Der Computer im Computer im Computer
«Das Netz ist der Computer», heisst ein modernes Schlagwort.
Was es bedeuten kann, lässt sich am Thema Emulation auf dem Internet erfahren.
Doppelklick auf die Maustaste meines Macintosh, der Bildschirm
färbt sich blau. COMMODORE 64 BASIC V2, 64K RAM SYSTEM, 38911
BASIC BYTES FREE. READY. Der Cursor wird zum blinkenden Viereck
und erinnert mich an die gute alten Zeit, als sich die Familie
andächtig über die grobschlächtige Tastatur des ersten Homecomputers
beugte, ein Programm ab Tonbandkassette in den Speicher zog und
auf dem Bildschirm des Fernsehers in der guten Stube den Code
bestaunte. Aus nebelhafter Erinnerung steigt ein BASIC-Programm,
ich tippe ein paar Zeilen ein. RUN. Es läuft!
Im Netz statt im Shredder
Der Zauberklick, der mein Macintosh PowerBook urplötzlich alt
aussehen lässt, heisst Emulation. Das englische Verb «emulate»
bedeutet «nacheifern» in diesem Sinne eifert mein Mac einem
Commodore C64 nach, das Betriebssystem wechselt seine Oberfläche
wie ein Chamäleon. Es ist eine Maskerade, bei meinem Test ist
die Ähnlichkeit mit dem Original verblüffend. Selbst Schrift und
Farbe des Bildschirms, Tastatur- und Speicherbelegung entsprechen
exakt dem erfolgreichsten Homecomputer der achtziger Jahre, von
dessen 20 Millionen realen Exemplaren inzwischen wohl die meisten
im Shredder verschwunden sind. Doch nun ist der C64 in der Emulation
wieder auferstanden und das Herz des echten Computerfreaks beginnt
zu pochen. Selbst sogenannte Sprites lassen sich programmieren,
grafische Symbole, die bei Spielprogrammen auf dem Bildschirm
herumvagabundieren und Speicherplätze mit den berühmten PEEK-
und POKE-Befehlen direkt anwählen. Der C64 war nicht nur ein überaus
vielseitiger und bis zum letzten Bit transparenter Computer, sondern
das Herz einer eigentlichen Kulturszene mit Fachzeitschriften
und Clubs, in denen man bei Kaffee aus dem Becher und umwolkt
von Zigarettenrauch Tips und Trick, Utilities und Spielprogramme
austauschte. Dafür, dass die Pionierstimmung der frühen Heimcomputerzeit,
in der BASIC noch ins ROM jedes PC’s und ins Gehirn jedes Benutzers
gebrannt war, nicht ganz vom Winde verweht wird, dafür sorgt heute
Internet. Nebst Shareware-Emulatoren für alle gängigen Plattformen
lassen sich aus Bibliotheken hunderte von Programmen und Spielen
herunterladen und selbstverständlich auch der Orignialtext des
Benutzerhandbuchs aus dem Jahr 1982. Und das zum Spottpreis: zehn
Dollar kostet den ehrlichen Downloader aus dem Selbstbedienungsladen
des Internet die geniale C64-Emulation namens Frodo, deren Kern
der Student Christian Bauer von der Universität Mainz programmiert
hat. Nur die mitgelieferte Adresse für die Programmbibliothek
stellt sich taub, doch der gewiefte Internet-Surfer findet dank
Suchmaschinen genügend andere Quellen für die altbekannten Spiele
wie Pacman, Space-Invaders, Eliza und Schach. Und nebenbei noch
etwa zehn weitere C64-Emulationen. Wer Zeit hat, teste die beste.
Aus neu mach alt
Die Idee der Emulation ist alt. Als IBM im Jahr 1964 mit einem
Paukenschlag die Computerfamilie System/360 ankündigte, bot sie
für jedes der bisherigen Systeme die Möglichkeit der Emulation
an. Zu gross wäre das Risiko gewesen, mit dem radikalen Systemwechsel
Kunden zu verlieren oder ihnen den Umstieg schwer zu machen. Denn
dass die Hardware eigentlich «weich» ist und sich rasch ändert,
die Software dagegen «hart», weil in ihr die harten Investitionen
stecken, war schon in der Frühzeit bekannt. So gibt es auch auf
für Personalcomputer Emulationssoftware mit kommerziellem Charakter.
