Sankt Nicolas und das zeitlose Glück
«Grossvater, wer ist das?» Das Mädchen blickt auf den Plasmaschirm,
bleiches Licht fällt auf sein Gesicht. Der alte Mann neigt den
Kopf. «Das ist Sankt Nicolas, mein Kind.» Das Mädchen tippt mit
der Fingerspitze auf den Bart von Sankt Nicolas. Ein Glöcklein
erklingt. Dann taucht ein eigenartiges Gefährt auf, es erinnert
den Grossvater an den Schlitten des Weihnachtsmanns, der einst
durchs Land zog. Ein smarter junger Mann steigt aus.
«Und wer ist das?»
«Der Sohn von Sankt Nicolas.»
«Wie heisst er?»
«Auch Nicolas.»
«Warum?»
Der Grossvater seufzt. «Ach, mein Kind, das ist eine lange Geschichte.»
«Erzähl, Grossvater.»
«Möchtest du nicht lieber ein bisschen surfen? Ich bin so müde.»
Doch die Enkelin wendet sich vom Schirm ab und sitzt dem Grossvater
auf die Knie. «Es war einmal vor langer Zeit …», beginnt er.
Und schon stockt seine Stimme, das letzte Wort geht ihm nur schwer
über die Lippen.
«Was ist Zeit, Grossvater?»
«Etwas, das es nicht mehr gibt, mein Kind», murmelt er. «Etwas,
das den Menschen viele Sorgen bereitet hat, deshalb …» Er tippt
auf den Schirm. Der seltsame Schlitten gleitet davon, Sankt Nicolas
und sein Sohn winken. «… deshalb hatten diese beiden die Idee,
das abzuschaffen, was man damals Zeit nannte. Es war kurz vor
dem Jahr 2000 und die Menschen hatten grosse Probleme mit der
Zeitrechnung. Die Computer zählten die Jahre falsch und es gab
ein riesiges Durcheinander auf der Welt …» Die Erinnerung lässt
ihn erschauern.
«Was sind Jahre, Grossvater?»
Der alte Mann kratzt sich auf der Glatze. Wie hat sich doch alles
verändert, denkt er. Nur die Kinder sind gleich geblieben. Sie
fragen und fragen. Geduldig fährt er fort: «Zur Zeit, als es die
Zeit noch gab, da zählte man die Tage. Jedem Tag gab man einen
Namen. Der erste hiess 1. Januar, der letzte war der 31. Dezember.
Denn nach 365 Tagen begann ein neues Jahr.»
«Jeder Tag hatte einen Namen? War das nicht lustig, Grossvater?
Wie würde der Tag heute heissen?»
Bekümmert wiegt der alte Mann seinen Kopf. «Ich erinnere mich
nicht, mein Kind. Man hat schon lange aufgehört zu zählen.»
«Warum?»
«Irgendwann begannen die Menschen, Apparate zu bauen, welche für
sie zählten. Sie zählten nicht nur die Tage, sondern sie teilten
einen Tag in winzige Augenblicke. Man nannte sie Sekunden …»
Er fährt mit seinem Finger über das Handgelenk des Sankt Nicolas.
Eine Scheibe wird sichtbar, zwei Stäbe zeigen auf Zahlen, die
im Kreis angeordnet sind, ein dritter zuckt im Takt des leisen
Tickens, das durchs Kinderzimmer schwebt. «Schau, Sankt Nicolas
hat so einen Apparat. Man nannte das eine Uhr. Die Uhr zählt Sekunden.
Aus 60 Sekunden wurde eine Minute, aus 60 Minuten eine Stunde,
aus 24 Stunden ein Tag …»
«Oh, war das aber schwierig.»
«Deshalb brauchte man eben Uhren.»
«Waren das kleine Computer?»
«Ja, so etwas Ähnliches. Fast jeder Mensch auf der Erde trug eine
Uhr am Handgelenk.»
«Du auch, Grossvater?»
«Selbstverständlich, mein Kind. Sankt Nicolas baute die Uhren
und wurde sehr, sehr reich damit. Doch dann …»
«Schenkst du mir eine Uhr, Grossvater?», bettelt die Enkelin.
«Sie tickt so lustig.»
Der alte Mann zuckt die Schultern. «Es gibt schon lange keine
Uhren mehr. Seit alles gleichzeitig ist, braucht man keine Zeit
mehr.» Sein Finger fährt über den Schirm, die Weltkugel erscheint,
dreht sich. Er tippt auf eine Stadt, Wolkenkratzer ragen auf,
Autos sausen lautlos über die Strassen. Eine Tür springt auf,
Menschen sitzen in einem Büro vor Plasmaschirmen. Der Grossvater
tippt einen Mann auf den Rücken. «Hallo», sagt er.
Der Mann dreht sich um, nickt dem Grossvater zu. «Hallo, alter
Freund. Nett, dich wieder mal zu sehen. Wie gehts?»
«Ganz ordentlich. Ich erzähle gerade meiner Enkelin von der Zeit,
als es noch Zeit gab.»
«Zeit? Was ist das?» der Mann grinst. «Entschuldigt mich. Ich
bin in Eile.» Er wendet sich wieder seinem Schirm zu.
