FortSchritt mit BuchstabInnen
Wer vor zwanzig Jahren Fortschritt demonstrieren wollte, schrieb
klein. Die Kultusminister der Bundesrepublik Deutschland beschlossen
im Jahr 73 die Einführung der gemässigten Kleinschreibung, die
Grossbuchstaben nur noch an Satzanfängen und bei Eigennamen duldet.
«Gemässigt» war damals jedoch fast ein Schimpfwort, und so schrieben
radikale Autorinnen und Autoren selbst ihren Namen klein. Ein
Ökonom rechnete den volkswirtschaftlichen Nutzen der konsequenten
Kleinschreibung aus: Durch die mechanische Vereinfachung der Schreib-
und Setzmaschinen könnten Milliarden gespart werden. Die Computerwelt
dagegen benutzte in jenen Jahren vorwiegend noch den Hollerith-Lochkartencode,
der nur aus Grossbuchstaben bestand. Zwischen der technisch-wissenschaftlichen
und der literarisch-humanistischen Kultur klafften Abgründe.
Tatsächlich sind die grossen Buchstaben tausend Jahre älter als
die kleinen, die erst ums Jahr 1000 in den karolingischen Skriptorien
entstanden, um das handschriftliche Kopieren von Texten zu rationalisieren.
Insofern macht die Gleichsetzung von Kleinbuchstaben mit Fortschritt
einen historischen Sinn. Die Buchstaben wurden Figuren im Schachspiel
der Weltanschauungen.
Während Schul- und andere Politiker selbst die gemässigte Kleinschreibung
erfolgreich blockierten, eroberten sich die kleinen Buchstaben
via ASCII-Code den Computer. Ein technisches Argument für die
Kleinschreibung fiel dahin. Doch sogleich entbrannte ein noch
heftigerer Buchstabenstreit: Der um das grosse I. Feministische
AutorInnen, die sich um einen nichtsexistischen Sprachgebrauch
bemühten, signalisierten damit, dass Frauen auch in der Sprache
gleichberechtigt auftreten müssen. SchreiberInnen, die eben noch
für die kleinen Buchstaben auf Barrikaden gestiegen waren, begannen
das grosse I mitten ins Wort zu rücken, wo es wie ein Leuchtturm
die Nacht der Männersprache erhellt. Nicht einmal der Schwanz
der Wörter blieb vor den neuentdeckten Grossbuchstaben verschont:
Gesucht technischeR AngestellteR und eineN ProgrammiererIn.
Die Zürcher Wochenzeitung WoZ verordnete ihren RedaktorInnen 1983
die «Gross-I/R/N-Schreibung», das Virus verbreitete sich im deutschen
Sprachraum, so dass heute selbst Amtststellen ihre GesuchstellerInnen
anschreiben. Doch der Sturm in der Buchstabensuppe dauert unvermindert
an: Vor kurzem dekretierte die Erziehungsdirektoren-Konferenz
der deutschen Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein, dass
das grosse I im Schulbereich nicht zulässig sei. Zudem rebelliert
bis heute jedes Trennungs- und Rechtschreibewörterbuch gegen die
buchstäbliche Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Die Verwendung von Versalien mitten im Wort fiel auch bei Typographen
in Ungnade, denn für sie ist der Grossbuchstabe eine Skulptur,
die von Schriftgestaltern für den Wortanfang gemeisselt wurde.
Jeder andere Platz zerstört nach ihrer Ansicht die ästhetische
Qualität des Textes und stört den Lesefluss erheblich. Buchstabe
sein ist wahrlich ein hartes Schicksal.
Doch unaufhaltsam schritt die Technik voran. Ein Apfel namens
MacIntosh wurde zur Versuchung, Buchstaben und Symbole mit lockerer
Hand zu verwenden. Inspiriert von der Schreibweise der alten schottischen
Familiennamen infiltrierten die Grossbuchstaben neue Produkte
wie MacWrite, MacPaint, MacTerminal. Kein Lehrer und kein Typograph
rebellierte, denn der Mac, das war der Fortschritt, den niemand
in Frage stellte. Ein kurzer Blick in ein Computerheft genügt
heute um festzustellen, dass die grossen Buchstaben im Begriff
sind, die technische Welt vollständig zu besetzen: Von PostScript,
PageMaker, XPress über BigMac bis zum DECpark grassiert die Beliebigkeit
im Umgang mit Buchstaben. Auch wer politisch die Nase vorn haben
will, mischt neuerdings gross und klein. DroLeg heisst die Volksinitative
zur Legalisierung des Drogenkonsums, TransALPedes eine Aktion
zum Schutz der Alpen. Selbst die Bundesverwaltung surft mit dem
Projekt AlpTransit im Trend. Der FortSchritt der GrossBuchstaben
ist nicht mehr aufzuhalten.