Computerkolumne

Post für Bill

Zugegeben, etwas Herzflattern hatte ich schon, als ich den Brief
tippte. Nur schon die Anrede. «Hi Bill», wie in der Szene üblich?
Oder doch eher «Dear Mr. Clinton»? Ich entschied mich für letztere.
Und schrieb, mein Englisch mit Hilfe des Wörterbuchs und ein paar
Zitaten zu strahlendem Glanz polierend, ein paar Zeilen nur, die
aber den Kern der Sache treffen sollten. Stolz war ich, als ich
auf den Knopf klickte: Ab die elektronische Post!
Ich bin Internet-Surfer geworden, stehe per Knopfdruck mit jenen
40 Millionen Erdenbürgern in Verbindung, die nach spekulativen
Hochrechungen im Netz der Netz zappeln. Mit allen, deren Adresse
ich kenne, kann ich kommunizieren, elektronisch Freundschaft schliessen,
wichtige Informationen austauschen oder auch nur über Gott und
das Wetter plaudern.

Die Adresse von Bill Clinton stand in der Zeitung: president@whitehouse.gov.
In dem Artikel stand auch, dass der Präsident täglich hunderte
von Briefen persönlich beantworte. Die Gelegenheit, als ohnmächtiger
Bürger eines winzigen Landes dem Leader der mächtigsten Nation
eine Frage zu stellen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Wenn
er antwortet, dachte ich, ist Internet wirklich ein Meilenstein
in der Entwicklung der Weltgesellschaft. Und genau diese Frage
stellte ich Bill. Glauben Sie, Mr. President, fragte ich, dass
Internet hilft, den Menschen mehr Demokratie und Freiheit zu bringen,
und zwar weltweit und umfassend und nicht bloss den Reichen, die
sich einen PC, einen Telefonanschluss und ein Modem leisten können?
Kann das Netz eine Welt zusammenhalten, die offensichtlich aus
den Fugen fällt?

Die Antwort rauschte mit elektronischer Geschwindigkeit in meinen
Speicher, sie kam nicht von Bill, sondern vom Automaten autoresponder@WhiteHouse.gov.
Gross war der Frust, wieder einmal war eine Illusion am Boden
zerstört. Der Präsident, stand in dem Schreiben, habe seit Juni
1993 über 470000 Briefe von Leuten aus den USA und dem Rest der
Welt erhalten. Er könne nun wirklich nicht alle selber lesen.
Mit dem Kopf musste ich das akzeptieren. Im Bauch jedoch kratzte
die Enttäuschung. Das Netz, das angeblich Menschen zusammenbringt,
hatte mir nichts als einen Standardbrief als Antwort geliefert.
Der klang nun aber sehr freundlich, das muss ich zugeben. Meine
Sorgen, Ideen und Vorschläge würden vom Stab des Weissen Hauses
sorgfältig geprüft, eine repräsentative Auswahl dem Präsidenten
wöchentlich vorgelegt. Schon keimte neue Hoffnung. Vielleicht
habe ich wirklich so genial formuliert, dass meine Botschaft durch
alle Filter bis auf seinen Tisch dringt. Meine Teilnahme am historischen
Projekt sei sehr wichtig, wurde ich psychisch weiter aufgebaut.
Hillary übrigens habe keinen elektronischen Briefkasten, sie könne
ich mit regulärer Post erreichen: Weisses Haus, Washington, D.C. 20500.
Vielleicht würde mir auch das «Interaktive Bürgerhandbuch» auf
dem WorldWideWeb dienen, ferner seien alle Kongressvorlagen und
Publikationen des Weissen Hauses abrufbar via elektronische Post.
Ebenso sogenannte FAQ, Frequently asked Questions. Vielleicht,
so dämmerte mir, können Staat und Verwaltung dank des Netzes doch
etwas transparenter werden, oder zumindest servicefreundlicher.
Jedenfalls ist es angenehmer, sich zuhause am Schirm informieren
zu können, als an Schaltern oder telefonisch in Amtsstuben.

Es muss ja nicht immer Bill persönlich sein. Mit der Kindergärtnerin
Sarah Hull aus Austin, Texas, pflege ich jedenfalls angeregte
Konversation, seit ich beim Surfen im Cyberspace die Dinosaurier
entdeckt habe, die sie mit ihrer Klasse am Computer zeichnet.
Sarah hat eine eigene Home-Page eingerichtet, das habe ich ihr
sofort nachgemacht. Sie finden mich unter: http://www.zopfi.ch.
Oder schreiben Sie mir direkt auf ezopfi@access.ch. Ich werde
bestimmt antworten, ich bekomme nicht so viel Post wie Bill Clinton.

Emil Zopfi

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