Buchstaben werden überleben
Das Neue ahmt oft das Alte nach. Die ersten Autos sahen aus wie
Pferdekutschen, die ersten Computer wie Telefonzentralen. Man
nannte sie Elektronengehirne und ihre Schöpfer versuchten, das
menschliche Denken nachzuahmen. Inzwischen sind die Computerbauer
bescheidener geworden. Namen wie PowerBook, Notebook oder E-Book
deuten darauf hin, dass sie versuchen, das Buch elektronisch nachzubilden.
Das scheint weniger schwierig zu sein als ein künstliches Gehirn
zu bauen, doch der Erfolg ist bisher bescheiden. Ein Notebook
kann zwar wie ein Buch aufgeklappt werden und E-Books gibt es
auch in Schweinsleder. Doch wer in aller Welt hat schon einen
Roman am Bildschirm gelesen? Bis Elektronische Bücher auf den
Bestenlisten auftauchen wird es noch eine Weile dauern. Gegenwärtig
steht die Menschheit Schlange für Harry Potter. Und Steven King,
der seine Horrorromane in Zukunft nur noch elektronisch vermarkten
wollte, hat seinen Laptop zugeklappt und verkauft wieder bedrucktes
Papier per Kilo.
Im Prinzip ist die Idee ja grossartig. Computer können alles,
was das Buch kann, aber noch viel mehr. Da reiht sich nicht bloss
toter Buchstabe an Buchstabe. Auf dem Bildschirm bekommen Wörter
und Sätze Flügel. Man spricht vom «dynamischen Buch» mit Hypertext,
über dessen Oberfläche man surfen kann, in dessen Tiefe man aber
auch versinken darf. Eigentlich sind die Welt und die Wörter im
World Wide Web heute schon so dicht verwoben, dass das Universum
ein einziges Hyperbuch geworden ist. Die Heilige Schrift des elektronischen
Zeitalters sozusagen, zu der jeder Mensch Zugriff haben sollte.
Ob per PC, E-Book, Handy, Print-on-Demand-Tanksäule, einen intelligenten
Agenten oder Suchroboter ist letztlich gar nicht so wichtig.
Denn Technologie ist eine Zeiterscheinung. Wie auch das Buch.
Es gibt zwar Leute die beteuern: «Bücher wird es immer geben!»,
in der Hoffnung, ihr Gebet werde erhört. Betrachten wir die Sache
jedoch in geologischen Zeiträumen, so werden wir uns vielleicht
auf den Satz einigen: «Buchstaben wird es immer geben!» Immerhin.
Denn die grosse kulturelle Errungenschaft der Menschheit sind
weder der Computer noch das Buch, sondern es ist das Alphabet.
Oder etwas ausgeholt: Die zwei grossen Zeichensysteme Alphabet
und Zahl. Schon die Römer meisselten die Zeichen in Stein, Mönche
malten sie auf Pergament, Gutenberg goss sie in bewegliche Lettern
und im Computer endlich verschmolzen die Gegensätze, die Zahl
und Buchstabe trennten. Das Abstrakte und das Sinnliche vereinigten
sich zum digitalen Ganzen. Selbst Computerprogramme sind ja nichts
als Buchstabe und Zahl.
Das geheimnisvolle an der Geschichte ist, dass sich während 3000
Jahren weder Form noch Funktion der Zeichen gross verändert haben.
Ein A steht so fest und schön auf dem Bildschirm wie es römische
Sklaven in Marmor meisselten. Und so lautet die Frage nicht: Computer
oder Buch? Denn es ist gar keine Frage: Auch wenn Pergament und
Silizium längst Staub sein werden, wird es noch immer Buchstaben
geben. |
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