhr erreichbar bleiben. Es könnte ja sein, dass zuhause
gerade der Stammhalter auf die Welt gekommen ist, man müsste gratulieren.
(Die Geschichte stammt ebenfalls aus einem Inserat).
Der physischen Mobilität folgte also die Idee der totalen Erreichbarkeit
auf dem Fuss. Die Angst vor der Einsamkeit holt uns ein, noch
bevor wir aufgebrochen sind. Das Abenteuer wird somit in sein
Gegenteil verkehrt. Es soll keine Rolle mehr spielen, ob ich im
Nebenzimmer bin oder bei den Atipoden. Denn wenn ich will, bin
ich per Knopfdruck jederzeit überall.
Ein Bekannter durchquerte mit dem Range Rover Afrika, von Nord
nach Süd, mitten durch die Sahara, mit seiner Familie blieb er
ständig live verbunden über Funk. Papi erzählte seinen Kindern
im Zürcher Vorortwohnblock aus der fernen Oase Gutenachtgeschichten.
Heute wünscht Papi nicht mehr gute Nacht, obwohl er wieder in
Zürich wohnt, gleich nebenan. Die Ehe ist geschieden. Man hat
sich vor Gericht über Besuchsrechte gestritten.
Die globale Erreichbarkeit schafft, so meine ich, das Abenteuer
gleich wieder ab, das wir suchen, wenn wir auf Reisen gehen. Stellen
Sie sich vor, Kolumbus wäre auf seinen Amerikatrip ständig per
Funk erreichbar geblieben. Marco Polo hätte seine Entdeckungen
und Eroberungen täglich per Fax nach Venedig gemeldet. Johann
Wofgang Goethe wäre auf seinen italienischen Reisen von einem
Kamerateam der Tagesschau begleitet worden und hätte seine Empfindungen
stets live ins Micro gesprochen. So wie Reinhold Messner auf dem
Gipfel des Everest seine Gefühle auf Tonband spricht. Wenn Sie
sich das vorstellen, dann kommen Sie vielleicht zum Schluss, dass
es die Grossen der Geschichte nie gegeben hätte. Denn Ihre Leistungen
wären bedeutungslos geblieben. Sie waren ja stets erreichbar.

Vom Ende der Geschichte…
Wenn wir immer und überall erreichbar sind, was haben wir denn
einander noch mitzuteilen? Ich liebe Dich? Ich hasse Dich? Ich
rauche jetzt gerade eine so und so? Das Wetter ist schön hier,
das Essen gut, Max lässt grüssen, Firma XY hat bestellt.
Das Abenteuer ist passée, wir haben uns nichts mehr zu erzählen.
Es gibt keine Geschichten mehr. Historiker vertreten die Meinung,
dass mit zunehmender Informationsmenge, mit der Gleichzeitigkeit
von Ereignis und Information, die Geschichte überhaupt verschwindet.
Wie war das schon wieder mit dem Golfkrieg, den wir atemlos auf
dem CNN-Kanal verfolgten? Was wissen wir noch über die Ursachen,
die Hintergründe, die Folgen?
Der amerikanische Historiker und Autor Theodore Roszak hat den
Begriff von den «Sandstürmen der Information» geprägt, die unsern
Blick vernebeln und unsere Sinne abstumpfen.
Wenn wir uns also nichts mehr zu erzählen, nichts mehr mituzuteilen
haben, was von Belang ist, wird die globale Erreichbarkeit belanglos.
Um zu sagen, das Wetter ist schön, wir haben Spaghetti alla carbonara
gegessen und Coca Cola getrunken, brauche ich nicht nach Sidney
anzurufen.

…zum totalen Missverständnis.
In Franz Kafkas Roman «Das Schloss» spielt das Telefon eine wichtige
Rolle, Kafka lebte zur Zeit der «Telefonisierung» der Gesellschaft
anfangs dieses Jahrhunderts. Immer wieder ruft der Landvermesser
K. im Schloss an, wird verbunden, weiterverbunden, doch sein Ziel,
das Schloss zu betreten, und dort eine sinnvolle Aufgabe zu finden,
erreicht er nie. «Das Schloss» ist die Geschichte der totalen
Unerreichbarkeit. Man hat zwar Telefon, «man ist hier vorzüglich
eingerichtet», stellt K. fest. Man spricht miteinander, versteht
sich aber nicht. Jedes Wort verkommt zum Missverständnis.
Erreichbar sein heisst also nicht nur, physisch, elektronisch,
telefonisch, informationstheoretisch erreichbar. Die durchgeschaltete
Leitung genügt nicht. Zur totalen Erreichbarkeit würde auch das
totale Verstehen gehören. Was nützt der Draht, die Glasfaser,
die Mikrowelle, der Satellit, wenn die Sprache fehlt? Und nicht
nur die Sprache. Was helfen die technischen Mittel, wenn die gemeinsame
Kultur fehlt, auf deren Hintergrund Sprache erst zum verbindenden
Medium wird.
Dazu schreibt der Theodore Roszak in seinem Buch «Der Verlust
des Denkens»: «Dank des grossen Erfolges der Informationstheorie
leben wir in einer Zeit, in der Technologie menschlicher Kommunikation
mit atemberaubender Geschwindigkeit fortschreitet. Doch was die
Menschen mit Hilfe dieser Technologie einander zu sagen haben,
weist keine vergleichbare Entwicklung auf.»

