Grosse Zinne:
Tränen nach der Nordwand
«Geh nur, geh», rief mir mein Seilgefährte zu und klinkte mir ein Bündel Felshaken an die Materialschlinge. «Geh, nagle dich da hinauf.»
Da hinauf. Die letzte Seillänge der Nordwand der Grossen Zinne in den Dolomiten, Comiciroute, einer der sechs klassischen Nordwandaufstiege der Alpen. Sturzbäche schossen über die senkrechte Felsstufe herab, Blitze schlugen am Gipfel über uns ein, Donnerschläge liessen den Fels erzittern. Da hinauf sollte ich also. Ich war erschöpft und fror, hatte fast die ganze Wand geführt, die steiler ist als eine Hausmauer, die ersten dreihundert Meter leicht überhängend, gelber Fels, dann eine schluchtartige Rinne. An deren Ende mussten wir nochmals in die freie Wand hinausqueren. Es begann bereits zu dämmern, als ich loskletterte.
«Geh, du schaffst das, schlag ein paar Haken, wir müssen da raus.»
Ich schlug keine Haken, ich fand auch keine alten. Vielleicht hatte ich die Route verfehlt, ich kletterte einfach senkrecht hinauf. Das Wasser drang durch die Ärmel meiner armseligen Windjake herein, rann dem Körper entlang hinab bis in die Schuhe. Meine Hände waren vor Kälte erstarrt, die Haut vom rauhen Fels aufgerissen. Ich kletterte ohne Sicherung an kleinen Griffen, schnell hinauf, einfach hinauf, die Wand schien kein Ende zu nehmen, doch das Seil war nur fünfzig Meter lang, und irgendwann musste ich doch das Ringband unter dem Gipfel erreichen. Ich wusste, dass die Route dort aufhörte, dass man auf dem breiten Band die letzten brüchigen Gipfelfelsen umgehen und den Abstieg erreichen konnte. Ich redete vor mich hin, laut sprach ich mir Mut zu, dachte nicht an Haken oder Sicherung, sondern einfach: Geh, geh, geh! Geh weiter! Ich musste weiter, denn ein Zurückklettern war unmöglich. Und ob wir eine Nacht in der Wand überleben würden, durchnässt und ohne Biwakmaterial, war ungewiss.
Es war im Sommer 1965, ich war noch jung, mein Seilgefährte wesentlich älter, ein einstmals bekannter Bergsteiger. Ruhig, zuverlässig und stark. Ein geachteter Bürger und Berufsmann, Vater von drei Kindern. Ich empfand es als Ehre, dass er mich für zwei Kletterwochen eingeladen hatte. Mit seinem Auto waren wir in die Westalpen, dann in die Dolomiten gefahren. Schon bald nach dem Einstieg in die Nordwand bat er mich vorzusteigen, dafür trug er als Seilzweiter den Rucksack. Ich fühlte mich in bester Form, und so waren wir schnell vorangekommen, bis uns das Gewitter am Ende der Schlucht überrascht hatte. Den Blick, den mir mein Seilgefährte zugeworfen hatte, als er mir die Haken übergab, vergesse ich nie. Es war Verzweiflung. «Geh, nagle dich da hinauf.» Ich wusste, nun kommt es nur auf mich an, auf mich allein.
Über weniger steile, aber brüchige und schuttbedeckte Felsstufen erreichte ich schliesslich das Ringband. Der Regen hatte nachgelassen, es war schon fast dunkel, als ich einen rostigen Haken fand, mich sicherte und in den Abgrund schrie: «Kommen! Du kannst nachkommen!»
Während ich Seil einzog, weinte ich still vor mich hin, vor Erleichterung oder Erschöpfung. Oder wegen der Angst, die mich nun plötzlich einholte. Ein Sturz wäre das Ende gewesen, wohl das Ende von uns beiden, denn die Standhaken waren in jener Zeit noch nicht sehr zuverlässig. Am gleichen Tag waren im Gebiet zwei Kletterer von einem Blitzschlag in die Tiefe geschleudert worden.
Der Abstieg durch die Südwand der Grossen Zinne ist kompliziert, es war inzwischen Nacht geworden, doch mein Seilgefährte ging voran, fand ohne Stirnlampe die Route, die zwei oder drei Abseilstellen und den Weg zu unserem Zelt. Am nächsten Morgen fuhren wir nach Hause ohne viel über unser Erlebnis zu sprechen. Doch hatte es ein Nachspiel, das mich nach Jahrzehnten noch bedrückte. Unter Freunden erzählte mein Begleiter immer wieder, ohne seine Erfahrung und seinen Spürsinn hätten wir den Abstieg niemals gefunden. «Mein Kumpel hat am Ausstieg sogar geweint.»
Ich schwieg dazu, denn er hatte recht, ich hatte geweint, nachdem ich die gefährlichste Seillänge meines Lebens geschafft hatte. Es war unsere letzte gemeinsame Klettertour, wenn ich mich recht erinnere, und ich glaube, es war auch seine letzte grosse Route. Inzwischen ist er längst verstorben, Herzstillstand auf einer Wanderung in den Voralpen.