Ein Schnitt von Beit Arye
© Dokumemtarischer Bericht von Christa und Emil Zopfi
Der Wind streicht über die Hügel, in der Ferne blöken Schafe,
drängen sich in den Schatten eines Felsbandes. Wir sind wieder
hergekommen an diesen stillen Ort, wo seit Ewigkeit Oliven wachsen
und der Bauer mit seinem Pferd die rostrote Erde pflügt. Beit
Arye. Die Zeit scheint still zu stehen. Eine Idylle, wenn sich
nicht ein Stacheldrahtzaun am Horizont dahinziehen würde. Hier
leben Menschen, die sich bedroht fühlen, die Angst haben um ihren
Besitz. Israeli und Palästinenser erheben Anspruch auf dieses
Stück Erde, das für die einen tägliches Brot bedeutet, für die
andern die Gewissheit, im verheissenen Land ein Haus bauen zu
dürfen. Ich fühle mich verbunden mit dieser Landschaft. Habe ich
schon einmal hier gelebt, in einem andern Leben vielleicht? Das
rote Felsband zieht uns in Bann, hinaufklettern, die Schwere überwinden,
sich stark und beweglich fühlen.
Und dann der Sturz.
Die Welt beginnt sich um mich zu drehen, in Zeitlupe, der Olivenhain
kippt weg, das Minarett auf dem Hügel steht Kopf, dann der Himmel,
die Wand über mir und die Felsstufen unter mir, der Abgrund saugt
mich auf, ich rolle über Gebüsch, Terrassen, Steine gegen das
ausgetrocknete Wadi, die Welt dreht sich und der Sturz nimmt kein
Ende. Langsam kommt er mir vor und nichts schmerzt. Ich falle
sanft, spüre warmes Blut im Auge, die Sonne sticht ins andere,
irgendwann bleibe ich auf dem Rücken liegen, irgendwo, und durch
meinen Kopf blitzt der Gedanke: Nein! Nur das nicht! Nur hier
nicht, nicht jetzt. Abgestürzt auf einem Weg, sozusagen.
Emils Körper fällt schwer über die Steinstufen am Fuss des Felsbandes,
fällt und fällt. Ich schreie, will nicht hinschauen, nicht wahr
haben, was geschieht. Ich klammere mich an einen unbekannten Mann,
der eben an mir vorbeigehen wollte, drücke mein Gesicht an seine
Brust. «Its ok», sagt der Mann.
Unten liegt Emil zwischen den scharfen Felsbrocken. Er bewegt
sich, benommen, schmerzvoll. Männer steigen zu ihm hinunter.
Ich höre Rufe. Christas Stimme. Ja, es geht schon. Alles ist gut.
Wenn ich nur sehen könnte. Blut verklebt mein Auge.
Es war die Brille. Wie letztes Jahr im Tessin. Varilux, optische
Täuschung beim Blick nach unten, Tritt ins Leere, Sturz ins Leere.
Ich suche, taste im Staub und trockenen Gebüsch nach meiner Brille.
«Die Ambulanz», ruft einer. Emils Gesicht ist blutüberströmt.
Es tropft aus seiner Stirn und seiner Nase. Ein Kletterer reisst
eine Verbandspatrone auf.
Irgend jemand verbindet meinen Kopf. Mein Leibchen ist voller
Blut. Irgend jemand gibt mir Wasser, um die Hände zu waschen,
zu trinken.
«Meine Brille, sucht meine Brille.» An diesem Morgen hatte er
seine Kletterbrille zu Hause vergessen. Mit der Varilux verfehlte
er den sicheren Tritt bei der Passage von einer Route zur andern
und stürzte kopfüber zehn Meter hinunter.
Christa findet die Brille, ich bin erleichtert. Taste ins Gesicht,
wo ich noch immer keinen Schmerz spüre. «Lass das, nicht berühren»,
sagt jemand.
Ich höre das Wort «Ambulance».
«Ist das nötig? Wir können mit unserem Auto zu einem Spital fahren.»
«Ja, das ist nötig. Die Amblanz ist schon unterwegs.»
Wir wandern auf dem Pfad zur Strasse hinüber, die in den Hang
geschnitten ist. Unsichere Schritte, es ist heiss. Ich setze mich
an den Strassenrand, Christa steht vor die Sonne, gibt mir Schatten.