Der Macintosh verkleidet sich dank Virtual PC oder SoftWindows
als PC und ebnet damit der Mac-Gemeinde den Zugang zum Sesam der
DOS- und Windows-Software und den Weg in die Mac-lose Zukunft.
Umgekehrt kann, wer in die PC- und Windows-Fraktion gewechselt
hat, dank einem Programm namens Gemulator 98 seine alte Macintosh-
und Atari-Software noch ausfahren. Wer nicht wie ich noch aus
Nostalgie noch einen alten Macintosh Plus auf dem Estrich stehen
hat, kann sich die Emulation vMac hereinziehen und eine Träne
der Erinnerung an die gute alte Applezeit vergiessen.
Selbstverständlich ist eine Emulation stets mit einem Leistungsverlust
verbunden, denn das «Nacheifern» der Maschinenbefehle des Originalsystems
kostet die Emulatorsoftware in der Regel etwas Zeit. Eine hundertprozentige
Emulation gelingt ohnehin in keinem Fall, denn alle Unterschiede
in der Ein- und Ausgabe, der Bildschirmauflösung und -steuerung
können ohnehin nicht erfasst werden. Mein virtueller C64 versteht
zum Beispiel die exakten Befehle für das Laden eines Programms
ab Bandkassette aber natürlich hängt da keine dran, sondern
das Programm residiert in einem speziellen Code in einer normalen
Mac-Datei. Dass sich hier ein unermessliches Reich für Datenbastler
eröffnet, brauche ich nicht zu erwähnen. Bis das richtige Programm
aus der richtigen Bibliothek richtig dekomprimiert und geladen
ist und funktioniert, bis man man alle Tastenkombinationen herausgefunden
hat, kann es eine Weile dauern. Doch ist der Computer ja, wie
wir alle wissen, die Lösung und wir suchen dauernd nach neuen
Problemen.
Emulation total
Allein alle Emulationen zu testen, die heute im Internet lagern,
wäre bereits ein Lebenswerk. Denn von allen nur denkbaren historischen
Computern gibt es schon Dutzende von Versionen, programmiert von
Freaks wie etwa dem 17-jährigen Studenten Richard Bannister vom
St. Andrew’s College in Dublin, der damit sein karges Taschengeld
aufbessert. Die grösste Szene schart sich um den einst überaus
populären Sinclair ZX Spectrum immerhin gelang es mir, auf einer
netten Emulation ein dreidimensionales Schach in Gang zu setzen
samt virtuellem Joystick. Sowohl Sinclair wie Commodore sind in
der realen Welt längst Konkurs gegangen das Überleben ihrer
Schöpfungen bis zum Weltuntergang ist jedenfalls gesichert. Natürlich
fehlen in den Emulationssammlungen weder die legendären Apple
I, II und III noch der Acorn BBC, von dem ab 1981 in Zusammenhang
mit einer Fernsehserie der BBC zwei Millionen Stück abgesetzt
wurden. Selbst die Emulation des ersten programmierbaren Rechners
der Welt, Konrad Zuses Z3 aus dem Jahr 1941, wurde auf einer Website
angekündigt. Und dass man auf dem Mac auch eine VAX von Digital
in Gang setzen kann, habe ich mit Interesse vermerkt aber nicht
ausprobiert. Amigas und Ataris gibt’s zuhauf und CP/M, das erste
professionelle Betriebssystem für Microprozessoren von Digital
Research, ist wiederbelebt. Die Firma selber hat längst das Zeitliche
gesegnet, wie auch ihr genialer Gründer Gary Kildall.
Die Emulationsszene auf dem Netz widerlegt überzeugend eine These,
die Joseph Weizenbaum vor zwanzig Jahren formuliert hat, nämlich,
dass der Computer ein Instrument zur «Zerstörung der Geschichte»
sei. Zumindest ihr eigenes Museum hat sich die Informatiostechnologie
inzwischen einverleibt, nicht real, sonder virtuell oder eben:
emuliert. Die Zukunft eifert der Vergangenheit nach. Und vielleicht
wird die Zukunft Emulation total sein: Ein Netzwerkcomputer als
Plattform, auf der jede Software ablaufen kann, egal woher und
in welchem Code und aus welcher Zeit sie stammt.