Die Stadt der 1 und 0
Aus dem SJW-Heft «Verrückte Zahlen»
Schweizer Jugenschriftenwerk, 1994
Die 2 stieg einmal in einen falschen Zug und kam nach einer langen
Fahrt in eine fremde Stadt. Zuerst fiel ihr nichts Besonderes
auf. Zahlen eilten geschäftig durch die Bahnhofstrasse hinauf
und hinab, betrachteten die Schaufenster, machten Einkäufe, sassen
in den Cafés oder warteten auf den Bus. Die 2 schritt die Strasse
entlang und dachte bei sich: Etwas ist hier anders als bei uns.
Aber was? Die Zahlen kamen ihr geschäftiger und eiliger vor, die
Häuser höher, die Strassen breiter und die Busse fuhren schneller.
Plötzlich wusste sie, was ihr so eigenartig vorkam. «Hier gibt
es ja nur 1 und 0!» rief sie aus. «Wo sind denn all die andern
Zahlen?»
«Wie bitte?» fragte eine 1, die gerade des Wegs kam, im dunklen
Mantel, mit Hut und Aktenköfferchen.
«Ich frage mich, was das für eine komische Stadt ist, wo es nur
die Zahlen 0 und 1 gibt», sagte die 2. Die 1 schüttelte den Kopf
und schnaubte hochnäsig: «Zahlen? Was ist das? Hier gibt es nur
Daten.» Dann schritt sie hastig weiter.
«Daten?», rief ihr die 2 nach, «ich verstehe nur Bahnhof.» Bei
der nächsten Bushaltestelle fragte sie die Dame, die zuhinterst
in der Warteschlange stand: «Entschuldigen Sie, können Sie mir
sagen, wohin dieser Bus fährt?» Die Dame, eine stattliche 0, sah
die 2 an, als sei sie ein Wesen von einem andern Stern, und sagte
dann: «Das ist die Linie vom Steuerwerk zum Rechenwerk und dann
weiter bis zum Arbeitsspeicher. Haben Sie ein Billett?»
«Wie bitte?» Die 2 hatte wieder nichts verstanden. «Steuerwerk,
Rechenwerk, Arbeitsspeicher… was bedeutet das. Sind das Fabriken?
Oder Schulen? Oder Einkaufzentren?»
«Wo müssen Sie denn hin?» fragte die Dame.
«Ich habe einen falschen Zug bestiegen und mich in diese seltsame
Stadt mit lauter 0 und 1 verirrt,» erklärte die 2. «Ich möchte
wieder nach Hause. Aber ich habe kein Geld bei mir für ein Bahnbillett
oder den Bus.»
«Gehen sie noch ein Stück auf der Bahnhofstrasse weiter, dann
kommen Sie zu einer Datenbank. Vielleicht kann man Ihnen dort
weiterhelfen», sagte die Dame. Der Bus hielt an, sie drängte sich
mit den andern 0 und 1 hinein und fuhr weg.
Die 2 fand die Datenbank und stellte sich in die Warteschlange
vor einen der Schalter. Hinter ihr wartete eine 1, die eine karierte
Schirmmütze trug und eine grüne Lodenjacke. Plötzlich stiess sie
die 2 in den Rücken: «Mach Platz, du verbogener Haken! Was suchst
du überhaupt hier?»
«Ich habe mich in diese Stadt verirrt und…» begann die 2 schüchtern
zu erklären.
«Das sagen sie immer, die Fremden», rief die 1 laut. «Alle behaupten,
sie hätten sich verirrt. Und dann stellen sie sich hier an und
wollen Geld von uns.»
Jetzt drehten sich ein paar 0 und 1 in der Warteschlange um und
schauten die 2 mit feindseligen Blicken an. Doch eine junge 0,
die Jeans trug und ein farbiges T-shirt, sagte: «Geben Sie doch
Ruhe, Mann. Die Fremde hat ihnen doch nichts zuleide getan. Es
ist bestimmt nur eine Touristin auf Datenreise.»
