Glarnerland

Braunwald

Ich war verliebt, damals in Braunwald, neun oder zehn Jahre alt war ich, und selbstverständlich wusste die Angebetete nichts von meinen Gefühlen. Auch heute noch nicht, nach fast sechzig Jahren. Ich nenne sie jetzt mal Betli, aber in Wirklichkeit hiess sie anders, sie war eine entfernte Coucousine und ich hatte sie erst einmal gesehen. Mein Vater hatte uns fotografiert. Auf dem Bild stehe ich in kurzen Hosen und krummen Beinen neben dem schönen Betli, in gehörigem Abstand natürlich und den Kopf etwas eingezogen. Sie zeigte ein fröhliches Lachen, und ihre Locken kringelten sich um das liebliche Mädchengesicht. Vielleicht war sie sogar etwas älter als ich, jedenfalls grösser und ganz und gar unerreichbar. Obwohl, in jenem Sommer, den ich auf dem Tschudiberg verbrachte, wohnte sie nicht weit weg, und wenn ich jetzt sagen würde wo, dann käme alles aus und das Betli würde mir einen bösen Brief schreiben oder noch schlimmer, einen um sechzig Jahre verspäteten Liebesbrief. Wenn sie das gewusst hätte und so weiter.
Ich verbrachte jenen Sommer auf dem Tschudiberg bei meiner Tante Griti Streiff, meiner Cousine Margrit und meinem Cousin und Köbi, der den Hof führte. Der Vater, also mein Onkel, war jung verstorben an einer Herzgeschichte. In unserer Verwandschaft leiden ja einige am Herz, meine Grossmutter fiel im Sand in Rüti beim Kartoffelauflesen tot um wegen einem Herzschlag, und auch ich habe schon einen Eingriff hinter mir. An die Beerdigung meines Onkels erinnere mich noch gut, vier Männer trugen den Sarg auf einer Bahre vom Tschudiberg den steilen Hang hoch und dann auf der Strasse ins Dorf zur Kapelle. Hinterher folgte der lange Zug der Trauernden. Dieses Begräbnis ist wohl meine erste Erinnerung an Braunwald, die Männer mit der Bahre, die sie von Zeit zu Zeit absetzen mussten um sich im Tragen abzulösen. Der Hof Tschudiberg lag damals unten im Talgrund, ein ziemlich altes Haus, und hinten floss ein Bach durch. Daran erinnere ich mich, weil wir im Bach die Därme eines geschlachteten Schweines wuschen. Dazu stülpte man sie über einen Stecken und drehte die Innenseite nach aussen. Tante Griti kündigte an, man mache aus diese Därmen eine besondere Art von Würsten, so genannte «Därewürscht». Schon das Wort ekelte mich. Noch mehr grauste mir vor dem Blut des Schweins, das sie beim Schlachten in einem Topf aufgefangen hatte und zum Abendessen kochte. Ich erinnere mich auch noch, wie Köbi und der Knecht Sepp die Borsten vom Schwein schabten mit Harz, das wir zuvor im Wald von Baumstämmen gekratzt hatten.
Aber eigentlich wollte ich ja noch die Geschichte von Betli weitererzählen, das heisst, es war ja gar keine Geschichte, alles spielte sich in meiner frühpubertären Fantasie ab. Wenn ich allein in der Stube sass, nahm ich das Jasstäfelchen aus der Schublade und zeichnete darauf mit der Kreide Betlis Gesicht, die Stupsnase, die blauen Augen und die Kringellocken. Das Blau stellte ich mir natürlich nur vor, wie auch den Rest des Betlis, der mir nicht so richtig gelingen wollte. Aber das Gesicht genügte mir, um in romantischen Gefühlen zu schwelgen. Näherte sich jemand, so putzte ich die Zeichnung schnell aus mit dem Schwämmchen.
In der Stube schlief ich auch, in die Täferwand war eine Art offener Schrank eingelassen, mit Bettzeug und einem Vorhang, «Kutsche» genannt. Wie lange ich da logierte, weiss ich nicht mehr. Mein Vater hatte mich für den Sommer im Tschudiberg untergebracht, weil meine Mutter ein oder zwei Jahre zuvor bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Tante Griti war eine Schwester meiner Mutter.
Mit meiner Cousine Margrit, die einiges älter war als ich, zog ich eines Tages ins Wildheu in die Gegend des Rietstöckli. Das war ein tüchtiger Fussmarsch, und als wir fast oben waren, fiel Nebel ein und Margrit beschloss umzukehren. Das Heu werde an diesem Tag nicht dürr. Abends kamen der Sepp und der Köbi todmüde vom Berg herab, und es gab ziemlichen Krach, weil wir umgekehrt waren. So zogen wir am nächsten Tag nochmals aus und halfen auf den steilen Hängen das Heu zusammenzurechen und in die Netze zu packen. Bestimmt zwanzig Burden kamen so zusammen. Die liessen wir dann an einem steilen Heuseil hinunter auf den Rietberg. Man hängte sie an dicke Holzklötze mit einem Schlitz für das Seil, das sich bei jeder Fahrt tiefer ins Holz sägte. Man konnte die Holzklötze also nur wenige Male verwenden. Vom Rietberg führte ein viel weniger steiles Seil bis vor den Hof im Tschudiberg. Hier verwendete man Rollen, und die Burden sausten mit grosser Geschwindigkeit zu Tal und machten dabei ein singendes Geräusch. Zuunterst hatte es einen Konus auf dem Seil, so dass die Rollen aus dem Seil sprangen und die Heuburden direkt vor der Scheune landeten.