Totale Unerreichbarkeit…
«Grüezi, bis Zopfis isch niemert diheim. Nachem Pfiiftoon chönd
si e Mitteilig ufs Band rede.» Wenn Sie mich anrufen, haben Sie
grosse Chance, diese Sätze zu hören. Immer öfter mache ich die
Erfahrung, dass Leute, die ich am Telefon sprechen möchte, ihren
Beantworter eingestellt haben, oder einfach rund um die Uhr abwesend
sind. Zum Verzweifeln bei journalistischer Arbeit. Im Geschäft
verweist die Sekretärin auf eine andere Nummer. Sie werden x-mal
umgeleitet. Oder versuchen Sie’s übers Natel. Nein, die private
Nummer darf sie nicht herausgeben. Herr X ist leider an einer
Sitzung. Er ist jetzt nicht erreichbar.
Die totale Erreichbarkeit scheint immer mehr in eine totale Unerreichbarkeit
umzuschlagen. Gerade, weil wir eigentlich immer erreichbar wären,
müssen wir uns vor der Erreichbarkeit schützen, Mauern auf- und
Filter einbauen. Wir wollen doch nicht andauernd gestört werden
vom Piepsen und Klingeln. Der Telefonbeantworter, der Fax, oder
«Voicemail», der elektronische Briefkasten für die persönliche
Stimme, sind perfekte Instrumente, sich zu schützen. Ich bin nicht
zu sprechen, Anfragen werden gespeichert, Aufträge nehme ich gern
entgegen. So kann ich mir meine Beziehungen auswählen wie Produkte
im Supermarkt. Dem rufe ich zurück, jenem nicht.
Die totale Erreichbarkeit wird uns auf die Dauer lästig und unerträglich.
Wir melden und ab aus dem globalen Netz, Stecker raus, durch die
Unerreichbarkeit werden wir wieder Mensch. «Wieviel Kommunikation
verträgt der Mensch», fragt selbst der Kommunikationskonzern Ascom
in einem schon fast selbstkritischen Inserat. Doch die bessere,
die positive Frage wäre etwa: «Wieviel Beziehung braucht der Mensch?»

…und Verweigerung.
Die totale Erreichbarkeit ist im Grunde eine biblische Vorstellung.
Jona, der Prophet, wollte dem Wort seines Herrn entfliehen, er
verweigerte den Gehorsam, flüchtete vor der Stimme Gottes, geriet
in einen Sturm, wurde vom Wal verschluckt, in Dunkelheit und höchster
Not rief er seinen Herrn wieder an, und sein Gebet wurde erhört.

Es war ein Privileg Gottes, die Menschen immer und überall zu
erreichen mit seinen Botschaften und Anordnungen, selbst im Bauch
eines Wals, tief im Meer. Das wäre nun nicht einmal mit einem
modernen Funkgerät zu schaffen. Manchmal habe ich das Gefühl,
wir massen uns eine Art göttlicher Macht an, wenn wir den Anspruch
erheben, jeden Menschen jederzeit und an jedem Ort der Welt erreichen
zu können, sei es im Gletscherspalt im Himalaya, in der Sahara
oder im Bauch eines Fischs. Totale Erreichbarkeit bedeutet Macht
über Menschen, wo immer sie sich auch aufhalten, wohin sie auch
flüchten. Jeder soll für mich jederzeit und überall erreichbar
sein, nur ich selber will wählen können, wann ich erreichbar sein
will und wann nicht.
Doch die Menschen haben sich diesem Zugriff stets auch entzogen,
mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, hin bis zur
totalen Verweigerung. Vor allem die Jugend ist Meister darin,
sie pflegt ihren eigenen Jargon, ihre Zeichensysteme, ihre eigenen
Sprachen, zieht sich in Szenen und Subkulturen zurück. Bleibt
unerreichbar, taub, selbst in der eigenen Familie.

Romeo und Julia im globalen Dorf
Werden Sie nun trotz allem zueinander finden, Romeo in Los Angeles
und Julia in Monte Carlo? Vielleicht ist es ein Trost, dass die
Grundprobleme menschlicher Kommunikation doch immer noch dieselben
geblieben sind, von Wiliam Shakespeare über Gottfried Keller bis
zum modernen Werbetext, von Liebesbrief bis zu Fax, Voicemail
und Videotex. «Communicare» heisst nicht nur «einander mitteilen»,
sondern auch «etwas gemeinsam machen». Das ist der Punkt. Die
Beziehung zwischen Menschen ist nicht durch Kanäle und Kabel ersetzbar.
Deshalb stelle ich mir vor, er sagt ihr in diesem Augenblick am
Telefon, dass er unterwegs ist zum Flughafen und gleich zu ihr
hinfliegen und immer bei ihr bleiben wird. Happy end? Sie dürfen
die Geschichte selber weiterdenken.