Emil atmet schwer. «Wie geht es dir?» Die Mittagssonne brennt
auf die sandige Strasse. Die Ambulanz kommt mit Blaulicht, ihr
folgt ein junger Kletterer mit unserem Auto. Sie laden Emil auf
eine Bahre, schliessen die Tür des Fahrzeugs. Ich muss draussen
bleiben, warten, bis die erste Untersuchung gemacht ist.
Alles ist so schnell gegangen. So schnell hat sich alles verändert.
Eben noch bin ich locker geklettert auf den schattigen roten Kalkfelsen
unterhalb der Siedlung Beit Arye. Und nun liege ich in der Ambulanz,
betreut von hektischen Rettern, die stechen, Tropf anschliessen,
Halskrause überstülpen, Blut abtupfen, Herzmonitor an meinen Daumen
klammern, Sauerstoffanschluss in meine Nase setzen. «Nicht helfen,
nicht bewegen! Wir machen das schon!»
Christa hält mich an den Zehen, ich krümme sie, gebe Zeichen.
Da ist unsere einzige Verbindung. Möchte etwas sagen, aber habe
Angst, es würde pathetisch klingen. Etwas von Liebe, von Trennung,
von Tod…
Ich muss Fragen beantworten. Name, Nationalität, Alter. «Oh, sie
sehen aber jung aus.»
«Ich weiss…»
Wohin werden sie Emil bringen? Werde ich ihn wieder finden? Wie
gelange ich mit dem Mietauto zurück? Und wenn die Verletzungen
lebensgefährlich sind?
Der Sanitäter öffnet die Türe. Emils Kopf ist fixiert mit einem
Plastikkragen. Es scheine nicht allzu schlimm zu sein, sagt der
Sanitäter, aber sie müssten ihn zur Untersuchung ins Spital bringen.
«Wohin?»
« Beilinson Hospital.»
«Where is it?»
Der Sanitäter gibt keine Antwort, ist gehässig und nervös. Er
findet die Vene nicht, sticht mehrere Male in beide Arme.
«I need the adress and the name of the hospital written on a paper.»
Ich habe Angst, Emil in diesem fremden Land zu verlieren, mich
zu verlieren, alles zu verlieren.
Die Ambulanz fährt los.
Rumpelnde Fahrt mit Blaulicht und Hupen, während der ich mich
mit der linken Hand an einen Griff klammere. Meine linke Seite
schmerzt, ich bekomme kaum Atem. Das Herz vielleicht, die Lunge.
Ich bitte den Sanitäter, auf der Seite liegen zu dürfen. Er erlaubt
es nicht.
«Und wenn ich erbreche?»
«Keine Sorge. Wir werden Ihnen helfen.»
Einmal schreie ich los, als sich nach einer Kurve über mir eine
Plastikschachtel aus dem Gestell löst und auf mein Gesicht zu
fallen droht. Die Ambulanz hält, aber nicht wegen meinem Schrei.
Wir sind angekommen.
Ich setze mich in den Mietwagen, den ich gar nicht fahren dürfte.
Beilinson Hospital. Ich finde den Weg bis zur Strasse Richtung
Petah Tiqwa. Dann frage ich mich durch. Straigt on, left, right,
left, right. Ich fahre konzentriert, ganz ruhig. Ich muss Emil
finden. Etwas führt mich, ein Schutzengel, mein Instinkt, meine
Liebe?
Sonne schlägt mir ins Gesicht, dann wird es dunkel, Decken mit
Neonröhren ziehen vorbei, Emergency. Immer wieder Fragen. Name,
wie alt.
«Sie sehen jünger aus.»
«Ich weiss.»
Mehrere Ärzte und Schwestern scheinen sich nur um mich zu kümmern,
fragen, füllen Formulare aus, fühlen Puls, messen oder machen
sonst etwas. Eine Frau streift mir die Shorts und Socken aus.
Der Ambulanzfahrer rapportiert. Immer wieder höre ich das Wort
«snappling», vermute, auf Grund von Gesten, dass es klettern oder
abseilen heisst. Ich bin der Fall «snappling».
Zum Ambulanzfahrer sage ich: «Thank you for your help.»
«I didnt help you. I did my job», gibt er rüde zurück.
«You did your job well. May I thank you for that?»
Er knurrt irgendwas.
In der Notfallstation melde ich mich am Empfang. «Whats his name?»
«Zopfi.»
Er ist schon im Computer registriert.
«Wo finde ich ihn?»
