Berg&Klettern

badile-und-cengalo-im-morgenrotCengalo, Cengalo

Wenn du Cengalo sagst, dann denke ich an schuppige Felspanzer, die wie Reptilrücken aus dem Eis brechen und ihre winzigen Saurierköpfe in weissen Wächten verbergen wie scheues Getier.Und an den Grat in der Höhe, der wie ein scharfes Messer ein Stück vom blauen Himmel schneidet.

Cengalo, Cengalo …

Cengalo klingt fremd, unheimlich, wie …?

Wie das eintönige Hämmern vielleicht, das durch schwarze Sommernächte schwebt, wenn die Bauern vor den Hütten im Bondascatal ihre Sensen schärfen …

So vielleicht?

Ja, so.

Eigentlich wollten wir an die Dru-Nordwand, die sollte doch noch schnell unter Dach, schnell, bevor die Tage kürzer würden. Der rote Klettersack stand bereit, vollgepackt im Korridor auf dem grünen Spannteppich, auf der künstlichen Wiese. Die Tapeten hatten einen Kratzer bekommen, weil ich den Gummizapfen für den Pickelhammer nicht mehr gefunden hatte in der Eile. Da klingelte das Telefon.

«Hast du den Wetterbericht gehört?»

«Ja und …?»

«Die Gewitter im Westen …»

«Ich habe schon Urlaub eingegeben für morgen …»

«Die andern wollen ins Bergell …»

«Ins Bergell?»

«An den Cengalo.»

«Cengalo, Cengalo … Moment mal.»

«Morgen um eins geht’s los.»

«An den Pfeiler? Den wir damals nach dem Badile …?»

Wir sind zu viert. Und unser Guide hatte angeordnet: «Pro Seilschaft ein Paar Steigeisen plus ein Pickel.» Das heisst, dass Dieter und ich, die Pickelbewehrten, uns stufenhackend über schwarzglitschiges, sandiges Eis hinauf­arbeiten, zitternd und mit dem Strahl der Stirnlampen im trüben Dämmerlicht stochernd, während die zwei andern, der Guide und Hansruedi, mit den Händen in den Hosentaschen an uns vorbeispazieren … kratsch, kratsch, kratsch… Mit Steigeisen, die zupacken wie Raubfischzähne, die immer wieder schnappen, schnappen, schnappen …

Und da taucht noch einer auf hinter uns, einer mit einem fürchterlichen roten, rostigroten Schnauz, einer von der Konkurrenz, und mit ihm: Anja.

«Geht’s noch?»

«Für Anja hacken wir uns durchs Cengalocouloir hinauf und durchs Gemellicouloir wieder herunter, wenn’s sein muss.»

Plötzlich befällt uns die Krankheit, Kluckeritis, benannt nach ihrem ersten Opfer, Christian Klucker, Bergführer, der sich einst durch alle diese schwarzen Eisschlünde hinaufhackte, weiss der Teufel, was ihn trieb, hinauf und dann wieder hinunter.

Rätsel, Rätsel … Die Kluckeritis treibt uns, und wir hacken, hacken, hacken …

Und Anja trippelt vorbei mit dem Roten, leichtfüssig wie ein Reh … kratsch, kratsch, kratsch …

Doch halt mal, da ist ein Licht, hoch oben in der Schwärze der Platten, unter der Wächte …

Menschen, Menschen dort oben?

Die andern sehen nichts, stapfen weiter …

Da ist es wieder, klar und ruhig hängt es im kalten, toten Gemäuer; es ist kein Funkeln, kein warmes Blinken, nein, nur fahles, knochenfahles Leuchten …

Wie heisst doch die Sage? Bergleuchten, Felsleuchten, Alpenleuchten … Johannisleuchten, Johannisnächte … weiss der Kuckuck, ’s ist lange her …

Tote Seelen vielleicht, tote Seelen, die unruhig über Kämme und Grate geistern?

Aber das Licht dort ist ruhig, einsam und unendlich hoch …

Klucker, ja, der alte Klucker, der verbitterte, vergessene Alpenkönig; das ist seine ruhelose Seele, die über den Berg hin streicht und leise wimmert wie der Wind …

Cengalo, Cengalo …

Nach dem Bergschrund steigen wir durch sandige, brüchige Rinnen, durch die manchmal Steine herabschwirren wie böse surrendes Insektengeschwärm. Der Atem geht schwer; die Rucksäcke drücken. Endlich sind wir an der Kante, auf dem Saurierrücken, der sich unheimlich steil hoch oben im milchigen Morgenlicht verliert.

Der Guide drängt weiter.

«Los, macht schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren.»