«Sie ist hinter unserem Geld her, für das wir Tag und Nacht arbeiten
in den Rechenwerken und den Steuerwerken, im Arbeitsspeicher,
in der Dateneingabe und der Datenausgabe. Aber davon hast du ja
gar keine Ahnung, du junger Bengel!» Sie stritten sich immer heftiger,
und es kam zu einer Schlägerei. Die 0 und die 1 droschen aufeinander
los, andere mischten sich ein, schrien durcheinander, und auch
die 2 bekam ein paar saftige Hiebe ab. Eine Alarmpfeife ertönte,
Warnlampen blinkten, mit Blaulicht und heulenden Sirenen fuhren
Autos vom Datenschutz vor, und Datenschutzmänner in blauen Uniformen
schafften wieder Ordnung. Die Steithähne wurden verhaftet, die
Verletzten, darunter die 2, vom Notfallwagen ins Spital gefahren.
Dort verabreichte ihr die Schwester, eine jungen 1, eine Spritze.
«Das ist Vorschrift», sagte sie. «Alle Fremden müssen geimpft
werden. Es gibt hier nämlich gefährliche Viren.»
«Ich bin gar keine Fremde», sagte die 2. «Ich bin eine Zahl wie
Sie.»
«Eine Zahl? Ich verstehe leider Ihre Sprache nicht ganz», sagte
die Schwester sanft. «Aber warten Sie, der Herr Professor wird
gleich kommen. Ziehen Sie sich bitte aus und legen Sie sich hier
auf den Schragen.»
Die 2 gehorchte. Sie sehnte sich nach ihren Freunden, der 3, der
4, der 5, der 6, nach all den Zahlen, mit denen sie sonst friedlich
zusammenlebte. Wo sie zuhause war, gab es auch 1 und 0, doch auch
die waren nicht so nervös und lieblos wie in dieser Stadt. Wie
komme ich nur wieder nach Hause? fragte sie sich. Vielleicht durch
die sogenannte Datenausgabe, von der die 1 mit der Schirmmütze
gesprochen hatte?
Jetzt betrat der Professor, eine beleibte 0, das Untersuchungszimmer,
begleitet von mehreren Assistenten in weissen Schürzen.
«Diese 0 wurde übel zugerichtet», sagte der Professor, nachdem
er die 2 untersucht hatte. «Mehrere Knochenbrüche vermute ich.
Sie muss sofort eingegipst werden.»
«Ich bin keine 0, ich bin eine 2», wandte die 2 mit schwacher
Stimme ein, doch der Professor hörte gar nicht auf sie.
«Herr Professor», sagte ein Assistent. «Ich vermute eher, dass
es sich bei dem Fall um eine 1 handelt. Sehen Sie den Knick hier.
Eine 0 könnte niemals einen solchen Knick haben, auch wenn sie
noch so misshandelt worden ist. Ich tippe eher auf eine 1 mit
einer von Geburt stark verkrümmten Wirbelsäule.»
So diskutierten die Ärzte, und die 2 bekam immer mehr Angst. Der
Professor ordnete an, dass sie durchleuchtet werden müsse. Dann
verliess er den Raum und die Assistenten folgten ihm.
«Kommen Sie mit, ich bringe Sie in die Röntgenabteilung», sagte
die Schwester. Doch die 2 hielt sie zurück: «Glauben Sie mir,
ich bin nicht krank», sagte sie. «Ich war nur etwas schwindlig
von den Schlägen, die ich abbekommen habe. Aber jetzt bin ich
wieder klar im Kopf.»
«Was sind Sie denn? Ich habe noch nie jemanden gesehen, der aussah
wie Sie.»
«Ich bin eine ganz gewöhnliche Zahl, eine 2. Dort wo ich herkomme,
gibt es noch viele wie ich, es gibt aber auch 3, 4, 5, 6, 7, 8
und 9. Und es gibt auch 0 und 1 wie hier.»
«Interessant», sagte die Schwester. «Von Zahlen habe ich noch
nie gehört. Vielleicht kann Ihnen mein Mann weiterhelfen.»