«Ask a nurse.»
Ich spreche eine der Frauen in grünen Berufsschürzen an, die an
mir vorbeigehen. Sie weist mir einen Stuhl im Korridor zu, bringt
mir eine Tasse Tee. Ich lehne zurück, trinke und weine vor mich
hin.
Dann eine Stimme, von einem schwarz gelockten Engel: «Your wife
is here.»
Ja, bin offenbar noch am Leben und Christa hat mich gefunden.
Was will ich mehr? «Tell her that Im fine.»
Immer wieder der Gedanke, der mich schon in der Ambulanz verfolgt
hat: Ist der Unfall ein Zeichen? Ist es Zeit, mit Klettern aufzuhören?
Ich bin 57, was suche ich noch im Fels?
Und die schreckliche Vorstellung: Was, wenn wir allein gewesen
wären? Wenn Christa gestürzt wäre? Wenn, wenn… Ich weise die
Fragen von mir. Kein Wenn, kein Aber, heute muss ich keine Antwort
finden.
Der Arzt, der mir die Wunde auf Stirn und Nase näht, ist freundlich,
spricht italienisch mit mir. Er habe in Bologna studiert. Ich
erzähle von Rahim, vielleicht sein Jahrgang. Klar, er kennt ihn
nicht. In Bologna studieren zehntausende «medicina». Die Einstiche
der Anästhesie schmerzen ein bisschen, dann näht er rasch und
sicher den Schnitt, der sich schräg über meine Stirn und Nase
zieht, verursacht von einem scharfen Stein oder von der Brille.
Dann näht er noch eine kleine Wunde am Arm. Ich habe unglaubliches
Glück gehabt. Ungefähr ein Dutzend Häfte, zähle ich. Nach fünf
Tagen soll ich sie entfernen lassen, sonst gebe es Narben. Doch
etwas wird zurückbleiben. Ein vernarbter Schnitt im Gesicht, ein
Einschnitt im Leben.
Es dauert lange, bis sie mich zu Emil führen. Er liegt auf einem
Schragen, den Kopf immer noch im Plastikkragen. «Ich habe dich
gefunden. Wie gehts?» Der Arzt klebt ihm die genähten Wunden
mit Heftpflaster zu. Er veranlasst noch Röntgenbilder und ein
Computertomogramm. Ich gehe hinter dem Schragen her, durch düstere
Korridore, in den Lift, an Abstellräumen und schmutzigen Nischen
vorbei, dann muss ich wieder warten. Zeit spielt keine Rolle
mehr.
Stundenlang werde ich von Station zu Station geschoben, ein Dutzend
Röntgen von Kopf, Wirbelsäule, Arm, ohne jeden Bleischutz, Nerventests,
Ultraschall, sogar ein Tomogramm.
«Ist das nötig? Ich spüre überhaupt nichts», sage ich zur Schwester,
die mich begleitet.
«Es ist nötig. Sie haben Kopfverletzungen. Wir müssen alles abklären.»
Sie fragt, ob ich Tourist sei.
«Artist», sage ich. «But its more or less the same.»
«You think every tourist is an artist?»
«There are people who say that every man is an artist.»
Dann werde ich wieder in die Notfallstation zurückgeschoben, warte
neben einem stöhnenden Menschen, bis meine Daten geprüft sind.
Es ist alles ok, kommt der Bescheid. Ich müsse jedoch die Nacht
im Spital verbringen.
«Ist das nötig?»
«Ja, es ist nötig», befindet der Arzt, der mich genäht hat. «Wir
müssen Sie 24 Stunden beobachten.»
«Sie müssen ein Depot hinterlegen», sagt der Mann am Schalter.
Ich habe kaum Bargeld, nur die Kreditkarte. Er nimmt sie mir aus
der Hand, lässt abklären, wie hoch sie belastet werden kann. 2000
Franken.
«Das genügt nicht. Der Mann kommt auf die Chirurgie. Vielleicht
wird noch eine Operation nötig.»
Panik befällt mich. In welche Maschinerie sind wir geraten. «Meine
Versicherung wird die Kosten übernehmen. Ich kann Ihnen eine Bestätigung
bringen.» Das kann jeder sagen.
«Morgen früh melden Sie sich hier und bringen 1500 Schekel mit.»
Ich gehe. Der Arzt beruhigt mich. Es braucht mit grösster Wahrscheinlichkeit
keinen operativen Eingriff.
