Berg&Klettern

City of Rocks: Das Kletterparadies im Wilden Westen

Die stille Stadt der Felsen

Wenn sich Kletterer das Paradies wünschen könnten, dann sähe es
vielleicht aus wie die «City of Rocks» im Süden des US-Bundesstaates
Idaho: Bizarr geformte Felstürme aus griffigem Granit in einer
einsamen, wilden Landschaft.

Eine halbe Unendlichkeit sind wir durch ödes Land, durch Prärie
und Wüste gefahren, jetzt sitzen wir in Judys Café im Mormonenstädtchen
Oakley im Hügelland im Süden von Idaho, sozusagen am Ende der
Welt. Ein Alter, der am Tresen hockt, schwatzt uns die Ohren voll,
die Judy habe ihm den letzten «Quarter» abgeknöpft, wir sollten
uns in acht nehmen. Dann deutet er mit dem Daumen in den düsteren
Hintergrund des Lokals. «Die Fremden», sagt er, «suchen doch immer
das Klo.» Am Tisch hinter uns sitzen drei Männer mit Cowboyhüten
und starren stumm ins Bier. Judy, schwarzhaarig und faltig, zwinkert
uns zu. Wir sind im Wilden Westen angekommen.
Von Oakley steigt eine ruppige Piste bis auf auf 2000 Meter Höhe,
der Wagen schlingert, im Strassengraben hacken Adler und Elstern
ihre Schnäbel in einen toten Elch. Nach dreissig Kilometern staubiger
Fahrt ragen die ersten Felstürme aus der trockenen Steppe, in
der ein paar Rinder grasen. Nach einem Pass öffnet sich ein wahrer
Skulpturengarten: Steinflammen, Drachen, gewaltige Schädel, Haifischflossen,
Indianderköpfe, Eidechsen, Elefanten und hundert weitere Granitgebilde
stehen stumm in der blauen Dämmerung. Im Osten steigt der Vollmond
über Hügel und Felder, in einer Schlucht wimmert ein Koyote. Auf
Zeltplätzen neben der Strasse flackert da und dort ein Feuer,
Pfannen klappern, vereinzelt sind Stimmen zu hören. Doch bald
senkt sich Stille über das Land, Mond und Sterne sind das einzige
Licht und das Zirpen von tausend Grillen das einzige Geräusch.

Das Eldorado heisst Granit

«Silent City of Rocks» nannten die Siedler das Felsenland, an
dessen Fuss sie auf dem grossen Treck zu den Goldfeldern im Westen
campierten, ab 1843 durchquerte der «Californian Trail» die stille
Stadt der Felsen. «Camp Rock» heisst der erste Felsblock am Weg,
der höhlenartigen Unterschlupf bot. An seine Wände haben die Emigranten
ihre Namen mit Karrensalbe geschrieben, auch ein John Galliker,
der vielleicht aus der Schweiz stammte. In den tiefen Schluchten
zwischen den Felstürmen versteckten sich Shoshone- und Bannock-Indianer,
sammelten Piniennüsse und warteten auf die Gelegenheit, an den
Fremden Rache zu nehmen, die ihre Jagdgründe störten. In Almo,
dem Dorf, an dem die Naturstrasse wieder in die Zivilisation mündet,
erinnert eine Gedenktafel an ein Massaker mit 300 Opfern, Historiker
verweisen das blutige Ereignis jedoch in den Bereich der Legenden.

Heute sind die Fremden aus der Alten Welt willkommen, sie lassen
keine Namen mehr zurück am Fels, sondern höchstens ein paar Tupfer
Magnesia. In «Tracys General Store» in Almo kaufen sie ein, trinken
dünnen Kaffee, duschen und füllen die Wasserkanister. Auf dem
Ladentisch liegen Kletterführer und Magnesiawürfel, das restliche
Inventar scheint noch der Pionierzeit um 1890 zu stammen, als
sich in der Gegend die ersten Farmer sesshaft machten.
Zwischen Almo und Oakley spannt sich das Universum der Kletterer,
von nichts gestört ausser dem Staub, der von der Strasse aufwirbelt
und manchmal in den Augen brennt. Das Glück, das die Abenteurer
hier suchen, heisst nicht mehr Gold, sondern Granit. Jung und
weich ist der Stein, der hier in unzähligen Schloten durch die
Erdkruste brach und zu einem Gebirge «en miniature» erstarrte.
Wenn auch die Wände der fünfzig bis hundert Meter hohen Zacken
und Zinnen noch so abweisend aussehen, die starke Erosion hat
genügend Griffe und Tritte geformt, ebenso bizarr wie die Felsen
selbst, und meist exakt am der richtigen Stelle. Das Regenwasser
löste Mineralien aus dem Gestein, lagerte sie tiefer unten wieder
ab und überzog die Wände stellenweise mit einer harten braune
Patina. Daneben frass die Erosion immer tiefere Löcher und Rillen,
grosse und kleine Spitzen, sogenannte «Chickenheads», blieben
stehen. Sie machen die Felsen oft so griffig, dass man meinen
könnte, Klettern sei hier im Schöpfungsplan vorgesehen.

