Informationsgesellschaft

Cyberia London: Dorfbeiz im Cyberspace

An der Bar hole ich mir einen Cappuccino und eine Stunde Computer.
Minuten später rollt das Bild eines heimeligen Holzhauses auf
den Bildschirm. «Meine Home Page», sage ich zu Richard, dem Cyberhost,
der mich betreut.
«Really?»
Yes, real ist es schon, mein Haus, aber tausend Kilometer weit
weg. Dann tippe ich einen Liebesbrief an meine Frau. Ein Mausklick,
und schon ist er dort. Heimat ist überall.

Als ich das Cyberia Café in Londons Soho das erste Mal betrat,
dachte ich: Na und? Ist das alles? Ein paar Computer, ein paar
runde Tische mit Gartenstühlen, eine Kaffeebar. Der Cappucciono
und die Pâtisserie waren gut, das gab schon einen Punkt. Auf dem
Tisch stand eine Vase mit Frühlingsblumen, zwei Punkt. Bedienung
freundlich, drei Punkt. Kurz und gut: Ich fühlte mich sofort wohl,
irgendwie geborgen in der grossen Stadt, ja fast ein bisschen
zuhause. Und das trifft wohl den Kern des Phänomens Cyberia. Das
«erste Internet Café der Welt», wie es sich unbescheiden nennt,
ist eine unerhörte Erfolgsgeschichte

Es begann mit Papierservietten

Aber fangen wir doch einmal vorne an, nein, nicht bei Adam, sondern
bei Eva und Gené. Zwei Frauen haben die Idee entwickelt; in einer
Glasvitrine im Café steht ihr Bild, eine Ikone fast. Eva Pascoe
und Gené Teare haben gemeinsam an der London University studiert,
wo Eva später Psychologie unterrichtete: «Weil ich eine Frau war
und nicht zur Computerclique gehörte, war es kaum möglich, eine
E-mail Adresse zu bekommen, geschweige denn Zugang zum Internet.»
Im Juni 1994 hatte Eva die Nase voll, in Genés Küche kritzelten
die Freundinnen die ersten Ideen auf Papierservietten. Sechs Wochen
später öffnete das Cyberia in einer Seitenstrasse von Londons
Computershopping-Promenade, der Tottenham Court Road, seine Pforten.
(Pforten ist leicht übertrieben: Die Tür klemmt meistens.) Cyberia
musste an einer Strassenecke liegen, forderte die gebürtige Polin
Eva, denn «Polen hat eine Kaffeekultur, und die Kaffeehäuser sind
meist an einer Ecke. Es hat mehr Licht und ist gemütlicher.» Die
Verknüpfung von Kaffeehaus mit Kommunikationstechnik ist die Grundlage.
Das Café von gestern, wo Dichter dichteten und Revolutionäre diskutierten,
ist aus der Asche auferstanden, zu neuem Leben erweckt mit der
Technologie von heute. Der Computer ersetzt die Zeitungen ­ leider
hängen keine realen mehr am Ständer, und das gibt einen Minuspunkt.
Das hauseigene «Cyberia Magazine» liegt zwar auf, aber die «Times»
würde man doch lieber am Tisch lesen, statt am Schirm.

Schafft ein, zwei, hundert Cyberias

Cyberia Cafés gibt es inzwischen in vier englischen Städten und
eines im Centre Pompidou in Paris. Tokyo eröffnet im März, Portugal,
New York und San Francisco noch in diesem Jahr, in London sind
zwei weitere geplant. Einige betreibt Cybercafé Limited selber,
die andern werden im Franchising vergeben. Aus den 50 000 Pfund,
mit denen die zwei Frauen starteten, sind in anderthalb Jahren
5 Millionen geworden, so hoch wird Wert des Unternehmens geschätzt.
Eine Finanzspritze der amerikanischen Braham Capital Corporation
gab zusätzlichen Schub. In der Geschäftsleitung sitzen drei Frauen
und drei Männer, einer davon ist Tom Brundage, ein ehemaliger
Direktor des Kommunikationsriesen CompuServe. Weltweit beschäftigt
Cybercafé Limited heute 120 Angestellte und setzt 1,2 Millionen
Pfund um.

Eva Pascoe hat inzwischen eine E-mail-Adresse, «Mail me» steht
auf ihrer Home-Page, aber auf eine Bitte um ein Interview kommt
keine Antwort. Die PR-Dame Caterine Svars entschuldigt: «Jetzt
jettet sie gerade nach New York und am Freitag nach Tokyo zur
Eröffnung, Sie verstehen.»
Ich verstehe. Die Zeit der Papierservietten ist vorbei. Caterine
kann mir exakt zehn Minuten ihrer kostbaren Zeit schenken. An
einem Internet-Seminar habe ich gelernt, dass sich das Netz dank
dem Konzept des WorldWideWeb von einem Technologie-Getriebenen
Spielzeug für Insider zu einem Marketing-Getriebenen Medium gewandelt
hat. Cyberia ist genau im richtigen Augenblick aufgesprungen.

