| © Annette Frommherz, Bubikon numinosum(at)bluewin.ch KasparIch habe nicht geweint, damals, ich konnte nicht. Mutter weinte tagelang und Vater schwieg. Als Kaspar nach Tagen des Wartens nicht gefunden wurde, stand Vater eines Morgens in seinen Bergschuhen vor dem Küchentisch. Der Bickel schaute aus dem Rucksack, und das Seil hatte er zusammengerollt um eine Schulter gelegt. Alles, was er sagte, war: Ich gehe ihn suchen. Wir haben ihn nie aufgehalten, seither, und es sind immerhin neunzehn Jahre vergangen. Wenn das Wetter es erlaubte, kletterte Vater sonntags in immer wechselnden Routen ins Gebiet des Titlis. In einer Regelmässigkeit, wie die Tage vergehen und die Nächte hereinbrechen. Abends, wenn Vater wiederkam, schüttelte er müde den Kopf, wir wussten es bereits, wenn er unten mit schlurfenden Schritten zur Tür hereinkam. Wieder kein Zeichen, keinen Stofffetzen, der einen Hinweis geben könnte; und das nach dem 123. Berggang am Fusse des schroffen Berges. Mutter nahm das Schicksal an, irgendwie. Nur einmal sagte sie zu mir, hätte ich ihm wenigstens adieu sagen können, und sie stellte ein gerahmtes Bild von Kaspar auf das Stubenbuffet. Auch bei mir nahm das Leben seinen Lauf; ohne Kaspar, ohne meinen einzigen Bruder. An meinem Hochzeitsfest stand ich, durchschwitzt vom Tanzen, alleine auf der grossen Terrasse und sah in den funkelnden Sternenhimmel. Vater stand plötzlich neben mir, schaute hinauf und fragte in das Himmelszelt: Welcher mag er sein dort oben? Ohne Vater anzuschauen, antwortete ich: Such einen aus – den hellsten vielleicht? Lange standen wir so ans Geländer gelehnt, Vater tastete nach meiner Hand. Dann meinte er: Ich gehe zu Bett. Morgen bin ich am Titlis. Ich weiss, Paps, geh nur. Vater hat nie aufgegeben, nach Kaspar zu suchen. Auch als ich mit Ramona in den Wehen lag, hielt er sich in der Ostwand des Titlis auf, immer die Hoffnung mit im Gepäck. Die Trauer in ihm blieb stecken wie eine hartnäckige Fischgräte im Hals. Verbissen und besessen wollte er der Wahrheit und der Endgültigkeit auf die Spur kommen. Er brauchte Gewissheit. Seit er pensioniert ist, klettert Vater auch an Werktagen an den Fuss des Firnalpligletschers. Immer nimmt er einen genauen Plan mit, auf dem er vorher mögliche Stellen einkreist, wo Kaspar liegen könnte. Oder das, was von ihm übrig geblieben ist. Manchmal nimmt Mutter, wenn ich zu Besuch bin, das Fotoalbum hervor. Kaspar in knielangen Wanderhosen, roten Socken, die Wurst am Stecken und den Arm um meine Schultern. Kaspar am Fest nach der bestandenen Abschlussprüfung, rötliche, gelockte Haare, die ihm bis über die Schultern reichen, und ein breites Lachen Richtung Kamera. Kaspar auf einem der vielen Gipfel, die er erklommen hat mit einer Leidenschaft, wie er sie von Paps geerbt hatte. Seinen Rücken an das Gipfelkreuz angelehnt, die Nase im eisigen Wind, der Zukunft entgegen, wie es schien. Das Jahr 2003 brachte einen Hitzesommer. Vaters Hoffnung keimte auf, die Gletschermassen tauten weiter und gaben einen aus dem Eis ragenden Bergstock frei. Einen Stock mit einem blauen, zerfransten Fähnchen, das Kaspar immer bei sich getragen hatte. Seine sterblichen Überreste blieben weiter verschollen. Vater gab nicht auf. Inzwischen kannte er das Titlisgebiet so gut wie seine eigene Hosentasche und um einiges besser als sich selber. Kaspars Ansichtskarte aus Amden hatte drei Tage nach seiner letzten Bergtour im Briefkasten gelegen. Die inzwischen vergilbte Karte hängt mit einem Magnet am Kühlschrank. Der siebte Kühlschrank, der Kaspars letzte Zeilen an mich aushalten muss: Mieze, wir mussten wegen Nebel umkehren, aber ich werde ihn noch bezwingen, diesen Mattstock, du kennst mich ja. Ja, ich kenne dich, noch immer, manchmal sehe ich dich, im Kino vor mir, in der Strassenbahn neben mir, in Gedanken in mir. Vor allem seit gestern, als Mutter aufgeregt anrief und sagte: Vater hat ihn gefunden, hörst du, er hat Kaspar gefunden! |
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