Ein mürrischer Pfleger karrt Emil in ein Zimmer, heisst ihn, ins
Bett umzusteigen, legt ihm den Beutel mit der Transfusion auf
den Bauch. Der Plastikschlauch füllt sich langsam mit Blut. Eine
Schwester kommt, hängt den Beutel wortlos auf, misst Puls und
Temperatur. Mit nassen Papierhandtüchern versuche ich Emils verblutetes
Gesicht zu waschen. Erfolglos. Wohin hat es uns verschlagen?
Christa will mich waschen, aber ich sage, sie soll nach Hause
fahren, so lange es noch hell ist. Wie das schmerzt, plötzlich
allein zu sein, getrennte Wege zu gehen. Wegen meiner Unachtsamkeit,
Dummheit, Schlamperei. Verschwitzt liege ich da, starre zur Decke.
Mein Rücken schmerzt, ich kann mich kaum drehen. Der alte Mann
im Bett nebenan stöhnt, dann liegt er wieder wie tot, die Decke
über den Kopf gezogen.
Allein mache ich mich auf den Heimweg. Die Dämmerung zeigt mir
die Richtung, im Westen liegt das Meer, Herzlyia im Norden. Im
Sog des Verkehrs fahre ich Richtung Tel Aviv, verpasse die Abzweigung
nach Haifa. Innerhalb von Minuten ist es Nacht. Ich irre von einer
Strasse in die andere, vorbei am Stadthaus, Mac Donalds, nach
rechts abzweigen, Richtung Norden, vorbei an riesigen Neubauten.
Northern Quarters. Ich halte neben einem parkierten Auto. Der
Mann am Steuer beendet zuerst sein Telefongespräch, bevor er die
Scheibe hinunterlässt. «Herzliya? Next trafficlight right, than
left.»
So finde ich aus dem Labyrint.
Im Treppenhaus kommt mir Enric, der spanische Maler, entgegen.
«Wie gehts?»
«Nicht gut, Emil ist im Spital.»
Enric umfasst mich, wiegt mich, bis ich wieder sprechen kann.
Endlich hört mir jemand zu.
Ich frage eine Schwester, ob es etwas zu essen gebe. Mürrisch
bringt sie ein Tablett mit Matze es ist ja noch Passover Gurkenscheiben,
Tomaten, Weichkäse, einem verschrumpelten Apfel. Es schmeckt mir
nicht, ich lasse fast alles stehen. Bitte um Wasser. Die Schwester
will mich nicht verstehen, bringt schliesslich einen kleinen Becher
mit Leitungswasser.
Spät kommt Igal, bringt eine Dose Brownies und Schokoladeeier,
ich verschlinge alles, während er Coke und Mineralwasser am Automaten
holt. In diesem Spital, erzählt er, sei sein Vater gestorben und
sein Sohn zur Welt gekommen. Als er gegangen ist, versuche ich
aufzustehen, schiebe den Tropf am Gestell vor mir her durch schwach
beleuchtete Korridore, sehe alles verschwommen ohne Brille. Eine
Schwester eilt mir nach, schliesst mein Spitalhemd, das hinten
offen ist, mit Klebeband zu. In einem Aufenhaltsraum sitzen ein
Mann und eine Frau, schauen mir nach. Ich versuche unsere Telefonnummer
zu wählen, obwohl ich die Tasten kaum erkennen kann. Als die Verbindung
endlich zu Stande kommt, höre ich nur den Beantworter. Eine Stunde
später nochmals derselbe qualvolle Weg zum Telefon, doch endlich
meldet sich Christa. Sie ist angekommen, ich bin beruhigt.
Lange kann ich nicht einschlafen. Ich sehe Emil verschwitzt und
mit verkrusteten Wunden im Spitalbett liegen. Mitten in der Nacht
schrecke ich auf. Die Wand zum Badezimmer leuchtet rot. Was ist
los? Brennt es irgendwo? Ich schaue nach. Es ist nur der Schalter
des Boilers, dessen Licht sich auf der weissen Wand spiegelt.
Mit geschlossenen Augen warte ich auf den Morgen.