So einfach, wie einen Cappuccino bestellen

Das erste Mal kam ich ins Cyberia, als ich in London einen eigenen
Internet-Anschluss brauchte, ich wurde gleich vier Treppen hinaufgeschickt
zu Easynet, dem hauseigenen Internet-Provider. Zehn Minuten später
hatte ich gebucht, am nächsten Tag lagen die Disketten im Briefkasten.
Der Einstieg in die neue Technologie soll so einfach sein, wie
einen Cappuccino bestellen, ist ein Grundsatz. Viele Leute sitzen
ins Café, trinken etwas und schauen den Könnern über die Schulter.
Vielleicht buchen sie irgendwann eine Stunde zu 5 Pfund, lassen
sich vom Cyberhost die Bedienung erklären, oder sie besuchen einen
Kurs. Cyberia soll «eine Schnittstelle zwischen Arbeit und Heim
sein», sagt Eva, also ein Ort, wo man Freizeit verbringt, Leute
trifft, Neues erfährt, den Umgang mit der neuen Technologie lernt.
«Die Leute nehmen mehr Information auf, wenn sie Spass und Unterhaltung
haben», sagt die Psychologin, die sich auf die Interaktion Mensch-Computer
spezialisiert hat. Was man nicht wolle, sei ein «Technik-Clubraum»,
obwohl viel Technik herumsteht und Kabelstränge an den Wänden
hängen. Cybercafés sollten, nach Meinung von Eva, von Frauen organisiert
werden. «Frauen sind sozialere Wesen.»

Die Zehnjährige, die eben mit ihrem Vater durch die Netzwelt surft,
hilft jedenfalls mit, den Frauenanteil im Cyberia aufzubessern,
der noch unter 50 Prozent liegt. Rund um einen Tisch in der Mitte
des Café sitzen fünf Männer und drei Frauen und blättern eifrig
in Unterlagen, eine Frau referiert. Ein Einführungskurs ist im
Gang, an der Tür bittet ein Schild um Ruhe. Der ständige Technosound,
ein Minuspunkt, ist ausgeschaltet. Zum praktischen Training steigt
die Gruppe in einen Kursraum im Keller, «TransCyberia», ein eher
düsterer «Technik-Clubraum». Jeden Freitagabend treffen sich hier
ein paar Freaks zu Ballerspielen, ansonsten sind Computerspiele
geächtet.

«Warum kommen die Leute ins Cyberia?» frage ich Caterine.
«Weil sie ein gemeisames Interesse haben. Das unterscheidet uns
von Mac Donalds.» Eine grosse Gruppe bilden Studenten, vor allem
aus den USA, die über Internet auf ihren Universitätscomputern
arbeiten. Dann gibt es die E-mailer. Wer sich keinen Computer
leisten kann, kann sich im Cyberia eine private Mailbox einrichten.
«Wieviele sind das?»
Caterine zuckt die Schultern. Keine Ahnung, man hat nie gezählt.
Eine weitere Gruppe sind die «Newbies», die den Einstieg suchen.
«Manchmal sitzen sie zwei Wochen nur da, bis sie sich an einen
Bildschirm trauen.» Oft treffen sich Geschäftsleute zum «Business
lunch» und zeigen sich gegenseitig ihre Angebote auf dem Netz.
Grafiker und Künstler machen im Café ihre Präsentationen, neben
der Bar steht ein Grossbildschirm.

Cyberia global und total

Natürlich ist die Idee des Internet-Cafés längst kopiert, allein
in England gibt es bereits sechzig Lokale. Doch Cyberia möchte
etwas besonderes bleiben, Ziel ist «in jeder wichtigen Stadt der
Welt ein Cyberia.»
«Auch in Zürich? Dort gibt es doch schon mehrere Internet-Cafés.»
«I hope so», sagt Caterine.
Die Marke Cyberia wird nicht nur im Cyberspace vermarktet, sondern
auch auf T-shirts, Pullovern, Taschen und Kappen, entworfen vom
Designer Sebastian Conran. Nicht nur ich habe Punkte gezählt,
sondern auch die Jury von British Telecom und Sunday Times, welche
Eva und Gené den Grossen Preis 1995 «Towards the Superhighway»
verliehen hat.

Am Abend sitzen junge Paare vor den Bildschirmen, schon zum Ausgang
getrimmt, surfen sie noch ein wenig durch unterhaltende Seiten
des Internet, zwei studieren das Angebot einer Videothek. Da und
dort Lachen, gedämpftes Licht, gedämpfte Musik. Selbst für einsame
Herzen sorgt Cyberia, auf der Home-Page des Cafés gibt es einen
Kontaktanzeiger.

In einer dunklen Ecke verdrückt Cyberhost Richard Anson ein Sandwich,
er ist nudelfertig nach einem langen Tag. «Cyberstress», sagt
er und lächelt müde. Cyberhost ist ein neuer Beruf, Kellner und
Computerberater zugleich. In einer Schicht arbeiten stets ein
Mann und eine Frau zusammen.
«Gefällt Dir der Job?»
«Es gibt schlechtere», sagt der studierte Politologe. Das Eingehen
auf die ständig wechselnden Leuten empfindet er als aufreibend.
Mit 6 Pfund in der Stunde verdient er etwa so viel wie ein Handwerker
auf dem Bau. Und dann lässt er Sandwich und Kaffee stehen und
rettet einen abgestürzten Computer, obwohl er längst Feierabend
hat.
Ich bestelle den letzten von unzähligen Cappuccini. Cyberia ist
die Beiz im Globalen Dorf, es deckt nicht nur eine Marktlücke,
sondern einen Mangel im Gefühlsleben der Computergeneraton. Es
macht die Einsamkeit im Cyberspace erträglicher.

Emil Zopfi


Cyberia, 39 Withfield street, London W1P 5RE
Tel ++171 209 0982 Fax ++171 209 0984
e-mail cyberia@easynet.co.uk
web http://www.cyberiacafe.net/