Berg&Klettern

 

 

Dolomitenwoche mit der Sektion Zindelspitz SAC, 20. bis 27. Juli
2002:

Auf den Spuren der Scoiattoli

Die letzten Schritte durch eine steile Schuttrinne. Eben schallt
ein Jauchzer vom Grat herab. Sind wir oben? Es geht gegen acht
Uhr abends, die Wände der Tofana jenseits des Kars flammen im
letzten Licht. Nebelschwaden liebkosen Zacken und Zinnen. Dolomiten,
das sagenhafte Reich.
Nach zehn Stunden sind wir der senkrechten Welt entstiegen, umarmen
uns, küssen uns, kauen einen Getreidestängel oder ein Leckerli,
schlürfen den letzten Schluck Wasser. Unter uns versinkt der gewaltige
Pilastro der Tofana di Rozes in den Schatten der Nacht und der
Erinnerung. Ein Traum hat sich erfüllt.
Andere bemerken sachlich: Wochenziel der Dolomitenwoche der Sektion
Zindelspitz erreicht. Dabei ist erst Dienstagabend. Doch der Wetterfax
hatte einen strahlenden Tag versprochen, das Team ist stark, gut
eingeklettert, harmoniert wunderbar: drei Zweier-, eine Dreierseilschaft,
drei Frauen, sechs Männer zwischen Mitte Zwanzig und Ende fünfzig.

Sanduhrschlingen statt Muniringe

Ein mässig bewölkter Morgen war es, das Frühstück im Hotel Villa
Gaia in Cortina d’Ampezzo schweigsam, der Zustieg über Zackenwege
vom Rifugio Angelo Dibona kurz, aber schweisstreibend. Kalte Nebel
schlichen um die Wände, die sich über den Schutthalden und der
Seele auftürmten. Gut, konnte man nicht sehen, wohin das alles
führen sollte. Steiler, grauer Fels zuerst, dann gelbe, weit vorspringende
Dächer und dann … Eine fünfhundert Meter hohe Bastion aus Dolomit
baute sich auf über uns. Kalt war der Morgen, die versprochene
Sonne blieb aus. Wir sollten beten, hatte der Cameriere im Hotel
noch empfohlen, der aussah, wie ein pensionierter Bergführer.
Vielleicht stiegen während des Anseilens heimliche Stossgebete
zum Himmel.
Dann packte Tourenleiter Erich Rütsche an, wir folgten. Hie und
da ein Ruf: «Stein!», ein Krachen und Splittern, das in der tiefen
Schlucht links des Pfeilers widerhallte. Der Fels war griffig,
doch nicht immer fest. Haken? Da und dort ein uralter, rostiger
Stift, der vielleicht noch aus dem Jahr 1946 stammte, als Constantini
und Ghedina die Route über die linke Kante des grossen Pfeilers
erstmals geklettert hatten. Scoiattoli, Eichhörnchen vom legendären
Club der Dolomitenkletterer. Eine der grossen klassischen Dolomitentour
also. Gewöhnungsbedürftig für mit Bohrhaken und Muniringen verwöhnte
Sportkletterer. Stand an einem oder zwei krummen Haken, einer
kleinen Sanduhr, verstärkt mit einem Klemmkeil ist hier Standard.
Standard auch die Absicherung durch selbst gelegtes Material.
Das brauchte Zeit, Erfahrung, Geduld und Nerven. Am meisten in
der «Diedro Bianco», eine Verschneidung aus hellem, splittrigem
Fels, der Originalroute, die, wie spätere Recherchen vermuten
liessen, heute umgangen wird. Hier klippten wir sogar dankbar
das Seil in die ausgewaschene Schlinge eines vertrockneten Holzkeils.
Es war, als habe die Zeit einen Sprung gemacht, um vierzig Jahre
rückwärts. Die Älteren fühlten sich wieder jung wie damals, die
Jüngeren durften an der Technik der Pioniere schnuppern und ihre
Kühnheit bewundern. Einige schoben neben den Holzkeil einen Friend
in den Riss, sicher ist sicher.
Höher oben dann, die Schlüsselstellen, luftige Quergänge unter
gelben Dachüberhängen, kamen uns dann, dank einiger Haken, fast
leicht vor, obwohl schwerer bewertet. Eine senkrechte Verschneidung,
Rinnen, Zacken, Wandstufen. Die Fichten in der Tiefe und die Felsklötze
der Cinque Torri warfen inzwischen weite Schatten. Spät musste
es schon sein. Noch eine Wandstufe, Schuttbänder. Noch ein Aufschwung.
Jemand sah schon in der Taschenapotheke nach, ob er die Rettungsfolie
dabei habe für ein allfälliges Biwak. Doch dann der Jauchzer,
die letzte Rinne, der Grat. Wir haben es geschafft.

Hausberg der Eichhörnchen

Nein, nicht ganz. Der Abstieg ist noch lang, führt über exponierte
Schuttbänder, vorbei an Täfelchen, die an jene erinnern, die hier
ausgeglitten und ein paar hundert Meter in die Tiefe gestürzt
sind. Vorbei auch an all den alten Schützengräben, Stollen, Bunkern
und Strassen aus der Zeit des ersten Weltkriegs, als hier nicht
geklettert, sondern gekämpft und gestorben wurde.
Der Vollmond schiebt sich über einen schwarzgezackten Grat, als
wir das Rifugio Angelo Dibona erreichen, wo man für uns die Küche
nochmals anwirft und uns mit Minestrone, Polenta con Funghi und
Bier verwöhnt.
Dienstagabend der Dolomitenwoche, das grosse Ziel war erreicht,
doch niemand wollte die Hände in den Schoss legen. Denn Klettern
ist die unablässige Herausforderung, das Neue zu wagen. Schon
am nächsten Nachmittag klammerten sich alle wieder an Fingerlöcher
im Fels einer sportlichen Wand am Passo Giau. Und noch mancher
Klimmzug wartete, manches knifflige Sportkletterproblem oder auch
eine Genussroute wie die Südkante der Torre Piccola di Falzarego,
die an die «Namenlose» im Bockmattli erinnerte. Der letzte Tag
klang schliesslich aus, wo die Woche begonnen hatte: In den Cinque
Torri, dem Hausberg der «Scoiattoli», der Dolomiteneichhörnchen,
deren Spuren wir eine Woche lang gefolgt waren.