Eine Mücke summt, ich spüre ihre Stiche auf dem Handrücken. Höre
ab und zu Schritte im Korridor, aus dem durch die offene Tür Licht
ins Zimmer fällt. Zwei, drei Mal quäle ich mich mit dem Tropf
aufs Klo. Das erste Mal finde ich die Spülung nicht, muss Klingeln
und eine Schwester fragen. Dabei komme ich mir dumm und hilflos
vor. Mein Rücken schmerzt bei jeder Bewegung, es ist derselbe
rheumatische Krampf, der mich schon in Amerika zur Verzweiflung
trieb. Diesmal setzte er gleich nach dem Sturz ein, raubte mir
den Atem. Manchmal denke ich: So beginnt ein Herzinfarkt…
Lange Nacht. Manchmal röchelt mein Nachbar. Manchmal döse ich
ein, träume irgendwas. Manchmal kommt eine Schwester, zündet das
Licht an, wechselt bei mir oder beim alten Mann den Tropf. Dann
weckt mich ein Kompressor, Baulärm setzt ein. Morgen. Ich höre
Geschirr klappern, rieche Spitalkaffee, freue mich aufs Frühstück.
Doch ich werde vergessen, und als ich es bemerke, ist es schon
zu spät. Zum Glück habe ich noch Igals Mineralwasser.
Irgenwann ist Arztvisite. Der Chef drückt mir am Bauch herum,
ohne mich dabei anzusehen. Er trägt zivil. Hört sich den Bericht
des Arztes an, der mich geflickt hat. «Snappling, Snappling…»
Mir kommt A.B. Yehosuas Roman «Rückkehr von Indien» in den Sinn,
der in Tel Avivs Ärztemilieu handelt. Nun lerne ich diese Spitalwelt
nicht nur aus der Literatur, sondern aus eigener Erfahrung kennen.
«Schmerzen?»
Ich verschweige meinen Rücken aus Angst, noch länger im Spital
bleiben zu müssen.
«You can be released», sagt der Chef.
Einer der Ärzte sagt: «But take the elevator…» Gelächter. Dann
verschwinden sie.
Endlich befreit mich eine Schwester vom Tropf-Galgen, reisst die
Kanülen heraus, sagt etwas von einem Brief, den ich zur Entlassung
brauche. Doch es dauert Stunden, bis sich ein junger Arzt bereit
erklärt, das Papier in Angriff zu nehmen. Es ist Ärztestreik,
die Mediziner im ganzen Land leisten Dienst nach Vorschrift.
Die Tür zum Ärztezimmer steht halb offen. Fünf Männer und Frauen
unterhalten sich, scherzen, einer raucht Zigarre. Ein Arzt sitzt
am Schreibtisch, vor sich ein Papier, auf das er ab und zu etwas
schreibt. Ich fixiere ihn mit meinem Blick, lenke alle Energie
auf ihn. So schreib doch endlich, Ich kann eure berufliche Situation
nicht verbessern, bin nur eine Ausländerin, aber abhängig von
euern Diensten. Emil braucht das Austrittsschreiben wegen der
Versicherung, wir können nicht einfach abhauen. Der Arzt lacht
einer Frau zu, schaut zu mir herüber, fängt meinen fordernden
Blick auf und schreibt wieder zwei Sätze.
«Wir haben so viel zu tun heute», hat er vor einer Stunde beschwichtigend
gesagt. Meine Geduld geht langsam zu Ende. Er hebt den Kopf, schaut
uns an, steht auf und überreicht Emil ein sauber beschriebenes,
vierlagiges Blatt.
«Die Sekretärin wird die nötigen Formalitäten erledigen, dann
können Sie gehen», sagt er lächelnd.
Ich bin kurz vor einem Wutanfall, als die Sekretärin nach zwei
Telefongesprächen das Blatt nochmals ins Ärztezimmer zurückbringt,
weil es auch noch hebräisch geschrieben sein müsse. Sie spürt
meinen Ärger und scheint ihre Machtstellung zu geniessen. Nach
fünf Minuten zieht sie dem Arzt das Papier unter der Hand weg.
Für Ausländer ist die englische Fassung offenbar doch ausreichend.
Endlich draussen vor dem weissen Beilinson Hospital, die grelle
Sonne im Gesicht, der Parkplatz, der Geruch nach Benzin, die Stadt
mit ihren Hochhäusern, das Verkehrchaos von Tel Aviv, durch das
Christa ruhig und sicher unser Auto lenkt, zurück ins Leben.
Tel Aviv, 16. Mai. 2000
Christa und Emil Zopfi
|
Inspektion der Absturzstelle,
eine Woche nach dem Unfall. |