Respekt vor Natur und Kultur

An Wochenenden kommt Leben in die stille Stadt, Familien aus den
umliegenden Staaten Utah, Idaho und Nevada fahren mit Allrad,
Zelt und Kühlbox ein. Blonde Kinder und schwarze Hunde streunen
von allen Zwängen befreit durchs Gebüsch und erforschen Höhlen
und Schluchten. Die City of Rocks gehört seit 1988 zur «National
Reserve», deren Zweck nebst dem Schutz der Natur und der Spuren
der alten Kultur auch das Erschliessen von Erholungsraum ist.
Campieren ist frei, man stellt einfach das Zelt auf einen der
Plätze, die mit Tisch, Bänken und Grill möbliert sind, und wirft
zwei Dollar pro Nacht in eine Kasse. Während Mama die dicken Steaks
grillt, trainiert Papa schon den Nachwuchs an einem Felsblock
oder in den geneigten Rissen und Platten des «Bath Rock» oder
des «Elephant Rock» nahe der Strasse. Der «Mornig Glory Spire»,
das Matterhorn der City of Rocks, ist am Wochenende von früh bis
spät von Karawanen von Kletterern und Kletterfrauen belagert,
die für die 30 Meter im 5. Grad Dutzende von Klemmkeilen und Friends
umgehängt haben. In den «Bolted Routes», den mit Bohrhaken ausgerüsteten
Sportseillängen, treffen wir dagegen nur wenige Kletterer, oft
sind es Europäer. «She is the Bosch», der Name eines ziemlich
überhängenden Sportklassikers, erinnert daran, dass nicht nur
die Mode des Bohrens, sondern auch die Bohrmaschine aus der alten
Welt stammt. Doch das Nebeneinander von klassischem und sportlichem
Klettern funktioniert reibungslos, wie auch die Zusammenarbeit
der Kletterer mit der Administration. Die «Friends of City of
Rocks», ein Club von lokalen Kletterern und Naturfreunden, hat
ethische Grundsätze ausgearbeitet, den «Climbers Code», welcher
den Respekt vor der Natur und vor den Andern ins Zentrum stellt.
In Sichtweite der Strasse werden zum Beispiel keine neuen Bohrhaken
mehr gesetzt, auf den Fels wird keine Farbe gepinselt. Und für
den Zustieg sind nur die sorgfältig angelegten Wege erlaubt.
Am Sonntagabend brechen die Wochenendtouristen ihre Zelte ab und
fahren zurück in die Stadt. Ein Dutzend Easy Riders knattert auf
Harleys gemächlich über den Pass, gelb wolkt der Staub und die
rotbraunen Felszacken flammen in den letzten Sonnenstrahlen. Himbeerrot
türmen sich Wolken über der fernen Ebene. Ein paar Unentwegte
bleiben zurück, studieren im Schein der Taschenlampe den Kletterführer,
trinken ein Bier und lauschen der grossen Nachtmusik der Grillen
und Koyoten.


Lage: South Hills von Idaho, an der Grenze zu Utah.
Charakter: Weicher, griffiger Granit, Riss-, Platten- und steile Wandkletterei,
c.a. 600 Routen, 20 bis 50 m.
Jahreszeit: April bis Oktober
Anfahrt: Von Salt Lake City Freeway 84 nach Norden, über Malta nach Almo,
c.a. 200 km.
Information: Visitor Center, City of Rocks National Reserve, P.O Box 169,
Almo, Idaho 83312 (208) 824-5519
Unterkunft: Freies Camping im Klettergebiet
Ausrüstung: Black Diamond, 2084 East, 399 South, Salt Lake City
Einkaufsmöglichkeit: Almo und Burley
Kletterführer: Dave Bingham: City of Rocks, a Climber?s Guide, 1991. Selbstverlag,
P.O. Box 1932 Ketchum, ID 83340.