Computerkolumne


Clintons Dämon

Das globale Dorf hat sich meiner erbarmt. Aus Kyoto, Hongkong,
New York, Leicester, Frankfurt, aus Birmensdorf, Frauenfeld und
sogar aus Pully, jenseits des Röstigrabens, schwebten die Antworten
schwerelos in meinen Briefkasten und spendeten Trost. Nur Bill
Clinton schwieg. Bis zu jenem Abend, die Sonne stand rot über
dem Horizont, in den Gartenbeizen klangen die Gläser. Ich sass
am Schirm und beantwortete E-mail.
Erinnern Sie sich an meine letzte Kolumne? Ich hatte meine Adresse
veröffentlicht und versprochen, jedermann und jederfrau zu antworten,
im Gegensatz zu Bill Clinton, der selbst auf allerdrängendste
Grundfragen der Menschheit nur seinen Autoresponder einen netten
Standardbrief verschicken lässt. Die Geister, die ich gerufen
hatte, waren allesamt mitfühlend und interessiert, obwohl ein
New Yorker Bürger schrieb: «Ich finde die Leute auf dem Internet
nicht freundlicher oder demokratischer als im realen Leben.» Doch
als standfester Demokrat, der er sei, wolle er mir antworten,
wenn schon sein Präsident keine Zeit finde. Vielleicht sind Netzsurfer
halt doch etwas bessere Menschen. Jedenfalls bekam ich viel Zuwendung
übers Netz, fast mehr als im realen Leben. Und eine Erfahrung,
die E-mailer öfters machen, hat sich wieder einmal bestätigt So
bald man etwas Lärm macht, ist der elektronische Briefkasten voll.

Schon vor Jahren, als ich an dieser Stelle meine X-400-Adresse
veröffentlicht hatte, rauschte ein dickes Bündel Lob und Kritik
ins fiktive Fach. Vor Jahresfrist eröffnete ich auf einem Hochschulnetz
probeweise eine Adresse und erlaubte mir dann in dieser Spalte
eine kritische Bemerkung zum Sprachgebrauch daselbst. Wüsteste
Beschimpfungen prasselten postwendend und mit Lichtgeschwindigkeit
in meinen Kasten. (Bitte verschont mich diesmal!) In der Netzwelt
ticken die Wörter locker in die Tasten und die Antworten kommen
fast immer über Nacht, während im Leben draussen selbst handgeschriebenes
Herzblut auf handgeschöpftem Papier auf den Schreibtischen der
Empfänger und Empfängerinnen vertrocknet.
Bloss Bill Clinton hockte auf seinen 450 000 elektronischen Briefen
und schwieg. Bis zu jenem lauschigen Sommerabend, den ich vor
dem Bildschirm verbrachte, um die gerufenen Geister zu meistern.
Da traute ich meinen Augen nicht mehr. president@whitehouse.gov
hatte sich gemeldet.
Hi Emil.
Ich freute mich über Deinen Brief. Er war grossartig! Nächstes
Wochenende werde ich ihn beantworten.
Grüsse. Bill.
Nun bin ich ja im Grunde ein misstrauischer Mensch, der oft nicht
einmal glaubt, was er sieht, schon gar nicht auf dem Bildschirm.
Doch hier stimmte einfach alles. Der Absender, den die E-mail-Software
automatisch mitliefert, konnte doch wohl nicht getürkt sein. Oder
doch? Hacker im Internet? Ein freundlicher Bekennerbrief klärte
mich wenig später über den Scherz auf, der in Büchern nachzulesen
sei und bloss etwas UNIX-Kenntnisse bedinge. Im Innern des Systems
gebe es eine Kommunikationsroutine mit dem witzigen Namen «Daemon»;
mit Hilfe dieses Dämons habe der anonyme Absender die Antwort
von Bill simuliert. Fake-mail heisst der Fachbegriff, der Brief
mit falschem Absender, den die Papierpost natürlich schon längst
kennt.
Spass beiseite: Bereits soll es Dienste auf dem Netz geben, die
routinemässig die Absender elektronischer Post manipulieren, damit
Sekten, Rechtsextreme und andere obskuren Institutionen Propagandamaterial
und Drohbriefe anonym verbreiten können. Soll man deshalb in den
Chor der Saubermänner einstimmen, die nach Zensur und Kontrolle
rufen mit der Behauptung, übers Netz laufe ohnehin fast nur Nonsens
oder Pornografie?
Mein E-mail-Freund aus New York hat wohl recht, wenn er meint,
je mehr Leute sich auf Internet tummeln, desto mehr gleiche es
der realen Welt. Und wie die ist, wissen wir ja. In zehn Jahren
würde ich meine Adresse nicht mehr veröffentlichen, hat er mir
prophezeit.