Was heisst schon Zeit, wenn drüben am Badile das Sonnenlicht auf die Gipfelplatten fällt, urplötzlich, wie hingeworfen, wenn es dann langsam herabrinnt durch den grossen Trichter, sich sammelt in den Rissen zu feinen Fäden, spinnwebenartig, dann als lautlose Kaskade über die Steilstufe herabfällt und unten auf die Felsschuppen prallt, die links vom Eisfeld herabtreppen, dann weitertropft über Stufen und Dächer hinab, bis es endlich, endlich im Spaltengewirr des Bondascagletschers versickert.

Was heisst da schon Zeit … Weisst du noch vielleicht?

«Wie viele Jahre sind’s nun schon wieder?»

Hansruedi kaut an einem zähen Stück Speck.

«Wart mal …»

«Dreiundsiebzig haben wir jetzt …»

«Und vor vier, nein, vor fünf Jahren habe ich geheiratet, oder …»

«Ja, das war vor unserer Dolomitenwoche.»

«Zwei Jahre nach dem Diplom.»

«Dreiundsechzig, in Winterthur, glaub ich.»

«Dann war es also zweiundsechzig …»

«Zweiundsechzig, richtig.»

«Vor elf Jahren … »

Anja lächelt. Der Rotschnauz packt Käsebrote aus und eine bauchige Feldflasche, während der Guide und Dieter in grasigen Verschneidungen nach Griffen suchen, nach Sanduhren, nach Hakenrissen, Felswarzen und was sie sonst noch brauchen, um höher zu kommen. Wir staunen hinüber an die platte Badilewand und können es kaum fassen, dass es elf Jahre sein sollen, seit wir dort hinaufgeklettert sind, bei schlechtem Wetter, nach einem Biwak am Wandfuss.

«Du …»

«Wart schnell, der Karabiner klemmt …»

«Mir ist, als sei’s gestern gewesen.»

Da liegt die Erinnerung in unseren Köpfen wie milchiger Nebel, jahrelang, beinahe vergessen, und plötzlich ist alles wieder da, um uns, in uns, spürbar und greifbar.

Der eiskalte, feuchte Granit zuerst, wie er wächst unter unseren Händen, sandig und glitschig, und wächst im Dämmerlicht zu einer gewaltigen schwarzen Mauer, neunhundert Meter hoch.

Und dann die Erregung jenes Morgens im Juli 62, die uns wieder erfasst. Sieben Seilschaften hinter uns, die sich als Glühwurmkette über den Gletscher nähern, durch die Nacht.

Blutrotes Wolkengefetz schiesst über den Gipfelgrat … ein Wettersturz droht. Umkehren sagt die Vernunft.

Umkehren nach einer kalten Biwaknacht, nach Jahren, deren Träume nur diesem einen, einzigen Morgen gegolten hatten?

NEIN!

Dann zieht die Wand unter unseren Händen vorbei wie ein stummer, eintönig grauer Film.

Ist das Klettern?

Nein, das ist Schweben, fast ohne den Fels zu berühren, höher schweben und hinein in die milchige, brodelnde Kälte.

Nach Stunden reisst der Film, und wir blicken vom Gipfelgrat zurück, hinunter über die Platten, und da unten in der Tiefe gehen die andern vom Wandfuss weg. Winzige Gestalten, wie müde Ameisen.

Die Geschlagenen.

Der Guide war damals auch unter ihnen.

Graue Schlangen zogen herauf aus dem Trubinascakessel, im Westen, über Soglio, eine schwarze Wand.

War das gestern?

Ist das heute?

Vor elf Jahren?

Und morgen, was ist morgen?

 

Wir hatten den Gipfel eben verlassen, als ein furchtbares Gewitter hereinbrach.

Wasser und Hagelkörner schossen über die Platten hinab, rissen alles mit sich, was nicht Fels war, schossen als weisse Kaskade hinaus ins Leere, über die Steilstufe hinweg, und zerfransten im Sturm zu schäumender Gischt.

Was kümmerte uns das Unwetter?

Wir stiegen ab.

Erreichten die Sciorahütte nach sechs Stunden im Gewittersturm, erschöpft, halb erfroren und unendlich glücklich.

Lucia, die legendäre Hüttenwirtin, empfing uns mit einer Umarmung, einem Kuss und Spaghetti und Bier und trockenen Kleidern.

 

Der Guide hat’s eilig. «Weiter, weiter …»

Er ist Architekt, und die Bauherren warten; Zeit ist Geld, Geld, Geld. Der Rotschnauz folgt uns auf den Fersen. Er klettert gut.

«Wie alt bist du eigentlich, Anja?»

«Siebenundzwanzig.»

«Und der Rote, der Baffone, was ist mit dem?»

«Das ist mein Mann.»