Der Grossvater tippt nochmals auf die Weltkugel. Jetzt sind sie
im Urwald, Affen hüpfen von Baum zu Baum. Und jetzt segeln sie
auf einer Jacht übers Meer, der Wind zaust die Haare des Mädchens.
Und jetzt kreisen sie in einer Raumstation um den Mond. «Weil
wir jederzeit überall sein können, ist die Zeit überflüssig geworden.
Wir brauchen keine Stunden, Minuten oder Jahre mehr. Die Welt
ist getrieben von einem gemeinsamen Takt, wie der menschlichen
Körper vom Herzschlag. Das war die Idee von Sankt Nicolas und
seinem Sohn.»
«Dann konnten sie ja keine Uhren mehr verkaufen.»
«Zuerst wollten sie nur die Stunden, Minuten und Sekunden abschaffen.
Denn die Zeit war nicht überall auf der Erde dieselbe. Im Osten
begann der Tag früher als im Westen, es gab Sommerzeit, Winterzeit,
es gab Schaltjahre und Schaltsekunden, es gab Zeitkonferenzen,
die über die richtige Zeit stritten. Sankt Nicolas und sein Sohn
erfanden deshalb den Welttakt. Dazu teilten sie den Tag in tausend
Takte, sogenannte ?Swatch-Beats?»
«Swatch? Welch lustiges Wort.»
«Nicolass-Watch. So hiessen die Uhren, die sie bauten, um ?Swatch-Beats?
anzuzeigen.»
«Und die konnten sie verkaufen?»
«Eben nicht! Nach dem grossen Durcheinander mit der Zeitrechnung
im Jahr 2000 stellte sich heraus, dass es noch besser wäre, wenn
man auch die Tage und Jahre abschaffen würde, also die Zeit überhaupt.
Die elektronischen Netze und die Computer hatten alles so schnell
gemacht, dass es auf der Welt ohnehin keine Zeitunterschiede mehr
gab. Die Abschaffung der Zeit löste auf einen Schlag alle Probleme.
Es gab keinen Streit mehr um Arbeitszeit oder die Laufzeit von
Schulden. Es gab keine Termine mehr und keinen Zeitdruck. Man
kam nie mehr zu spät. Niemand musste sich mehr um Vergangenheit
oder Zukunft sorgen.»
Das Mädchen blickt den alten Mann mit grossen Augen an. «Was ist
Vergangenheit, Grossvater? Was ist Zukunft?»
Er reibt sich die Schläfen. «Ach ja, das habe ich vergessen zu
erklären. Vergangenheit ist das, was vor diesem Augenblick war.
Zukunft ist das, was nachher kommt. Mit dem Verschwinden der Zeit
ist es bedeutungslos geworden. In der zeitlosen Welt leben alle
Menschen im Hier und Jetzt. Alle wissen sofort alles, was sie
interessiert. Und alle bekommen augenblicklich alles, was sie
sich wünschen. Es gibt deshalb auch keinen Krieg mehr. Kriege
wurden stets wegen Vergangenem oder Zukünftigem geführt.» Er tippt
auf den Schirm, Sankt Nicolas und sein Sohn nicken ihnen zu. «Diese
beiden haben der Menschheit Glück und Frieden gebracht. Sie selber
sind jedoch verarmt, weil niemand mehr Uhren brauchte. Im letzten
Jahr der Zeitrechung hat sie Cyberpapst William III deshalb heilig
gesprochen und sie bekamen einen Ehrenplatz im Himmel …»
«Wo ist der Himmel, Grossvater?»
«Ach, auch das ist ein vergessenes Wort. Heute nennt man ihn ?Cyberspace?.
Und damit ist die Geschichte zu Ende.» Der alte Mann lächelt.
«Danke, Grossvater.» Das Mädchen tritt vor den Plasmaschirm, löscht
das Bild mit einer Handbewegung. «Jetzt habe ich Hunger. Darf
ich?»
Der Grossvater nickt.
«Möchtest du auch Pizza mit Pilzen und Speck?»
«Gern, mein Kind.»
Sie tippt, ein Tisch deckt sich, zwei Teller mit Pizza schweben
heran, zwei Gläser Cola mit Eis.
«Für mich lieber ein Bier», sagt der Grossvater. Schon schäumt
es ins Glas auf dem Schirm und gleichzeitig ins Glas auf dem Tisch
im Esszimmer. Und schon erklingt die freundliche Stimme von Smarty,
dem Haushaltroboter: «Ich wünsche euch einen guten Appetit!»
Nachdem sie gespeist haben, fragt der alte Mann: «Möchtest du
auf den Weihnachtsmarkt?»
«O ja, Grossvater!» Die Enkelin jubelt.
Sie gehen zum grossen Plasmaschirm neben dem Mikrowellenautomaten.
Das Mädchen tippt auf das Türsymbol und augenblicklich befinden
sie sich auf dem Weihnachtsmarkt. Schneeflocken schweben vom Himmel,
auf Tannenbäumen brennen Kerzen, es duftet nach gebratenen Kastanien
und Lebkuchen. Ein Weihnachtslied erklingt. Sankt Nicolas verteilt
Geschenke, seine Augen glänzen, er streicht sich über den Bart.
Der alte Mann führt seine Enkelin an der Hand, eine Träne rinnt
über seine Wange. Welch glückliche Zeit, denkt er. |
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