Dieses Transportsystem faszinierte mich ausserordentlich, vor allem das lange Heuseil. Oft setzte ich es mit der Hand in Schwingung und beobachtete, wie sich eine Welle fortpflanzte bis zum andern Ende des Seils, dort reflektierte, wieder zurückkehrte und in diesem Hin- und Her allmählich verebbte. Es war eine grundlegende physikalische Erfahrung, die mir später beim Studium der Elektrotechnik zugute kam, wenn wir berechneten, wie sich Wellen in Hochfrequenzleitungen ausbreiten und wie sie an Leitungabschlüssen reflektieren. Ich stellte mir das immer bildhaft vor wie beim Heuseil auf dem Tschudiberg.
Wenn ich mir das so überlege, merke ich, wie viele grundlegende Erfahrungen ich in jenen Wochen gemacht habe – ganz abgesehen von meiner kleinen und heimlichen Liebe zum Betli. Abens in der grossen rauchgeschwärzten Küche durfte ich die Milch zentrifugen, «fugnen» sagte man. Margrit leerte sie oben in einen Behälter. Mit einem Hebel setzte ich das Schwungrad der Zentrifuge in Gang, die durch die Zentrifugalkraft den Rahm von der Milch trennte. Auch das war sinnlich erfahrene Physik.
Gut erinnere ich mich auch an die Pfeile, die mir Sepp aus Schindeln schnitzte. Sie hatten die Form eines Überschallflugkörpers mit schlanker Spitze und sehr feiner Tragfläche. Sie herzustellen war eine Kunst, die mir selber nie so richtig gelang. Man schoss sie mit einer Geissel ab, und sie flogen dank ausgeklügelter Airodynamik in hohem Bogen unglaublich weit, so dass ich manchen nicht mehr finden konnte. Sepp kam vom Urnerboden, seine Sprache war etwas grob und seine Witze ziemlich derb. Vor allem über die Kerenzer machte er sich lustig, er wusste eine Reihe von «Chirezerwitzen», in der Art der Appenzeller- oder Österreicherwitze. Später habe ich sie nie mehr gehört, auch nicht, als wir zwanzig Jahre auf dem Kerenzerberg wohnten. Sie begannen meist so: «En Chirezer isch emal uf Glaris cho …» Aber leider weiss ich keinen einzigen mehr.
Nach dem Heuet rechten wir an den Waldrändern Laub zusammen, die Männer trugen es in den Heunetzen in die Scheune zum Streuen. Laub gebe auch besseren Mist als Stroh, habe ich einmal gehört. Wenn nichts zu tun war, machte ich meine ersten Kletterübungen an einem Felsblock neben dem Haus.
Mit Köbi trieb ich einmal eine Kuh zur Viehschau ins Dorf. Er putzte sie sauber und fettete ihre Hörner ein, und weil sie offenbar einen etwas eingefallenen Rücken hatte, sagte er, er schaue dann, dass sie bei der Bewertung auf ein kleines Hügelchen zu stehen komme. Ob es gewirkt hat, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls war mein Cousin Köbi schon damals ein Orignial, wie bekanntlich auch in späteren Jahren. Einmal brachte er es gar in den «Blick», als er auf der Braunwaldalp die Gleitschirmer mit Mist vertreiben wollte. Vor ein paar Jahren traf ich ihn in der Braunwaldbahn, eine urchige Erscheinung mit seinem Bart und dem Hut auf dem Kopf. Wir sprachen ein bisschen über dies und das und die neueren Entwicklungen. Den alten Hof hatte man irgenwann aufgegeben und oben an der Strasse Wohnhaus und Scheune neu gebaut. Es war gerade die Zeit, als man in Braunwald einen Zwergenweg einrichtete. Köbi sagte zu mir: «Du, jetzt rufen mir die Kinder im Dorf schon &Mac220;Zwerg Bartli&Mac221; nach.»
Mit meiner Cousine Margrit und einer Freundin durfte ich an die Kilbi nach Linthal. Die beiden Fräuleins hatten sich ein bisschen schön gemacht und bunte Tücher um den Hals geschlungen. Zu Fuss gings hinab nach Linthal, so sparte ich den Batzen, den ich bekommen hatte. Was ich damit anstellte, weiss ich nicht mehr, und auch sonst ist mir nur noch eine Erinnerung geblieben: Auf einmal inmitten der Menschen auf der Strasse sah ich das Betli, wie es mit Freundinnen daherkam, so strahlend und fröhlich wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Mir stockte der Atem, Blut schoss mir in den Kopf und rasch versteckte mich in der Menge.
Vierzig oder fünfzig Jahre später sprach mich nach einer Lesung in Zürich eine Dame im mittleren Alters an, es war das Betli von einst, aber ohne die schönen braunen Locken.