 

Cengalo, Cengalo …

Seltsames, fremdes Wort.

Einmal wollten wir doch in den Süden.

Aufbrechen, weg, irgendwohin, wo das Meer um weisse Klippen brandet; wo die Frauen dunkle Haut haben und leise schwebende Stimmen. Wie Anja.

Weisst du noch?

Cengalo klingt wie Ferne, wie Trauer, wie Vergessen …

 

In den warmen Platten des breiten Gipfelrückens steigt es sich wie auf einer Treppe mit winzigen Stufen. Höher, immer höher, den gleissenden Strahlen der Sonne entgegen. Über uns kleben die andern wie Fliegen am Horizont, krabbeln im Blau mit ihren zerbrechlich dünnen Insektengliedern, und an ihren Rücken schimmert es wie von Flügeln. Zwei- oder dreimal schlägt der Guide einen Haken.

 

Cengalo, Cengalo, das ist Musik.

 

Allmählich beginnen unsere Füsse zu brennen von den winzigen Tritten, und die Fingerbeeren sind schon lange wund gerissen. «Weisst du noch…»

Damals hat uns die Wand dort drüben Kraft gegeben.

Sie war Ziel und Hoffnung zugleich; sie war der Inhalt unserer Jugend; wir haben geglaubt, geglaubt … und vergessen.

Fieber hatte uns gepackt, und keine Macht der Welt hätte uns zurückgehalten.

 

Zwei Tage später, als wir durchs Bondascatal hinauszogen, blieben wir immer wieder stehen, staunten zurück, bis die Badileand zwischen den Föhrenstämmen im Mittagsdunst verschwunden war und daneben nur noch der Pfeiler des Cengalo wie eine Flamme aus dem Schatten brach …

Wir wollten wiederkommen, doch wer dachte an elf Jahre …

 

«Und nun. . .»

«Du, Anja und der Rotschnauz haben ein Kind, hast du gehört, einen Buben.»

Seltsam … etwas fehlt uns heute. Das Steigen fällt uns leicht, ist wie eine geölte Mechanik, wie ein tausendmal durchgespieltes Programm. Aber das Fieber, das uns früher den Atem geraubt hatte, ist weg. Nicht einmal die Ängste sind zurückgeblieben, die Ängste der Nacht an der Wand, als im Cengalocouloir Steinlawinen herabkrachten, funkenstiebend …

 

«Du Hansruedi, haben wir uns so verändert seit damals …?»

Er zuckt die Achseln.

Morgen wieder durch die Glastür und hochsteigen durch das graue Treppenhaus bis in den sechsten Stock ins Rechenzentrum. Es ist wie ein Film, nur ohne die kalten Griffe, die unter den Händen wachsen aus der Nacht. Ein Film, der irgendwann einmal reissen wird, aber ohne dass wir auf einem Gipfelgrat sitzen und hinunterblicken, hinunter, wo sie weggehen wie Ameisen.

Irgendwann, irgendwo …

 

Nach einem letzten Aufschwung sitzen Dieter und der Guide im Geröll, haben ihre Seile schon zusammengerollt. Der Schuppenpanzer hat sich zurückgelegt, die Gipfelwächte ist zum Greifen nahe, über einem kurzen Geröllgrat.

«Wer will, kann hinauf. Wir steigen ab.»

Der Guide hat’s eilig.

«Hinunter, bevor der Nebel kommt. In die Hütte ist’s noch weit, und morgen wollen wir früh ins Tal.»

«Warten wir nicht auf Anja?»

Die andern schütteln die Köpfe. «Die hat doch ihren Rotschnauz! Der findet den Weg.»

Als wir schon weit drüben sind in einer Scharte, bevor wir nach Süden ein Couloir hinuntersteigen, tauchen sie auf über dem letzten Aufschwung.

Wir winken.

Sitzen sollte man, auf warmen Granitbrocken da unten im Bondascatal, am Bach zwischen den letzten Föhren.

Sitzen und zuschauen, wie die Schuppenpanzer langsam schwarz werden im Abend, wie die Wächte, unter die sich die Saurierköpfe kauern, in die Nacht hineinschmilzt, und wie dann langsam, langsam ein Licht aufgeht über dem Gewänd und Geschrund und Geschuppe …

Klucker, der seltsame Berggeist, irrt über die Kämme und Grate und findet keine Ruhe …

Sitzen sollte man, ihren warmen Körper neben sich spüren und die langen schwarzen Haare durch die Finger gleiten lassen …

Anja …

Schliess die Augen…

Und dann zwei Worte flüstern:

Cengalo, Cengalo …

 

© Emil Zopfi

1973, erster Preis im literarischen Wettbewerb des SAC 1974

bearbeitet 2018

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