Und so kam es, dass die 2, mit einem Arztmantel verkleidet, mit
der Schwester einen Bus bestieg. Der Bus fuhr sehr schnell, an
allen Haltestellen stiegen 0 und 1 ein und aus, vor allem bei
den riesigen, fabrikähnlichen Gebäuden der Steuerwerke, der Rechenwerke
und des Arbeitsspeichers. Ein Strom von Autos und Bussen staute
sich auf der breiten Strasse. Alle waren mit 1 und 0 vollgestopft.
«Diese Strasse führt zur Datenausgabe», erklärte die 1 leise.
«Dort möchte ich hin», flüsterte die 2. «Dann könnte ich vielleicht
aus dieser Stadt entkommen.»
«Der Datenschutz kontrolliert genau, wer die Datenausgabe benützt.
Man würde sie nicht durchlassen, sondern verhaften und ins Gefängnis
stecken.»
Sie kamen in einen ruhigen Vorort, der Bus hielt zwischen grossen
Wohnblocks an, sie stiegen aus. «Das sind Disketten», erklärte
die 1. «So nennen wir unsere Häuser.» Sie bestiegen einen Lift.
«Wir wohnen im Stock 101.» Sie drückte auf den Knopf, aber der
Lift fuhr nur fünf Stockwerke hoch.
Jetzt verstand die 2 die Welt überhaupt nicht mehr. Der Mann der
Krankenschwester, eine 0, erklärte ihr beim Nachtessen, dass nach
dem Erdgeschoss 0 das Stockwerk 1 komme, dann das Stockwerk 10,
dann das Stockwerk 11, dann das Stockwerk 100 und schliesslich
das Stockwerk 101.
Allmählich begann die 2 zu begreifen: «Hier kommt nach der 1 offenbar
10, 1+1 gibt also 10, da ihr die 2 nicht kennt. Die 3 ist also
11, die 4 ist für euch 100, und zur 5 sagt ihr 101.»
«Das ist wohl so», sagte der Mann. «Bei euch gibt es also Zahlen
bis 9, und dann? Wie geht es dann weiter?»
«Nach 9 kommt bei uns 10.»
«Wenn wir 10 sagen, verstehen wir darunter etwas, das bei euch
einer 2 entsprechen würde», sagte der Mann.
«Ich nehme es an.»
«Dann müssten Sie sich also in eine 10 nach unserer Art verwandeln,
könnten den Bus zur Datenausgabe besteigen und würden als 2 bei
Ihnen zuhause ankommen.»
«Vielleicht wäre das meine Rettung», sagte die 2 und schöpfte
wieder Mut.
«Es ist ein Experiment», sagte der Mann. Die 2 musste sich mit
den Füssen voran auf den Rücken legen, dass die Spitze nach oben
schaute und die Rundung hinten auf dem Boden schleifte. Die 0
und die 1 liehen ihr Kleider, damit die 2 einer 10 zum Verwechseln
ähnlich sah. Sie begleiteten sie zum Bus und bezahlten ihr das
Billett.
Der Trick funktionierte. Die 2 konnte als 10 verkleidet die verschiedenen
Kontrollen passieren, die zur Datenausgabe führten. Sie musste
sich zum Schluss in eine lange Warteschlange einreihen, bis sie
schliesslich einen Zug besteigen und in die Welt zurückkehren
konnte, in der sie wieder eine 2 war, eine ganz gewöhnliche Zahl
unter allen andern. Das Leben war wieder ruhig und gemütlich wie
früher, und 1+ 1 waren wieder 2.
Die 2 heiratete, bekam Kinder und viele Enkel. Oft erzählte sie
ihnen die Geschichte, wie sie sich in die hektische Stadt der
0 und 1 verirrt hatte.
«Wie hiess denn die Stadt?» fragte einmal der jüngste Enkel, eine
vorwitzige 1.
Die 2 dachte lange nach, aber sie erinnerte sich nicht an den
Namen.
Da lachte der Kleine und sagte: «Sie heisst Computer, nicht wahr?
Dort gibt es nämlich nur 0 und 1. Das haben wir in der Schule
gelernt.»